Vernunft, Liebe und Amerika: Sophie Mereau-Brentano entdeckt eine Welt (Essay)

Die Ende des 18. Jahrhunderts im Raum stehende Frage nach einem sittlichen Ideal und seiner Darstellbarkeit muß Sophie Mereau [1] intensiv beschäftigt haben. In ihrem 1794 in Gotha zunächst anonym erschienenen Roman Das Blüthenalter der Empfindung unternimmt sie den Versuch, das Sein und das Werden sowohl eines weiblichen als auch eines männlichen Ideals im Rahmen einer in politische und soziokulturelle Ereignisse eingebundenen Liebesgeschichte darzustellen. Eine kritische Würdigung ihres Romans bleibt allerdings weitgehend aus, auch wenn er durchaus zur Kenntnis genommen wird. Friedrich Schlegel schreibt 1796, mit aufgesetzt wohlwollender Herablassung [2], in einem Brief an seinen Bruder August Wilhelm folgendes:

„Ich habe neulich in der Sophie M. Blüthenalter geblättert. Das ist sehr spaßhaft. (…) – Anfangs tritt ein junges Wesen auf, in dem alle möglichen Gefühle Purpurisch durcheinanderfluthen. Es sizt dabey ganz gelassen im Grase. Ich sage es, weil ich gewiß glaubte, es sey ein Mädchen; es sollte aber ein Junge seyn.“ [3]

Die Annahme, das berichtende Ich sei weiblich, liegt allerdings zunächst nahe, denn immerhin ist, auch wenn im weiteren Verlauf schnell deutlich wird, daß der Ich-Erzähler ein Mann ist, die Vorrede glaubhaft mit „Die Verfasserinn“ [4] gezeichnet. Daß Friedrich Schlegel zunächst eine Ich-Erzählerin annimmt, obwohl hier ganz zu Beginn von einer vom Vater verordneten allein unternommenen Bildungsreise die Rede ist, zeigt allerdings auch, daß er tatsächlich nicht sehr aufmerksam gelesen haben kann. So heißt es im Roman-Text: „Im Vollgenuß der Gesundheit, in keine Verhältnisse verwickelt, von keinen Vorurteilen gefesselt, stand ich da – ein freier Mensch!“ [5], ein Bekenntnis, das zu dieser Zeit keine Frau im Ernst hat machen können. So korrespondiert die Erzählperspektive des männlichen Ich-Erzählers Albert, geschrieben von einer Frau, mit dem von ihm beschriebenen weiblichen Ich der Hauptfigur Nanette. Diese „Dreier-Konstellation“ wirft die Frage auf, inwiefern die Autorin ihren Helden Albert so zeichnet, wie sie sich einen Mann im wirklichen Leben wünschte, nämlich sowohl emotional als auch lernfähig, was sich hier vor allem dadurch ausweist, daß der Mann sich selbst im Nachhinein als zu Beginn der Handlung noch nicht voll handlungsfähig beschreibt, am Ende des Romans aber selbständig zu handeln und zu entscheiden weiß. [6; kommentierende Zusammenfassung] Es zeigt sich damit aber auch, daß die Hauptperson Nanette diesen Prozeß zu Handlungsbeginn bereits hinter sich hat; zumindest ist dies die naheliegendste Annahme, wenn man dem Erzähler Glauben schenkt. Als Albert ihr (gegen Ende der Handlung) die Nachricht vom Tod des geliebten Bruders Lorenzo überbringt, erkennt er,

„daß ich Nanettens Wert noch nicht in seiner ganzen Größe kannte. Ihr Geist hatte eine Reife, die der meinige noch unter Kämpfen zu erringen strebte, und sie hatte in ihrer Selbstbildung viele Schritte vor mir voraus getan. Hier lernte ich fühlen und verstehen, was wahre Größe und Selbständigkeit ist, und was sie vermag.“ [7]

Beide dürften somit (am „Ende“ des Romans) einem wie auch immer gedachten „sittlichen Ideal“ recht nahe kommen, während ein (namenloser) Bruder Nanettes das Gegenteil dessen verkörpert. Die weibliche Hauptfigur agiert allerdings keineswegs passiv „wie eine Sonnenuhr und Sonnenblume“ allein im Nachvollzug vorgegebener Momente, wie dies Jean Paul in seiner Vorschule der Ästhetik weiblichen Roman-Figuren unterstellte [8], sondern eigenständig und tatkräftig; sie wird dabei zunächst nicht von Männern, sondern „nur“ von der Tante unterstützt. Dies zeigt die besondere Rolle Alberts, die er aber nicht a priori nur aufgrund seiner angestammten Position als Mann einnehmen kann, sondern in die er hineinzuwachsen hat. Denn obwohl er am Geschehen beteiligt ist, ist er sowohl als Berichterstatter im Schreiben als auch in seiner Rolle der Nachvollziehende, der Reagierende, und dabei zunächst ja auch nur der zufällig Involvierte, während der vollständigere Charakter Nanette ist. Zu den Geschlechterrollen in den Romanen Mereaus schreibt Katharina von Hammerstein:

„Statt bloßer Widerspiegelung fremdbestimmten Frauenlebens entwirft Mereau Handlungsgänge, die – wie in anderen Frauenromanen auch ­– um Liebe kreisen, aber darüber hinaus um Möglichkeiten der freien Selbstausbildung und des selbstbestimmten Handelns zum eigenen Glück und Wohle anderer. Sie kreiert weibliche wie männliche Figuren, die den enggesteckten Rahmen der zeitgenössischen Geschlechtsrollenvorgaben sowie die Zwänge der liebesfeindlichen Konvenienzehentradition überschreiten und das Lesepublikum ermuntern, nonkonforme Handlungs- und Lebensweisen wenigstens in der Welt der Vorstellung in Betracht zu ziehen.“ [9]

