Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/10

Vorsicht, jedenfalls eine bestimmt Art derselben, mache Kunst schlecht. So Alban Nikolai Herbst in seiner Theorie. (S.39) Man könnte statt Vorsicht auch Rücksicht sagen, nämlich auf die eigene Existenz, der man schadet, bleibt man radikal. Herbst spricht von der „Idee der befreiten öffentlichen Biografie“, deren künstlerischer Wert von der Radikalität bestimmt wird, die aber dann verunmöglicht wird durch die Rechte der Menschen, mit denen selbst das kunstbesessenste Ich sozial verbunden ist. Das kann, davon weiß der Herbst ein Lied zu singen, zu realgerichtlichen Auseinandersetzungen führen, wenn sich denn ein realer, mit dem Autor verbundener Mensch in real existierender Literatur in Form offener Verunglimpfung dargestellt sieht. Natürlich, alle Schriftsteller schreiben heutzutage nur noch von sich selbst, über sich selbst, glauben sich als Exempel sehen zu dürfen für Leser, die sich dann selbst erkennen können in ihrem allzumenschlichen Allerlei. Diese literarische Schwäche (wenn sie denn eine solche ist) findet allerdings gemeinhin im Buch statt und hat somit Gegenstandscharakter. Die Literarisierung im Literarischen Weblog ist hingegen womöglich eine andere, unmittelbarere, denn der Herr des Dschungels bekennt, er sei selbst als Verfasser poetischer Texte nicht als strukturierender Autor tätig, sondern als eine literarische Figur aus einem Roman (S.38).  

„Wirklichkeit“ fiktionalisiert sich lange vor dem Roman. Dies jedenfalls werde, so Herbst, im Literarischen Weblog zum Thema, es gehe einerseits darum, das ungebrochen Private unzensiert darzustellen, andererseits um den Ausweis, daß der Leser dies als Fiktion rezipiere. Hier ergäbe sich das Bild möglicher Wirklichkeiten, wie Die Dschungel sie meine, nämlich aus der dadurch entstehenden Dynamik von Fiktion als Realität und Realität als Fiktion. (S.39) Ob dies funktioniert, sei dahingestellt – mancher möchte einwenden, das Leben einfach Roman zu nennen, mache das Leben nicht spannender, die Fiktion von Nähe (von Autor und Leser, von Leser und Autor) sei auch dann kein Lesevergnügen, wenn der Leser sich mittels der Kommentarfunktion als Figur einfügt. Handelt es sich also um die Nachahmung realen Lebens im realen Leben, die Fiktion realen Lebens im Medium, auf daß sie wieder zurückwirke ins reale Leben? Gibt man sich selbst zu Protokoll, um Figur zu werden? Letzteres mag zumindest auf den Autor als öffentlichen Tagebuchschreiber in vollem Maße zutreffen. Herbst schreibt: „Öffentliche Tagebuchschreiber gehen mit sich um, als wären sie Protagonisten einer Erzählung“, dieser begreife das Leben ganz offen als Roman. (S.41) Das ist sicher so etwas wie in sich gekehrte Schizophrenie, die als solche bereits tradiert ist (durch die Eigenen Lebensbeschreibungen und Biographien seit dem frühen 18. Jahrhundert), doch ob es im neuen Medium als Kunstform funktioniert, wird sich am Leser entscheiden, beziehungsweise an der Frage, ob er sich am schon vorhandenen und immer neu weiterentstehenden Stoff herausbildet. Unter Umständen wird das Literarische Weblog in Zukunft etwa so gehandelt werden wie Memoiren, bei denen man im Unterschied zu Biographien Hinzudichtungen und Veränderungen nicht nur akzeptiert, sondern in gewisser Weise erwartet, weil der Autor sich selbst als literarische Figur setzt, auch als die, die der Leser gerne sehen möchte.  

      

Dieser Beitrag wurde unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.