Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/8

Ist das Private im Schwinden begriffen? Nach Jahrzehnten des durch den Wohlstand hierzulande beförderten Sich-Zurückziehens haben die neuen Medien und die technischen Möglichkeiten eine Umkehrung eingeleitet bzw. bewirkt. Die Trennung von Privat und Öffentlichkeit ist, so scheint es, weniger strikt als noch in den 1990er Jahren. Jene paar Minuten „Berühmtheit“ will ganz offensichtlich fast jeder haben, koste es, was es wolle. Damit einhergehend ist gemeinhin der Verlust der Kontrolle über die „Daten“, denn jedes einmal veröffentlichte private Bild, jeder gesagte Satz ist ratzfatz zu kopieren. Wie also wäre es möglich, das Private hinaus in die Welt zu geben, es dennoch aber nicht zu verlieren, ja sogar eine gewisse Kontrolle zu behalten?

Alban Nikolai Herbst sagt dazu in seiner Theorie, Privatheit werde im Literarischen Weblog, dem jedes Phänomen zum Werkstück gerät, eine Geschichte, das Private werde, sofern gut formuliert, literarisiert. (S.33f.) Das hört sich gut an, ist aber womöglich etwas zu optimistisch gedacht. Warum? Kurz gesagt, weil die „Geschichte“, in dem die Privatheit des Autors Teil des Geschehens ist, kein Anfang und kein Ende, keine sie haltenden Form hat. Zwar ist das Geschriebene nachvollziehbar, weil menschlich, zwar sind auch die Umstände erkennbar, weil unserer Alltagskultur inhärent, doch (ver-)leiht der Leser dem „Ich“ nicht die Lebendigkeit, die einem gutgebauten Roman-Ich zu eben dieser verhilft. Der Grund dafür mag ganz banal darin liegen, daß die formlose Form nicht mit dem Menschen heutiger Prägung kompatibel ist, er die von sich aus notwendige Hinbewegung zu dem sich auf ihn zubewegenden Ich der Geschichte nicht leistet, weil er den Zugang nicht findet. Herbst schreibt ja selbst (S.29), das Literarische Weblog habe etwas überindividuell Abstraktes und lasse keine emotionale Vertrautheit zu.

Doch was heute nicht funktioniert, ist vielleicht morgen schon eine neue literarische Form, denn immerhin haben wir heutzutage die erste und bald schon zweite Generation, die mit dem multifunktionalen Rechner aufgewachsen ist. Interessant wäre es zu erfahren, wie jung der Jüngste ist, der sich ernsthaft mit Literarischen Weblogs beschäftigt, denn eben dieser oder diese könnte ja schon eine emotionale Nähe zum technischen Gerät und zum dort Gebotenen haben, die uns Nicht-Jugendlichen fremd ist. Auch der Roman heutiger Prägung entstand etwa Mitte des 18. Jahrhunderts in einem Umfeld, in dem zunächst kaum jemand Verständnis aufbrachte für diesen neuen Typus des Helden, der nicht mehr wie im „Ritterroman“ Funktionsträger war, sondern beseeltes, lebendiges Ich, ein poetisches Ich also. Vielleicht also wartet das weblogliterarische Ich nur auf seine Leser, die da kommen werden. Das stimmte dann schon ein wenig optimistischer.

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