Oktoberbrief/4 (2011)

Der alte Zausel hat ein Interview gegeben, der Süddeutschen Zeitung. Darin behauptet er, er könne mit den Spielregeln der Gesellschaft nichts anfangen und sie nur verspotten, die Laberrunden im Fernsehen seien immer auf der gleichen Informations- und Selektionsstufe, und dann auch noch diese Rettungsschirme und Ich-AGs. Am Helmholtzplatz am Prenzlauer Berg sehe man nur noch Ich-AGs mit ihren kleinen Ich-Kindern, ihren Ich-Computern und ihrem Ich-Ökoterror. Was sagt man dazu, der Mann geht mit offenen Augen durch die Welt! Überhaupt hält er unsere anglo-amerikanisierte Gesellschaft für langweilig, dumm und bevormundend, für unerträglich kleinbürgerlich – und das sei beleidigend für jede Form von Intellektualität. Ha! Da muß man sich doch nicht zugleich die Diktatur zurückwünschen, um ordentlich Widerstand leisten zu können gegen die jeder Diktatur innewohnende Kleinbürgerlichkeit, Herr Castorf. Warum nicht die ganze Spießerbande vom Helmholtzplatz deportieren, selbstverständlich nur auf der Bühne, wobei einem besonders die Kinder leid tun müßten, um sie dann in einem sibirisch oder kubanisch anmutenden Lager vergammeln oder arbeiten zu lassen! Nein, nein, damit muß der Theatermensch noch warten, bis dieser kleinbürgerliche Befall der Prenzlauer Berge historisch geworden ist – das dürfte dann der nachfolgenden Theatermachergeneration obliegen, wenn es sie denn geben sollte. Bis dahin muß ganz real und sofort Widerstand geleistet werden! Warum inszenieren sie nicht einfach mal Wagners Ring in Bayreuth, das wäre doch ein Anfang, Herr Castorf! (Siehe: „Man kann nicht anders, als man ist“. Interview mit Frank Castorf, Süddeutsche Zeitung, Freitag, 28. Oktober 2011, S.15.)

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