Zwar ist Nanette keinesfalls in psychologischer Manier oder überhaupt nur ausführlich gezeichnet, doch sind es gerade die zumeist in romantische Naturmystik eingebetteten Schilderungen Alberts, die Raum schaffen für die notwendige Belebung der Figur der Nanette durch den Leser [10], während der Ich-Erzähler die Ende des 18. Jahrhunderts bereits tradierten, normierten Gefühlsmuster der Empfindsamkeit für sich wie automatisch durchspielt. [11] So entsteht das Paradox, daß der Ich-Erzähler ernst genommen und gleichsam als authentisch akzeptiert wird, während sein von ihm beschriebenes eigenes Ich blaß und konturlos bleibt. Daß aber, wie Herman Moens schreibt, „die Rolle der weiblichen Hauptperson eher komplementär“ sei und sie zur Selbstentfaltung des Helden beitrage, ja ihn dazu bringe, „die äußeren Zwänge zu durchschauen und zuletzt abzulehnen“ [12], ist zwar der Konstellation nach richtig, doch hat Nanette keineswegs, wie bereits gesagt, eine passive, „weibliche“ Rolle inne, ist sie doch gerade wegen ihrer Handlungsfähigkeit dem „Helden“ um einiges voraus. So ergänzt sie, deren Lebensgeschichte sie zu einem reifen, charakterstarken Ich hat werden lassen, nicht Alberts kaum erwachte Männlichkeit um die unvermeidliche Geliebte, sondern bereichert seine Welt durch ihr Vorbild an Stärke, die nicht rechtfertigend bewiesen werden muß, sondern vorausgesetzt ist. Wie sehr ein Mensch unter einer ähnlichen Bedrohung zerbrechen kann, zeigt ja gerade das Beispiel ihres Bruders Lorenzo, der am Ende resigniert und aufgibt.

Der Stärke Nanettes zollt der Erzähler Albert von Beginn an Tribut, so daß die Maßgabe ihres handlungsstarken Charakters alles Weitere bestimmt. Ob in diesem Bild der glorreichen Frau auch eine von Mereau bewußt hineingeschriebene Spur Sarkasmus gegenüber Männern liegt, die Frauen gerade nicht als Menschen, sondern als Ideale betrachten, ist nicht klar zu entscheiden, liegt aber durchaus im Bereich des Möglichen, zeigt doch bereits der Beginn des Romans die Diskrepanz zwischen seiner unbedarften Naivität und ihrer Selbständigkeit. So belauscht Albert unabsichtlich das Gespräch zwischen Nanette und einem Mann, in dem sie seine Einlassung, sie sei seiner Liebe nicht wert gewesen, scharfsinnig und selbstsicher kontert, und geht dann einen Umweg, um sie sehen zu können; gerade dieses „Knabenhafte“ und das blitzartige Verlieben offenbart hier die noch unreife Jugendlichkeit Alberts. Er beschreibt die Unbekannte folgendermaßen:

„Der ruhige, sanfte Ausdruck ihres Gesichts, der geistvolle Zug der um Mund und Auge schwebte, die zarte Frische ihrer Formen, die gefällige Anmut, die alle ihre Umrisse überfloß: alles dies vollendete die Schöpfung ihrer Augen.“ [13]

Diese Frau erscheint als bereits „geworden“, auch wenn Albert zunächst natürlich nur das Äußere beschreibt und alles andere im Verliebtsein aufgeht. Doch allein die Tatsache, daß Nanette sich noch einmal nach ihm umblickt, ist als Aufforderung ihrerseits zu verstehen, ihr zu „folgen“. Zunächst aber ist Albert verwirrt; er erscheint als der (Ende des 18. Jahrhunderts schon nicht mehr ganz zeit-)typische Empfindsame, der eben wegen dieser „Einseitigkeit“ vom Vater in die Welt geschickt wird, ganz ähnlich wie der Heinrich von Ofterdingen des Novalis, um lernen zu sollen. So heißt es gleich zu Anfang des Romans:

„Mein Vater wünschte mich vor Einseitigkeit gesichert zu wissen, er wollte meine Kenntnisse vervielfältigen, meine Begriffe berichtigen, und meiner Urteilskraft eine freiere und festere Richtung geben. Deshalb ließ er mich reisen, und ich befolgte seinen Willen gern.“ [14]

Dies muß für ihn in erster Linie heißen, ein Gleichgewicht herstellen zu können zwischen noch jugendlich überbordendem Gefühl und noch unreifem, wenn auch heftig arbeitendem Verstand. So ist Albert, als er die besagte Antwort der Unbekannten hört, ergriffen von der glücklichsten Mischung „von ruhiger Feinheit und treffendem Witze“ [15], während er, der urplötzlich Verliebte, bald schon feststellen muß, wie ihm zum ersten Mal das Gefühl seiner Selbst zur Last wird. Das unselbständig-empfindsame und damit normierte Ich Albert regt sich, noch immer zwar in typischer Art und Weise, ist aber fixiert auf ein Wesen, das so frei zu sein scheint, wie er es für sich selbst nur behauptet. Auch Nanette ist natürlich nicht eigentlich frei, denn sie muß, mit Hilfe ihrer Tante, vor den Nachstellungen ihres skrupellosen, intriganten Bruders [16] fliehen, doch ist sie es auf andere Weise, indem gerade sie nicht einseitig ist, weder aus Naivität noch aus Bösartigkeit, sondern ausgeglichen durch eine klare und deutliche Haltung, die weder dem Gefühl noch dem Verstand die alleinige Oberhoheit zuweist. Diese Zielsetzung erkennt auch der ob seines Gefühlsüberschwanges leidende Albert, als er das Verschwinden Nanettes feststellen muß und, mit sich selbst und der ganzen Welt in Streit geratend, in Schwermut verfällt. Immerhin stellt er schließlich fest:

„Meine gesunde Vernunft und eine glückliche Organisation retteten mich endlich aus einem Zustande, der bei so glühender Einbildungskraft und so auflodernden Gefühlen leicht hätte gefährlich werden können. (…) Unvermerkt ward ich aus dem Beobachtenden zum Mithandelnden; (…) Ich fühlte es – der Mensch muß handeln.“ [17]

Noch ist es ein Gefühl, noch bezieht sich Albert auf die Natürlichkeit von „gesunder Vernunft“ und „glücklicher Organisation“, auf gleichsam Vorgegebenes, auf das er wenig Einfluß hat. Nachdem er Nanette nun einmal verloren hat, wendet er sich neu dem Leben zu, lernt bald ihren Bruder Lorenzo kennen, ohne um seine Identität wissen zu können, ja er findet sogar Nanette unversehens in Paris auf der Fête de la Fédération am 14. Juli 1790 wieder, um ihrer schließlich erneut und ohne eigenes Zutun verlustig zu gehen, und natürlich kann er sich ihrer Zuneigung nicht sicher sein. So kehrt er, auf Wunsch des Vaters, endlich in die Heimat zurück, und er scheint tatsächlich (ein wenig) gereift zu sein.

