Märzbrief 2010

Der März! Jetzt wird alles besser, ohne dass es deswegen weniger schlecht sein muss. Leider beginnt der Monat März des Jahres 2010 mit einem mulmigen Gefühl, alles Böse scheint sich zu entladen – ja, ich meine das Wetter, nicht etwa die Fußballergebnisse, zu denen ich mich nicht äußere. (…) Deutlich ist in jedem Fall, dass es zwischen Langeweile und Ekel zwar etwas Anzustrebendes gibt, aber wie man das erreichen soll, wissen wohl nur Mystiker und der ein oder andere Baum. Vielleicht sollten wir einfach mal fragen gehen.

Das Böse ist ebenso – langweilig wie das Gute, wird aber von den Guten als spannend verkauft, während das Gute von den Bösen zwar auch verkauft wird, nicht aber als spannend, sondern als rührend. Das musste mal gesagt werden, sonst könnte ich ja gleich ein Gedicht schreiben. Jau!

Auf den Gipfeln der Prenzlauer Berge ist der Schnee geschmolzen. Dass Schnee unter Berliner Umständen ein weißes und geruchloses Übel ist, dürfte allen klar geworden sein, selbst wenn Schlitten gefahren wurde an der Aso-Schräge im Mauerpark. In Zukunft werden die Winter kalt sein, meist trocken, und wenn nass, dann regnerisch. Woher ich das weiß? Reines Wunschdenken, weiß und geruchlos.

Und (noch) ein Gedicht:
Ich geh mal eine Runde raus,
sag ich mir und reiße mir die neue Lesebrille vom alten Kopf.
Kalt zwar, aber sonnig, will eine Fahrkarte am Automaten kaufen, damit ich heute Abend nicht in Eile,
weil die Bahn gleich kommt, eine kaufen muss,
ich hasse das, die Scheiß-Bahn,
und dann dieser S-Bahn-Spruch „Zurückbleiben bitte!“,
da könnte ich wahnsinnig werden,
was bilden die Arschlöcher sich ein,
mir vor der Nase wegzufahren,
was glauben die, wer sie sind.
Ich weiß es.

Fällt mir nix ein, fällt mir nix ein. Ein Satz gnadenloser Schönheit, ein Teller Suppe. Wem das zu wenig Effektivitätsdenken ist, sei gesagt, dass Denken nicht klug macht, sondern müde. Und wem das wie großer Unsinn erscheint, der soll doch gefälligst selber denken, meinethalben groß und bedeutend. Ich kümmere mich dann später drum. Und damit zurück in die Sendezentrale.

Die Windmühlen knarzen so vor sich hin und werfen ihren Räder in die Luft, immer im Kreis, immer im Kreis. Auch in den Prenzlauer Bergen knarzen sie, und mahlen und mahlen und mahlen. Der Müller in seiner Mühle mahlt, und wenn er aus seinem krachenden Ungetüm heraustritt, wirft er einen Blick auf den Mauerpark, in dem all die Prenzlauer-Berge-Intellektuellen ihre Köpfe vorführen, teilweise auch als Remake, warm gebettet in schnittigen Kinderwägen oder immerzu plappernd an den schlauen Händen ihrer Erzeuger hängend. Da wendet sich der Müller mit Grausen ab und tut einen Schritt in seine Mühle hinein, um weiter zu mahlen, je feiner, desto besser, denn das ist die Aufgabe. Doch davon wissen die da draußen nichts.

Kann man sich eine solche Schwäche erlauben in den Prenzlauer Bergen? Das ist die Frage. Die Antwort ist NEIN, kann man nicht. Um was geht es? Richtig, es geht um Gedichte, ich kann sie nicht lesen, weil ich nicht dranbleibe an den fremden Worten, Gedichtbände sind bei mir fehl am Platze. Was kann da helfen, frage ich mich. Hören wäre eine Lösung, und tatsächlich kann ich Gedichte verstehen, begreifen und gleich auch noch genießen, wenn ich sie, vom Dichter selbst, höre. Mit Prosa ist es da ganz andersherum, da stört das Vorgelesenbekommen fast immer, ich kann nicht dranbleiben und sehe mir stattdessen die Schuhe des Dichters an, das sagt dann mehr als der Text. Wie im richtigen Leben.

Über den Augenblick hinaus – das sagt sich so leicht mal so hin. Gemeint ist natürlich: Nachhaltigkeit. Kein Satz mehr ohne dieses schöne, feste Wort, das sagen will, es sei alles nur gut, wenn es um die Ewigkeit geht, mindestens. Auch andere Worte streben in diese Richtung, etwa Unnachgiebigkeit, auch sehr schön, steht stolz und stur in der Gegend herum wie eine deutsche Eiche, mindestens. Und jetzt kommt die Pointe, weil es sonst nicht nachhaltig ist, was ich hier schreibe, denn das ist wichtig, da bin ich unnachgiebig. Das war’s schon.

Ästhetik ist immer mehr als der mehr oder weniger schöne Schein, mal ganz abgesehen davon, dass es so etwas gibt wie negative Anmutungsqualität; am Ende liegt Schönheit eben immer im Auge des Betrachters. Wohl kann es auch sein, dass der schöne Schein nicht auf ein ästhetisches Etwas verweist, sondern sich selbstverliebt selbst genügt. Da fehlt dann der Mehrwert, das über die Erscheinung hinaus Erinnerte, das mitunter unvermutet als Schein wieder auftaucht, ausgelöst vielleicht durch einen Lindenblütentee und eine Madeleine, um nur einmal das berühmteste aller Beispiele einer Wiederherstellung zu erwähnen, die zu einer schönen, nicht voraussetzungslosen Erscheinung führt. Was das mit den Prenzlauer Bergen zu tun hat? Dem ersten Anschein nach nichts!

Jetzt neigt er sich, der März, nämlich seinem Ende zu. Er wird dann auf immer gewesen sein, ewig der selbe März, unveränderbar er selbst, für immer. Am Ende kennt man ihn ganz gut, man war ja mit ihm zusammen, aber man kann ihn nicht einfach noch einmal leben, so wie man etwa einen Film noch einmal sieht oder ein Buch noch einmal liest. Das gilt natürlich für alle anderen Monate, sind sie einmal vorbei, ebenso, was als Beweis dafür herhalten mag, dass das stimmt, mit dem ewigen März. Man kann natürlich auch sagen, er ist einfach vorbei – das geht auch.

© und alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert 2010

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