Zu Michael Lentz: Textleben/2

Ich lese kaum Zeitgenossen, eher die gut abgehangenen Autoren und Autorinnen, bzw. deren Texte. Doch nicht nur ist Michael Lentz ebenso wie ich Jahrgang 1964 und auch aus dem Westen der Republik (dem echten Westen), er hat auch noch eine Schreibe von rotziger Gegenwärtigkeit ohne jede Anbiederung an den Leser – ich frage mich, ob er in der Leipziger Schreibschmiede als dortiger Professor die Anbiederungstendenzen seiner Studenten eher fördert oder eher zu verhindern sucht, und wenn ja, warum. 

In Textleben finden sich unter der Überschrift Ist schreiben nicht lächerlich? einige Einblicke in Lentzens eigene Schreibprozesse, ursprünglich ausgesprochen im Rahmen seiner Poetik-Vorlesung in Wiesbaden 2008. Ich frage mich beim Lesen dieses Textes beständig, ob an den witzigen Stellen jemand gelacht hat und wenn, ob eher die Jungs oder die Mädchen. 

Schreiben überhaupt, sagt Lentz, erscheine ihm manchmal unanständig (S.117) und sei eine Tätigkeit der Wollust, ein kindliches Spiel, eine Form von unstillbarer Regression, eine Schizophrenie (Dauerspaltung der Selbstbeobachtung), es sei der von Anfang an zum Scheitern verurteilte Versuch, den Dingen auf den Grund gehen zu können. (S.118) An anderer Stelle heißt es, Literatur habe eindeutig etwas mit sadomasochistischen Dispositionen zu tun. (S.113)

Wenn das alles wahr ist, dann ist es völlig normal, daß von dem von mir insgesamt Geschriebenen mindestens Dreiviertel überhaupt nicht beachtet und zudem nicht mal 10% bezahlt werden. Warum schreibe ich trotzdem? Ich weiß es natürlich ungefähr, so wie ich ungefähr weiß, wer ich bin, doch was denkt der Andere darüber, ungefähr. Lentz fragt sich immerhin selbst: „Heißt das insgesamt, Literatur sei ein Lebensproblem?“ Die Antwort („Durchaus“) überrascht nicht, so kann, so muß man das sehen. Eine Lösung ist natürlich auch nicht in Sicht, denn, so Lentz, „ist das Buch gescheitert, kommt eben noch das krisenhaft erfahrene Scheitern hinzu. Ich kann meine Bücher nicht mehr sehen. Habe ich zunächst eine Art erotischer Beziehung zu dem Buch, an dem ich gerade schreibe, geht es mir auf die Nerven, kaum dass es erschienen ist.“ (S.122)

Mir geht mein Buch schon jetzt auf die Nerven, trotz der engen, arbeitsintensiven und wenn man so will erotischen Beziehung, denn es ist das Gegenteil von Vernunft, es so gut wie nur irgend möglich zu machen, wenn es einem dann nach Erscheinen noch mehr auf den Geist geht, mal ganz abgesehen davon, daß man mit ethisch-moralisch fragwürdiger Arbeit wesentlich mehr Geld verdienen könnte. Künstler sind Clowns, traurige, die viel zu lachen hätten.

 

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