Was Sophie Mereau im ersten Drittel des (recht kurzen) Romans den Lesern vor Augen führt ist sicher kaum mehr als eine übliche, abenteuerliche Liebesgeschichte, die ihre Aktualität zunächst nur aus dem Kontext der Französischen Revolution und des damit verbundenen Freiheitsbegriffes zieht. Das Verliebtsein, der überaus starke Bezug zur Natur, die harmlos-naive Empfindsamkeit des Jünglings läßt kaum mehr erwarten als ein glückliches Wiedersehen der Verliebten am Ende. So kommt es, aber dennoch entsprechen Albert und Nanette nicht ausschließlich einem vorgefertigten Bild von Mann und Frau. Im Falle Alberts ist es die Rückkehr zur „mütterlichen Erde“, die ihm immerhin, gut „heraklitisch“, zu Bewußtsein bringt,

„daß wir nie das wieder werden können, was wir einmal aufgehört haben zu sein. Die Erfahrung die wir machen, die Gefühle, die in uns entwickelt werden, ändern unaufhörlich an unserm Wesen – und kein Gott kann ihre Wirkung aufhalten!“ [18]

Nicht das eigene Gefühl, kein Gott und keine Tradition können das Werden eines Ich letztlich hemmen, doch muß dies nicht folgerichtig in Harmonie und Glückseligkeit enden, wie er erkennen muß. Der Natur kann sein Herz nun nicht mehr „die magische Beleuchtung einer lachenden Phantasie“ [19] verleihen, er scheint nicht mehr im Einklang mit ihr leben zu können. Schließlich findet er, nach dem Tod des Vaters auf Reisen, zwar eine Art Gastrecht in ihr, als er in einem reizenden, in den Bergen versteckten Tal bei einer Hirtin [20] und ihren Kindern unterkommt, doch dient ihm dieses „Schäferidyll“ letztlich nur dazu, fernab von seiner Welt zu neuen Kräften zu kommen, um die „Fackel seiner Menschenliebe“ aufs neue zu entzünden. Ein Werden aber findet hier nicht statt: der Absturz ist vermieden, ein Weiterkommen unmöglich.

So ist es wieder die Natur, die ihn zunächst einlullt, die ihm dann aber (mittels eines Unwetters) Nanette blitzartig wieder zuführt, als diese sich zugleich mit ihm in die Hütte der Hirtin rettet. Das Glück ist plötzlich wieder da, eine recht unwahrscheinliche Wendung, die nicht das Ende der Geschichte bedeuten kann. Natürlich ist Albert immer noch weit entfernt von wahrer Einsicht in das Wesen der Geliebten, auch wenn er das Wiedersehen als den ersten heiligen Moment „eines neuen seligern Daseins“ [21] empfindet. In Nanette kann er in jedem Fall immer noch nicht mehr sehen als ein Ideal. So heißt es:

„Welches Leben in diesen Zügen! welche feine Mischung von glücklichem Scharfsinn und warmer Empfindung! welche zarte Verwebung von ungekünstelter Natur und feinerer Bildung, von jugendlichem Frohsinn und ruhiger Vernunft! Meine Phantasie wußte nichts hinzuzusetzen, und fand hier ihr kühnstes Ideal erreicht.“ [22]

Wie gesagt, die Geschichte kann hier nicht beendet sein, denn dem möglichen poetischen Ich Alberts ist noch kein Leben eingehaucht, es verbirgt sich noch in der Larve der Normativität. Auch die Schilderung Nanettes entspricht, auch wenn ein Mehr gleichsam hineingelesen wird, noch weitgehend den idealisierten Vorstellungen eines normativen, weiblichen Ich. Darüberhinaus aber ist es im grunde allein der Tatsache der Autorschaft Sophie Mereaus und ihrer Absichten hinsichtlich der Darstellung der selbstbewußt eigenständig lebenden Frau geschuldet, daß das männliche Ich sich weiter zu entwickeln hat und das weibliche mit ihrer (von Albert falsch verstandenen) Idealität diesem Werden als ein bereits Gewordenes dienen kann. [23] Die Handlungsfähigkeit Nanettes aus innerer, individuell konnotierter Notwendigkeit erschließt sich somit auch vom Ende her in der Erkenntnis des an ihr gewachsenen Alberts, der ob der Reife und der charakterlichen Stärke seiner Auserwählten diese gleichsam, aus seinem Gefühl heraus, zu seiner Mentorin macht, zu der er, durch Liebe und Erkenntnis, aufsteigen muß, um ihrer würdig zu werden. Bezeichnenderweise aber ist Albert bald unzufrieden mit der im Grunde nur platonischen Liebe, die allein möglich zu sein scheint, bliebe er bei seiner pantheistischen [24] und empfindsam-idealistischen Weltsicht. Offenbar ist ihm Nanette nun bald zu ideal, um wahr zu sein. In der Tat schreibt ihm Sophie Mereau, als Höhepunkt der weltfremden Idealisierung, zunächst noch die folgende Erkenntnis des Wesens seiner Geliebten zu, die Nanette zu einem normativen weiblichen Ich stilisiert, welches von der Natur verwöhnt und ohne eigenes Zutun „gut“ ist, während er weiter als der typische empfindsame Jüngling dasteht, der, fast wie der mittelalterliche Minnesänger, nur hoffen kann, ihrer im Rahmen vorgegebener Verhaltensmuster würdig zu werden. Albert beschreibt „seine“ Nanette recht ausführlich und offenbart dabei sicher mehr über sich, als daß er ihrem Wesen tatsächlich gerecht würde. Er schreibt:

„Nanette war fern von allem erkünstelten Wissen; ihr ganzes Studium schränkte sich bloß auf die Kenntnis der Menschen ein, aber von natürlichem Scharfsinn unterstützt, hatte sie sich in Beurteilung und Schätzung der Menschen eine Fertigkeit erworben, die ich nie habe fehlen sehen. [25] Dieser tief eindringende, geübte Blick, machte ihren Umgang zu einer unerschöpflichen Nahrung für den Geist. Ihre Urteile waren immer voll Eigentümlichkeit und Tiefe, nie nachgebetet und seicht. Die Wahrheit ihrer Begriffe von dem reinsten Gefühl begleitet, machte sie gerecht gegen andre, gab ihr Frieden mit sich selbst, Selbständigkeit im Gedränge der Umstände. Ein freundlicher Genius schien unablässig den Eingang ihres Herzens zu bewachen, und keiner üblen Laune den Zutritt zu verstatten. Für zweifelhafte Übel hatte sie Erfindsamkeit, ihnen auszuweichen, für gewisse, Mut, sie zu ertragen. Die glückliche Mischung ihrer Säfte verlieh ihr eine unzerstörbare Heiterkeit, die beneidenswerteste Fertigkeit, an allem die genießbare Seite aufzufinden und zu benutzen. Sie war reizbar ohne Schwäche, heiter ohne Unempfindlichkeit; gefühlvoll, ohne sich selbst zu quälen, vernünftig ohne Anmaßung.“ [26]

