Robert Walsers „Der Räuber“ (1)

„Sein edles Banditenantlitz lachte. Sein aufleuchtender Bejahungsgeist dichtete Verse. Zu jeder Bewegung der Sängerin sagte er jubelnd ja. Er bettete sich in lauter Superlative. Alles rings um ihn bekam Elektrizität. Seine Zufriedenheit glich einem Leuchtturm.“ (In: Aus dem Bleistiftgebiet. Bd.3. S.33) Der Räuber ist ohne Zweifel der Mittelpunkt der Welt, die er mit seinem Bewußtsein bestreicht. Aber warum heißt der Räuber der Räuber? Überfällt er alte Damen oder junge Stutzer, raubt er Banken aus oder Juweliergeschäfte? Mitnichten, der Räuber beraubt Geschichten, und daß sich dies reimt ist eine Kunst, so erbitt‘ ich Eure Gunst.

Doch Spaß beiseite, das ist ein ernster Vorgang, denn tatsächlich las der Räuber immer solch kleine Volksbüchlein und machte sich aus den gelesenen Erzählungen ureigene zurecht. Dabei lachte er auch noch! (S.37) Nun, denken wir, tun wir das nicht alle, nämlich Geschichten zusammenzubauen und auch noch darob zu lachen? Solange man nicht nur einen einzigen Dichter oder Schriftsteller beraubt, sondern alle, ist nichts dagegen einzuwenden (Nur Bert Brecht darf nicht beraubt werden, obwohl er es selbst ebenso leichthin tat wie der Räuber, weil sonst die Brecht-Erben leer ausgingen. Da geht es schließlich um Geld!). Ansonsten gilt, alles was einem Autor zustößt, stößt ihm zu, läuft ihm über den Weg, macht sich ihm bemerkbar, siedelt sich in seinem Hinterstübchen an, mogelt sich ins Hirn, überfällt ihn hinterrücks und so weiter. Sollen die Geschichten doch froh sein, geraubt und mit anderen zusammengebracht zu werden. Der Räuber stiftet also Literaturorgien.

„Schreiben und Lesen sind eine Tateinheit“, das schreibt Michael Lentz (Textleben. S.53), und das ist allein schon deshalb richtig, weil Text und Leser sich begegnen und gemeinsam etwas ausspinnen, indem der Text sich lustvoll berauben läßt, damit der Leser ebenso lustvoll das Geraubte zu einer ganzen Geschichte macht. Die Geschichte ist dann mehr als nur die Summe von Text und Leser. Natürlich wird ein Text vorher aus allen möglichen Räubereien gemacht, nicht nur Texte sind zu berauben, auch das eigene Leben und das aller Freunde und Feinde, so daß wir also am Ende feststellen müssen, daß eine ständige Räuberei geschieht, und es geht nichts dabei verloren, ganz im Gegenteil. So etwas kann nur die Kunst.

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