Dezemberbrief 2009

Der Dezember schießt los wie ein Hundert-Meter-Läufer, kann dann aber nicht mehr stoppen und rennt voll in den Weihnachtsmann rein! Die Geschenke fliegen nur so durch die Luft, ein Rentier kackt auf die Laufbahn, und als sich beide wieder aufgerappelt haben, ist schon fast Januar. So kann’s kommen.

Es wird nie besser, nur anders, und wenn es dann doch mal schlechter wird, ist das eine ganz andere Sache. Ob wohl ein Mensch, der das Leben kennt, sich freiwillig einem ewigen Leben stellen würde? Die Drohung steht ja im Raum, samt Paradies-Vorstellungen und Schlaraffenland-Phantasien, und wenn man genau hinsieht, leben wir ja schon nah dran, is‘ nich‘ mehr weit, um die nächste Ecke noch, dann immer der Nase nach. Und wenn wir dann da sind, geht’s ans Apfelbäumchenpflanzen, für jeden Insassen ein eigenes, denn drunter tun wir’s nicht. Süßer die Früchte nie werden …

Dezember an sich ist ja schon schlimm genug, aber bald kommt auch noch die Zeit zwischen den Jahren, und wenn die Welt wirklich mal untergehen will, dann nur dann! Misstrauen allerorten, Unruhe, Orientierungslosigkeit, ja sogar offen ausgelebter Wahnsinn ohnehin überflüssiger Zeitgenossen, all dies blüht einem in dieser Zeit. Früher hat es mal geholfen, auf eine Nordseeinsel zu fahren, aber auch da ist jetzt alles Event, vielleicht schlimmer noch als in den Prenzlauer Bergen. Gibt es eigentlich die Möglichkeit, per Flugzeug den Jahreswechsel überhaupt zu vermeiden? Nee, natürlich nicht, dummer Gedanke. Jetzt dreh ich auch schon durch.

Vom ästhetischen Standpunkt aus betrachtet ist die Welt (und alles was dazugehört) – na was wohl? – hässlich. Da es aber umgekehrt keinen hässlichen Standpunkt gibt … Ach! … Apropos Ach: Hier ist nicht das kleistsche Ach gemeint, sondern das ungehaltene, sich selbst in die Schranken weisende. Natürlich gibt es, neben vielen anderen, auch noch das mütterliche Ach, welches etwa darauf verweist, dass der Nachwuchs hanebüchenen Unsinn redet, sich also den gutdurchdachten elterlichen Ratschlägen bezüglich der Berufswahl widersetzt und eigene Wünsche äußert. Dass dann die natürlich gutgemeinte Warnung kommt: „Wenn Du so weitermachst, wirst Du noch mal Straßenfeger“, ist eine andere Geschichte, in der kein Ach vorkommt. Ach was!

Die nächsten europäischen Diktaturen finden sich wahrscheinlich in Großbritannien und Italien, und je eher sich darauf wetten lässt, desto schneller wird’s was. In den Prenzlauer Bergen allerdings wird weiterhin die Freiheit ihr Unwesen treiben, so dass, um nur ein Beispiel zu nennen, jeder Hausbesitzer seine Fassade in fürchterlich grässlichen Farben bepinseln lassen darf, wie er lustig ist. Das wäre in einer Diktatur nicht möglich. Aber hallo!

Apropos Ach: Wie andere Ausrufe auch, alle Jas und Neins inbegriffen, lässt sich das Ach niemals so schreiben, wie es gedacht ist. Der Kontext macht hier die Musik. Dur oder Moll, gewissermaßen. Würde die Schriftsprache heute erst erfunden werden, man würde kapitulieren. Warum aber kann ich Lesungen, dem Ablesen von Schriftsprache im Radio oder etwa live in Literaturhäusern, oftmals nicht folgen? Weil meine eigene Stimme im Ohr brutal übertönt wird, obwohl mir nichts Schriftliches vorliegt? Ja. Ganz einfach: Ja.

Wer gerne niest, der soll sich doch einfach die Nasenhaare rausziehen, das spart das Niespulver. Das hat nicht Thomas Bernhard gesagt, sondern Norbert W. Schlinkert, und das wurde nicht 1986 gesagt, sondern 2009, wobei man gerne mal „im Jahre“ davor setzt, ab 2000. Also: Im Jahre 2009. Und wo wurde das gesagt? In Wien, Stuttgart, Salzburg, Bochum oder auf Mallorca? Mitnichten, nein: In den Prenzlauer Bergen! Und warum wurde das gesagt? Weil es die Wahrheit ist? Weil es die Wahrheit ist!

Nichts für ungut = Alles für gut. Hört sich nach höherer Mathematik an, und ist es auch! Also nix für mich = Alles für alle anderen? Genau. Geht doch! Der Prenzlauerberger hat eben seine eigene Logik.

Am Ende des Jahres dann doch noch etwas Seriöses schreiben zu sollen ist ja wohl ein bisschen viel verlangt. Soll’n das doch die Seriösen machen. Aber echt!

© und alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert 2009

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