Diese Schilderung ist auf der einen Seite sicherlich die einer (für den standesbewußten und konservativen Mann des späten 18. Jahrhunderts) geradezu idealtypischen Frau, andererseits aber auch so etwas wie eine Teil-Selbstbeschreibung der Mereau selbst. [27] Im Rahmen des Romans sind die Eigenschaften, die Nanette zugeschrieben werden, im Grunde nicht mehr als nur die Grundlage für jede Art von Selbständigkeit im Denken und Handeln; auffällig ist dabei zum einen der rousseausche Impetus von Natürlichkeit, die frei sich entwickeln kann, wird sie nur angemessen, von einem „freundlichen Genius“, geschützt [28], zum anderen aber auch die Ähnlichkeit mit dem Bild, das Sophie Mereau in der Jenaer Gesellschaft verkörpert. Im Roman finden sich zwar keine weitergehenden Beschreibungen der als in sich gefestigt gezeigten Nanette, die eben nicht am Schmerz zerbricht, weil sie ihn zu bändigen weiß und somit auch die Kraft hat, den bedrohlichen Verhältnissen zu entfliehen, doch ist diese Leerstelle des Nichtbeschriebenen mit dem Geheimnis ihres Werdens „gefüllt“, dessen Gehalt ja gerade Albert dazu bringt, ihre geistige und moralische Stärke anzuerkennen und sie sich zum Vorbild zu nehmen. Katharina von Hammerstein zitiert einen wohlwollend lobenden Text des „Mereau-Verehrers“ Karl Abraham Eichstädt, der in erster Linie Schönheit, Talent und Geist der Mereau preist [29], und merkt dazu an:

„Schön, talentiert, geistreich, unaufdringlich. Welche Diskrepanz aber zwischen dem gefälligen Liebreiz des Erscheinungsbilds und dem „Sturm in der Seele“ (16.7.1796), den das Tagebuch bloßlegt. „Meine Ruhe ist Traum; meine Freude (…) ist das Lachen der Verzweiflung, meine Harmonien sind einzelne abgerißne Töne die von fernen Freudensälen durch die Einöde hallen“, formuliert Sophie Mereau in einer jener Betrachtungen, von denen sich nicht eruieren läßt, wann sie geschrieben wurden und ob sie als Schreib­entwürfe dienten oder als autobiographische Skizzen gelten können. Fest steht jedoch, daß sie ihre Stimmungsschwankungen, deren Offenlegung einem Vergehen gegen das anmutig heitere Weiblichkeitsbild der Epoche gleichkäme, eher dem Papier als der Öffentlichkeit anvertraut. Mit dem Tagebuch schafft sie sich ein Ventil für die aufgestaute, nach innen gekehrte Frustration.“ [30]

Im Roman bleiben seelische Probleme, Zweifel und Unsicherheiten einerseits Andeutung, so weit es sich konkret um Nanette handelt, andererseits aber werden sie Albert als Teil seines Werdens zugeschrieben, das ihn am Ende auf die Stufe Nanettes bringt, der er die nun selbst errungenen Fähigkeiten, nach Überwindung der eigenen Naivität, im Grunde nicht mehr als natürlich gegeben zuschreiben dürfte. Mereau hatte sicher nicht im Sinn, in ihren Texten bloß gefällige, eindimensionale und damit normative Charaktere zu schaffen; Formulierungen in Briefen an den Geliebten Heinrich Kipp, in denen die Rede ist vom Freiraum der poetischen Phantasie, die es ihr erlaube, immer nach Gefallen in der Weite umherzuschweifen [31], deuten dies an. Daß es in Das Blüthenalter der Empfindung das (selbst berichtende) männliche Ich ist, dessen Werden aufgezeigt wird, spricht auch keineswegs dafür, die weibliche Hauptfigur als eindimensional betrachten zu dürfen. Herman Moens sieht es allerdings als fragwürdig an, daß der männliche Held überhaupt eine Entwicklung „vom empfindsamen Jüngling zu einem gegen die Verhältnisse aufbegehrenden Befürworter der Freiheit“ [32] vollzieht, da die anfängliche Sentimentalität nicht verschwinde und auch die positive Bewertung der Vernunft schon am Anfang vorhanden sei. Moens übersieht dabei, daß Albert zu Beginn die Vernunft nicht wirklich kennt, da er allein seinem Gefühl lebt, während sein Vorbild Nanette sich weltfremde, vernunftferne Sentimentalität nicht erlauben kann angesichts der Bedrohung durch den intriganten Bruder, der sie ihrer Freiheit und ihres Erbteils zu berauben trachtet. Erst die Liebe und die damit verbundenen Umstände offenbaren Albert die Kraft und Notwendigkeit des konkreten, situationsbezogenen Denkens und geben Nanette am Ende die innere Ruhe und die Möglichkeit zu offenherzigen Gefühlen. Moens betont hingegen:

„Da außerdem der Roman aus der Sicht des Helden sich entwickelt, erscheint die Rolle der weiblichen Hauptperson eher komplementär: die Frau trägt zur Selbstentfaltung des Helden bei und bringt ihn dazu, die äußeren Zwänge zu durchschauen und zuletzt abzulehnen. Das Versteckspiel, das Nanette mit ihm treibt, wird wohl kaum von ihr selber bestimmt, sondern eher von dem schlechten Bruder, und es ist auch der Held, der sich schließlich zur Auswanderung entschließt. Nanette besitzt gewisse Merkmale, die deutlich einer Weiblichkeitsauffassung entsprechen, nach der die Frau ausschließlich eine auf die Männerwelt bezogene, ergänzende Funktion zu erfüllen hatte.“ [33]

