Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/4

Als Genrebezeichnung findet sich auf dem Titelei-Blatt Essay / Erzählung. Das ist nicht ganz zutreffend, denn wenn schon Essay, dann im Plural, und eine Erzählung ist schlicht etwas anderes, es sei denn, es ist das nichtliterarische Erzählen über und von Literatur gemeint. Vielleicht findet sich aber auf der S.25 der Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens eine Antwort, denn dort heißt es unter der Überschrift Sogar der Kitsch: „Im Literarischen Weblog greifen Erzählung, ihre Poetologie und Produktivitätstheorie ineinander. Der Leser muß sich nur angewöhnen, in ihm wie in einem Buch zu blättern, wobei er teils den inneren, teils den hinausführenden Verweisen folgt, die bei Mitspielern auch wieder zurückführen.“ Einzuwenden ist an dieser Stelle, daß der Leser in einem Buch gemeinhin nicht blättert, sondern in ihm liest, obwohl er allen textimmanenten Verweisen geistig und gedanklich zu folgen trachtet, soweit er sie lesend (und dabei quasi mitschreibend) erkennt.

Doch ein Weblog ist kein Buch, und Herbst bekennt offen, die Arbeit an oder in seinem Dschungel sprunghaft zu betreiben, anders vorzugehen als beim Roman, an dem meistens kontinuierlich gearbeitet werde. [Letzteres ist eine steile These, der wir nicht zustimmen können; die Bündelung der „Informationen“ auf einer Ebene täuscht ein kontinuierliches Entstehen gemeinhin aber vor.] Der „Fluß der Dschungelerzählung“ aber werde wieder und wieder unterbrochen, die vielen Leser seien insofern um den Preis der Konzentration erkauft (so wird aus der Produktivitätstheorie eine Produktivitätspraxis), was aber eine neue Qualität erstehen lasse, des Erzählens nämlich, wozu eine „jederzeit hellwache Gegenwart des Dichters zählt“, denn dieser ist sich des direkten und erkennbaren Zugriffs auf sein Werk bewußt. Eine Qualitätssteigerung des Erzählens wird somit nicht durch, sondern als erhöhte Aufmerksamkeit des Dichters fixiert, davon jedenfalls scheint Herbst auszugehen. Kreist so nicht alles Geschehen um die Person eben dieses Dichters? Und ist dies, frage ich, wirklich beabsichtigt? Das Literarische Weblog zieht in jedem Fall unmittelbar Leser an, diese kreisen um den Herrn oder die Herrin des Weblogs und spiegeln ihn oder sie wieder, nur eben nicht stumm (wie der unbekannte Leser oder der Zuhörende bei einer Lesung), sondern mehr oder weniger wortreich.

Eben dies, das wortreiche Spiegeln, ist durchaus gewollt, scheint mir, eben dies ist ja eben integraler Bestandteil der Erzählung. Herbst schreibt: „Schrieben und schreiben wir n i c h t jahrelang ins Leere? Und wußten über die ganze Zeit nicht, wer und o b es wer lesen wird? Dieses ändert ein Weblog. Sofort.“ (S.23) Das erinnert ein wenig, die Älteren werden sich entsinnen können, an Max Frischs „Öffentlichkeit als Partner“; unter Umständen ist diese Konstruktion geeignet, als Vorläufermodell für das Weblog herzuhalten. Hält der Dichter die Leere also nicht aus? Hätte er gerne seine Worte verstanden zurück, anstatt sie in die weite Welt hinauszusenden auf Nimmerwiedersehen? Wahrscheinlich braucht der Dichter beides, um leben zu können, ach was, er braucht ganz bestimmt sowohl die Fülle als auch die Leere. (Weitermachen!)

 

 

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