Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/6

Die literarische Arbeit wird, schreibt Herbst in seiner Theorie, zu einer Lebensform, gehe es doch um die Realisierung von Innenwelten, welche dazu tendierten, ein Lebensmilieu zu schaffen. (S.27) Lebensmilieu hört sich zwar ein wenig absonderlich an, so als hocke der Dichter wie eine Kröte in seinem ihn ernährenden Tümpel, aus dem er, weil es auch sein Sucht-Raum ist, kaum mehr entkommen kann, trifft aber dennoch genau den Punkt, denn es ist ein selbstgeschaffenes. (Kröten sind, das nur am Rande, dämmerungs- und nachtaktiv und halten sich tagsüber eher versteckt, so daß sie als Wappentier des Schriftstellerstandes durchaus infrage kämen.)

Die das Milieu ausmachende künstlerische und die kybernetische Sucht (also nicht das einfache, unproduktive Konsumieren von Suchtmitteln) sei nämlich, so Herbst weiter, eine produzierende, nicht zuletzt, weil der Lebensalltag eine Verkopplung der verwandten Tätigkeiten zulasse. Man kann, so Herbst weiter, „von der Wohneinheit in die Arbeitseinheit wechseln, ohne die Dynamik selbst verlassen zu müssen. Wiederum haben beide einen Zug ins vereinsamende Asoziale, und zwar sogar dann, wenn ihnen gemeinschaftlich nachgegangen wird.“ (S.28) Ist der Dichter nun allein mit sich, wie weiter angedeutet wird, allein auf seiner Station im kybernetischen Raum, die in Wirklichkeit nicht etwa Teil einer community, sondern eine Monade ist?

Der Dichter als produktiver und ganz freiwilliger Gefangener seiner eigenen Innenwelt also? Diese Sichtweise erinnert nicht zuletzt an Novalis, der folgendes zu Papier brachte: „Die Poesie schaltet und waltet mit Schmerz und Kitzel – mit Lust und Unlust – Irrthum und Wahrheit – Gesundheit und Kranckheit – Sie mischt alles zu ihrem großen Zweck der Zwecke – der Erhebung des Menschen über sich selbst.“ (Vorarbeiten 1798. Nr.42) Wenn denn nun die Poesie all dies Allzumenschliche beinhaltet, was spräche dagegen, sie als das ganze Leben zu nehmen, die sogenannte Außenwelt nicht als eine gesonderte wahrzunehmen, vor allem auch, wenn die von Herbst angesprochene kybernetische Tätigkeit mit der künstlerischen gleichsam vermählt ist? Novalis deutet etwas Ähnliches an, wenn er bemerkt: „Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren. Wo sie sich durchdringen, ist er in jedem Punkte der Durchdringung.“ (Blüthenstaub. Nr.19.) Derselbe Dichter formuliert zudem einen Satz, der als Motto in des Herbstes Die Dschungel stehen könnte: „Eine sinnlich wahrnehmbare, zur Maschine gewordene Einbildungskraft ist die Welt.“ (Das Allgemeine Brouillon. Nr.70) Es ist nichts weniger als verdienstvoll, wenn Alban Nikolai Herbst all die schon in der Romantik gestellten Fragen nach dem Künstlerischen in der Welt neu stellt – angesichts unseres neuen Mediums, des Internets. 

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