Moens scheint davon auszugehen, daß sich Albert in Nanette täuscht, auch noch, als er die Geschichte ihrer Liebe zu Papier bringt; dies hieße aber, ihm keinesfalls die Reife zuzubilligen, zu der er nach eigener Aussage gekommen ist. Doch dies widerspräche dem Dargestellten, denn die Handlung des Romans wird, so läßt sich in jedem Fall konstatieren, eben dadurch vorangetrieben, daß „Gefühl“ und „Vernunft“ erst dann wirklich zusammenfinden, als die offenherzige Schilderung seiner wahren Gefühle, seines Verlangens nach aufloderndem Gefühl und Leidenschaft [34], Nanette dazu bringt, ihr Schicksal zu berichten, um es, wie Albert es wünscht, ganz an das seinige zu ketten. Hier erschließt sich dem Leser die innere Notwendigkeit des Handelns auf der Grundlage von tatsächlich vorhandener Vernunft und Einsicht sowie die des sich gegenseitigen Ergänzens. Folgerichtig ist es nun an Albert zu handeln, indem er Nanettes Bruder Lorenzo, der ja auch sein Freund ist, sucht. Plötzlich ist Albert, letztlich als Folge der Offenbarung seines tiefempfundenen (auch sexuellen) Verlangens, kein Bildungsreisender und empfindsamer Jüngling wie zuvor, sondern hat jetzt endlich tatsächlichen Anteil am Schicksal durch selbständiges Handeln. Im Auftrag von Nanette und ihrer Tante, ebenso aber im eigenen Auftrag, selbst wenn er das Bittere der Trennung von Nanette als unerträglich empfindet, sucht und findet er den verschollenen Lorenzo, verliert ihn aber endgültig, als dieser sich wegen einer aufgrund konfessioneller Vorurteile unmöglichen Liebe zu Luise das Leben nimmt. Tief erschüttert beginnt Albert zum ersten Male wirklich zu denken, weil er zu zweifeln beginnt, nicht nur an der Religion. Er begreift auch die Verzweiflung Lorenzos angesichts dessen Erkenntnis, daß es weder einen Beschützer in den Wolken gibt noch ein Beeinflussen des eigenen Schicksals möglich sei. [35] Die naive Weltsicht, mit der Albert bisher so gut durchs Leben kam, löst sich buchstäblich auf. So heißt es:

„Die fürchterlichsten Zweifel an allem, was den Menschen wichtig ist, zerrütteten meine Ruhe. Ich hatte bis jetzt mein Gefühl gebildet – meine Denkkraft hingegen weniger geübt; und doch ist das richtige Verhältnis zwischen beiden allein die Bedingung unsres Glücks.“ [36]

Albert schwankt geradezu zwischen zwei normativen Weltbildern, seinem bisherigen Glauben an eine Art „Ästhetik des gelingenden Lebens“ und einem von Lorenzo erkannten Determinismus, der nur die Handlungsmöglichkeit bereithält, sich letztlich das Leben zu nehmen. Dies eben ist, so hatte Albert es von Lorenzo gehört, die Freiheit, die bleibt. Lorenzo:

„Und hat der freie Mensch nicht vor unedlern Wesen, die ein drückendes Dasein langsam dahin schleppen, bis es ein Zufalle zerstört, das voraus, daß er freiwillig ein aufgezwungenes Dasein vernichten kann? – Welcher kühne Gedanke, das Schicksal selbst zu beherrschen, und mit stolzer Entbehrung die zu leben vergönnten Tage als überflüssig zurück zu geben.“ [37]

Albert ringt, als ihm diese Möglichkeit des Selbstmords wirklich bewußt wird, mit sich und der Welt; auf der einen Seite ist ihm die ewige Wiederkehr des Gleichen, als etwas Natürlichem, einsichtig und erscheint ihm notwendig, auf der anderen Seite droht er gerade an diesem Gedanken zu zerbrechen, denn bleibt auch der Lebensfunke, so wird ihm klar, als solcher naturgemäß bestehen, so ist doch das eigene Ich durch den Tod auf ewig untergegangen. [38] Endlich aber wird er der Aufgabe, zwischen den Extremen zu vermitteln und Gefühl und Verstand in das richtige, lebendige Verhältnis zu setzen, gerecht. So heißt es:

„Wenig fehlte, – und auch ich erlag der erdrückenden Anstrengung meines Zustandes, wo wir bald vor eigner Größe schwindeln, bald in Staub zerstieben, jetzt mit Zweifeln ringen, und jetzt einer fürchterlichen Gewißheit zu entrinnen streben, bald dem Schicksal trotzen, und jetzt der Notwendigkeit erliegen. Ich fühlte – was ich noch nie in so unbezwinglicher Stärke gefühlt hatte – das Bedürfnis, ein System zu haben, das in seiner göttlichen Erhabenheit alle Zweifel aufnehmen und entscheiden, das den sinkenden Geist aufrecht halten und ihn vor Verzweiflung bewahren könnte.“ [39]

Albert löst sich von seinem Dasein als rein empfindsamer Jüngling und beginnt zu handeln, aus eigener Erkenntnis, aus eigenem Antrieb heraus einzugreifen in das Geschehen, um eben nicht sein Schicksal nur dann in der Hand zu haben, wenn er denn Selbstmord beginge. So versucht er also endlich den Lauf der Dinge zu verändern, doch im Vater der von Lorenzo geliebten Luise findet er, gleichsam als Exempel, nur einen Menschen, der nicht lebt, sondern vegetiert [40], zugänglich weder für Gefühl noch Verstand. Besonders aber angesichts der leidenden Luise verstärkt sich zusehends seine „Bitternis gegen die verschrobnen Verhältnisse der Gesellschaft“ [41]. So wird ihm eben das überdeutlich, was sowohl Lorenzo als auch die von ihm idealisierte Nanette lange schon haben schmerzlich begreifen müssen, daß nämlich die gesellschaftlichen, die politisch-religiösen Verhältnisse einen zum Teil vernichtenden Einfluß auf das Individuum, sei es männlich oder weiblich, haben können. Die von Mereau dargestellte Leidensgemeinschaft, die von allen Beteiligten gleichermaßen Einsatz verlangt, ohne dem Mann allein den aktiven und der Frau allein denn passiven Part zuzubilligen, gewinnt so durch den erwachsen werdenden, sich an der Stärke Nanettes orientierenden Albert an Hoffnung hinzu, gerade auch in Kontrast zu der Hoffnungslosigkeit Lorenzos.

Albert erkennt nun angesichts des Schicksals Lorenzos und Luises in der Liebe zweier Menschen zueinander einerseits immer noch den natürlichen Trieb der Natur, andererseits aber jetzt auch ein unveräußerliches Recht jedes einzelnen Menschen, das nicht beschnitten werden darf durch eine Obrigkeit:

„Ist Liebe, wenn sie nicht wählt, etwas anders als ein blinder Trieb des Bedürfnisses? Und kann sie bei ihrer Wahl die Verhältnisse mit in Anschlag bringen, von denen nicht sie die Stifterin war, die weit eher Werke des menschlichen Mißtrauens und ihres Hasses zu nennen sind, und die sie alle vergessen und entbehren lehrt? Was Liebe fordert, kann Liebe nur gewähren; was sie verdient, nur durch sie belohnt werden; was sie leidet, kann Liebe nur würdigen. – Bedarf es, um zu lieben, erst der Erlaubnis eines Dritten?“ [42]

Waren ihm die Revolutionsfeierlichkeiten 1790 in Paris allein ein Fest der Sinne und der Hoffnung gewesen, so ist ihm angesichts zerstörter Lebensentwürfe die Forderung nach Freiheit und Rechtssicherheit nun existentiell. Er begreift die Notwendigkeit, seine Liebe zu Nanette tatkräftig zu leben, sie ist ihm nun ein „System“ mit festen Regeln, und da er jetzt selbst unter Druck gerät, der Selbstmord Lorenzos hatte einige Aufmerksamkeit erregt, so daß letztlich auch der Aufenthaltsorts Nanettes hätte aufgespürt werden können, reist er ab, zurück zu Nanette, einerseits hoffnungsfroh, andererseits verzweifelt, „nun mit eigner Hand die schönen Blüten ihrer Hoffnung zerstören“ [43] zu müssen. Er hofft, die Konsequenz ihrer Denkungsart würde Nanette „dahin bringen, ihre Kräfte keinem zwecklosen Harm aufzuopfern, sondern lieber zu retten was noch zu retten war“ [44]. Weiter heißt es:

„Ich betrog mich nicht – meine allzuängstliche Besorglichkeit zeigte vielmehr, daß ich Nanettens Wert noch nicht in seiner ganzen Größe kannte. Ihr Geist hatte eine Reife, die der meinige erst noch unter Kämpfen zu erringen strebte, und sie hatte in ihrer Selbstbildung viele Schritte vor mir voraus getan. Hier lernte ich fühlen und verstehen, was wahre Größe und Selbständigkeit ist, und was sie vermag. Nanette hatte ihren Lorenzo mit voller Seele geliebt; die Nachricht die ich ihr brachte, erschütterte ihr Gefühl in seinen innersten Tiefen. Sie verließ mich mit dem lebendigsten Ausdruck ihres Schmerzes. Nach einigen Stunden kehrte sie zurück, – als Kämpfende hatte sie mich verlassen, als Siegerin sah ich sie wieder. Mit den Waffen der Vernunft hatte sie mit ihrem Schmerz gerungen, und ihn nicht verdrängt, aber gebändigt.“ [45]

Der allzu naiven Sichtweise auf Nanette ist Albert also endlich entkommen; er erkennt hinter der Fassade der idealtypischen Frau die menschliche, die individuelle Stärke. Die sich wandelnde Sicht Alberts auf Nanette zeichnet so in gewisser Hinsicht auch ihren Werdegang nach, so wie sie den seinen beleuchtet. Allein in der Betonung, den Schmerz nicht verdrängt, sondern mit der Vernunft gebändigt zu haben, zeigt sich eine Qualität der Erkenntnis Alberts, vor allem da er ja mit dem selben Schmerz zu ringen hat.

Die Liebe zueinander gibt beiden neue Kraft, doch auch hier kann die Geschichte angesichts des Leidens und der gewonnenen Erkenntnisse nicht enden. Zwar sind die Liebenden nun gleichsam in Liebe, Schmerz und Selbsterkenntnis vereint, doch ist noch keine Konsequenz gezogen aus den Verhältnissen der Welt. Zunächst scheint jedoch keine unmittelbare Notwendigkeit eigenständigen, gemeinsamen Handelns zu bestehen, denn die durch Vernunft und vor allem durch die gelebte Liebe gewonnene Gegenwart als einer gemeinsamen Identität könnte idealtypischer nicht sein:

„Wir lebten wieder auf. Eine liebliche Beleuchtung umfloß von neuem die zarten Umrisse unsrer Lebensfreuden. Näher und mit jedem Tage näher und inniger vereinigte diese glückliche Zusammenstimmung unsre Empfindungen und unsre Grundsätze.“ [46]

Doch das Idyll ist bedroht, nicht wegen der Ungleichheit der Liebenden, die ist überwunden, sondern wegen der unnachsichtig nach den Gesetzen von Macht und Gewalt handelnden „Welt“. Das Zusammenstimmen der „Empfindungen und Grundsätze“, von „Empfindsamkeit“ und „Vernunft“, eben das, was Albert in seiner Erschütterung über Lorenzos Tod als Notwendigkeit erkannt hat, kommt hier, angesichts der Bedrohung durch Nanettes (namenlosen) Bruder und eines möglichen Verbots des Zusammenlebens wegen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit, als eine gemeinsame Kraft zum tragen. Es ist Albert, der mit dem Jüngling zu Beginn des Romans wenig gemein hat, der für sich feststellt:

„Die Gefahr war dringend; das Ungewitter schwebte über unsern Häuptern [47], – noch ein Windstoß – und es verschlang uns. Ein unwiderstehliches Mißbehagen an meiner bürgerlichen Lage [48] übermannte mich. Mir graute vor den gesetzlichen Formen, die so vieler Ungerechtigkeit den Weg offen lassen, – ich dürstete nach einem freiern lebendigern Genuß meiner Existenz.“ [49]

Doch es bleibt nicht bei diesem Gefühl des Mißbehagens. Albert kommt zu einer Erkenntnis, die er schließlich Nanette „mit dem vollen Tone der Liebe“ [50] offenbart. Hier zeigt er sich endgültig als eine Persönlichkeit, die entscheidet und handelt, und nicht zuletzt steht dieses von Sophie Mereau beschriebene Ich quasi für die Belebung der von Immanuel Kant gestellten Aufgabe des Menschen, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. [51] Der (gemeinsame) Entschluß, nach Amerika zu gehen, zeitlich unmittelbar im Zusammenhang mit der Französischen Revolution, direkt hinein in die „neuen glücklichen Verhältnisse eines jugendlichen Staates“ [52], bringt dann vor allem Möglichkeiten zur individuellen Entwicklung mit sich. Leider jedoch beläßt es Sophie Mereau bei diesem „Prolog“ zu einem Amerika-Roman, denn viel mehr kann dieser recht kurze Text nicht sein; die Leser und Leserinnen hätten sicher gerne erfahren, wie es den Liebenden ergangen ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, angesichts neuer Herausforderungen, die mit Verstand und Gefühl zu meistern sind.

Norbert W. Schlinkert


[1] Sophie Friederike Schubart (1770-1806), bekannt geworden als Sophie Mereau. Zu ihrem Lebenslauf siehe: Katharina von Hammerstein: Ein Nachwort zu Sophie Mereau-Brentanos Leben. In: Sophie Mereau-Brentano: Wie sehn‘ ich mich hinaus in die freie Welt. Tagebuch, Betrachtungen und vermischte Prosa. Herausgegeben von Katharina von Hammerstein. München 1997. S.249-278.

[2] Sophie Mereau gehörte allerdings zu den etwa von Schiller und Goethe geförderten „Weibern“. Siehe dazu: Ein Nachwort zu Sophie Mereaus Romanen. S.263f. und passim. In: Sophie Mereau-Brentano: Das Blütenalter der Empfindung. Amanda und Eduard. Herausgegeben von Katharina von Hammerstein. München 1997.

[3] Zitiert nach: Sophie Mereau-Brentano: Das Blütenalter der Empfindung. Amanda und Eduard. München 1997. Anmerkungen. S.293. Hervorhebung im Original.

[4] Sophie Mereau: Das Blüthenalter der Empfindung. Herausgegeben von Herman Moens. Faksimiledruck der Erstausgabe. Stuttgart 1982. („Ein paar Worte über das Folgende“; Ohne Paginierung.)

[5] Sophie Mereau-Brentano: Das Blütenalter der Empfindung. Amanda und Eduard. München 1997. S.11.

[6] Da die Kenntnis der Handlung des Roman nicht, wie etwa bei Goethes Werther, vorausgesetzt werden kann, sei die kommentierende Zusammenfassung von Katharina von Hammerstein zitiert: „Die Handlung, die eine Liebesgeschichte mit dem aufklärerisch-philosophischen Freiheitsdiskurs und politischen Ereignissen des Pariser Revolutionssommers von 1790 verbindet, tritt hinter den weltanschaulichen Reflexionen eines sich selbst und die Welt entdeckenden Ich-Erzählers im ersten Jünglingsalter zurück. Auf der für junge Männer der besseren Stände obligatorischen Bildungsreise nach Italien verliebt sich der für alle Eindrücke und Empfindungen empfängliche Schweizer Albert in eine Unbekannte ­– Nanette. Undurchsichtige Mächte entreißen ihm mehrfach ihre Gegenwart, doch begleitet ihn fortan ihr zum Ideal erhobenes Bild. Inmitten freiheitstrunkener Volksmassen anläßlich der Fête de la Fédération am 14. Juli 1790 stößt Albert durch Zufall in Paris wieder auf seine von Freiheitssinn und Enthusiasmus verklärte und ihm dadurch umso seelenverwandtere Geliebte. Nach abermaliger Trennung führt ein weiterer Zufall die nunmehr Liebenden auf einer einsamen Schweizer Alpenhütte wieder zusammen. Ihre glückliche Verbindung wird wiederholt von einem Repräsentanten der feudalistisch-patriachalischen, korrupt-materialistischen Machstrukturen in Gestalt von Nanettes skrupellosem, intriganten Bruder gestört, der sie ihrer Freiheit und ihres Erbteils zu berauben trachtet. Ein Grauen vor den gesetzlichen Formen, die so vieler Ungerechtigkeit den Weg offen lassen und insbesondere einer Frau keinen Schutz ihrer natürlichen Rechte gewähren, veranlaßt die Liebenden, nach Amerika auszuwandern; dort erwarten sie, als selbstbestimmte Individuen in einer freien Gesellschaft das Glück eines frei gewählten Liebesbundes erleben zu können.“ Ein Nachwort zu Sophie Mereaus Romanen. In: Sophie Mereau-Brentano: Das Blütenalter der Empfindung. Amanda und Eduard. a.a.O. S.269. Zu ergänzen ist die Rolle des zweiten Bruders Lorenzo, der, vom älteren Bruder aus Eigennutz zum Klosterleben überredet, sich nach der Flucht aus dem Kloster einem unsteten Wanderleben hingibt und schließlich an der religiösen Intoleranz seiner Zeit zerbricht und Selbstmord begeht.

[7] Sophie Mereau-Brentano: Das Blütenalter der Empfindung. Amanda und Eduard. München 1997. S.56. Hervorhebung N.W.S.

[8] Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. In: Ders.: Sämtliche Werke. Abteilung I. Fünfter Band. 6., korrigierte Auflage. München, Wien 1995. S.217. § 58.

[9] Katharina von Hammerstein: Ein Nachwort zu Sophie Mereaus Romanen. In: Sophie Mereau-Brentano: Das Blütenalter der Empfindung. Amanda und Eduard. a.a.O.: S.268.

[10] Ein poetisches Ich erscheint ja in erster Linie vor dem „geistigen Auge“ des Lesers; dazu bedarf es zumeist nicht der kleinteiligen Beschreibung, sondern des maßvollen Wechsels zwischen Nähe und Distanz, Wahrheit und Irrtum, Denken und Tat und so weiter. Allerdings bietet Mereau durch ihren Ich-Erzähler Albert keine große Vielfalt in bezog auf Nanette an, da ihr Gewordensein vorausgesetzt wird.

[11] Zum eigenständig und zielführend Handelnden wird er erst am Ende, als er aus der bedrohlichen Lage den Entschluß ableitet, nach Amerika auszuwandern. Durch diesen blitzartigen Gedanken wird er gleichsam zu einem vollständigen, selbstgewissen Ich, so daß er Nanette zu überzeugen in der Lage ist. Die „Autorschaft“ Alberts, der im Abstand diese Geschichte erzählt, macht den Roman Mereaus zum ersten „Amerika-Roman“ der deutschen Literatur.

[12] Sophie Mereau: Das Blüthenalter der Empfindung. Stuttgart 1982. Nachwort. S.19.

[13] Sophie Mereau-Brentano: Das Blütenalter der Empfindung. Amanda und Eduard. München 1997. S.14.

[14] a.a.O.: S.11.

[15] a.a.O.: S.14.

[16] Dieser Bruder ist in seiner leidenschaftlichen Bösartigkeit dem Roquairol Jean Pauls aus dem Titan (1800-1803) recht ähnlich.

[17] a.a.O.: S.19. Hervorhebungen im Original.

[18] a.a.O.: S.25.

[19] a.a.O.: S.28.

[20] Diese wird, obgleich selbständig und alleinerziehend, mehr als Naturwesen denn als moderner Mensch geschildert, etwa wenn ihre Gastfreiheit nicht als Tugend, sondern nur als Ausdruck ihrer Natur klassifiziert wird.

[21] a.a.O.: S.29.

[22] a.a.O.: S.31.

[23] Auf der anderen Seite dient die Figur des Albert der Autorin. Katharina von Hammerstein schreibt: „Indem sie den männlichen Ich-Erzähler Albert zum Sprachrohr ihrer weltanschaulichen Betrachtungen wählt, spielt sie mit den Möglichkeiten einer doppelgeschlechtlichen Erzählperspektive, die ihr erlaubt, nicht nur einen sensiblen, toleranten, gefühlvollen Mann zu entwerfen, wie sie ihn im tatsächlichen Leben weder in Friedrich Ernst Karl Mereau noch in Clemens Brentano fand, sondern ihm obendrein neben revolutionären noch frauenrechtlerische Parolen in den Mund zu legen, möglicherweise in der Hoffnung, deren ideologische Durchschlagskraft beim Publikum auf diese Weise zu erhöhen.“ In: Sophie Mereau-Brentano: Das Blütenalter der Empfindung. Amanda und Eduard. München 1997. Ein Nachwort zu Sophie Mereaus Romanen. S.270.

[24] „Für mich gab es keine toten Formen mehr; mit heiliger Ahndung sah ich aus allen Wesen geheime Deutung hervorsprossen, und vernahm im Innersten meines Seins ihren göttlichen Sinn.“ a.a.O.: S.32.

[25] Hier ist die Erzählposition ein wenig unscharf; obwohl Albert zu diesem Zeitpunkt noch nichts von ihrer wahren Stärke wissen kann und zudem kaum in der Lage war, weder die angesprochene Eigenschaft zu beobachten, noch sie selbst beurteilen zu können, wird der Eindruck erweckt, er sei derjenige, der ihr voraus sei.

[26] a.a.O.: S.36.

[27] In Gesellschaft wurde von einer Frau allgemein erwartet, sich gefällig und liebreizend zu geben. In Jena der Zeit um 1800 nehmen die Frauen zwar durchaus freimüthig am Kulturleben teil, doch bleiben auch hier aufgrund der Konventionen die Möglichkeiten begrenzt. Siehe dazu: Katharina von Hammerstein: Ein Nachwort zu Sophie Mereau-Brentanos Leben. In: Sophie Mereau-Brentano: Wie sehn‘ ich mich hinaus in die freie Welt. Tagebuch, Betrachtungen und vermischte Prosa. a.a.O.: S.256. Katharina von Hammerstein betont aber, daß Mereau es verstand, Mitstreiterinnen um sich zu versammeln. Siehe dazu: a.a.O.: S.260.

[28] Über die Tante, die die Erziehung von Nanette und Lorenzo übernommen hatte, heißt es im Roman: „Sie künstelte nichts an ihnen. Die Natur, glaubte sie, sei immer gut. Nur daß Beispiel und Menschen nichts an den zarten Herzen verdürben, dafür sorgte sie. Wenn sie das Böse verhinderte, glaubte sie alles getan zu haben, das Gute meinte sie, käme von selbst. Sie lehrte ihnen Begriffe, nicht Worte, entwickelte ihr Gefühl für Recht und Unrecht, und suchte nur das auszubilden, was sie in ihnen fand; anbilden wollte sie ihnen nichts.“ Sophie Mereau-Brentano: Das Blütenalter der Empfindung. Amanda und Eduard. München 1997. S.39. Hervorhebungen im Original. Hier steht ohne Zweifel Jean-Jacques Rousseau Pate, dessen 1762 erschienener „Roman“ Emil oder Über die Erziehung eine „natürliche“, nicht gesellschaftlichen Zielen verpflichtete, sondern den Fähigkeiten des Kindes entsprechende, allerdings wesentlich frühkindliche Erziehung beschreibt. Die gewählten und Albert in den Mund gelegten Formulierungen („glaubte sie“, „meinte sie“) lassen jedoch vermuten, daß Sophie Mereau die Widersprüche des rousseauschen Ansatzes wahrscheinlich erkannt hat. Im Kontext des Romans reicht diese Art der Erziehung ja auch nicht aus, um Lorenzo, der naiv und vertrauensselig ist, vor der Übervorteilung durch den Bruder zu schützen.

[29] Siehe dazu: Katharina von Hammerstein: Ein Nachwort zu Sophie Mereau-Brentanos Leben. a.a.O.: S.255.

[30] a.a.O.: S.256.

[31] Siehe dazu: a.a.O.: S.253.

[32] Sophie Mereau: Das Blüthenalter der Empfindung. Stuttgart 1982. Nachwort. S.18.

[33] a.a.O.: S.19.

[34] Sophie Mereau-Brentano: Das Blütenalter der Empfindung. Amanda und Eduard. München 1997. a.a.O.: S.38.

[35] a.a.O.: S.52.

[36] ebd.

[37] a.a.O.: S.49.

[38] Siehe dazu: a.a.O.: S.52f.

[39] a.a.O.: S.53. Offensichtlich ist Albert hier keineswegs geneigt, sich etwa auf Gott bzw. ein religiöses oder auch ein philosophisches „System“ zu verlassen.

[40] a.a.O.: S.54.

[41] ebd.

[42] ebd. Hervorhebung im Original.

[43] a.a.O.: S.56. Hervorhebung im Original.

[44] ebd.

[45] ebd. Hervorhebung N.W.S.

[46] a.a.O.: S.57. Hervorhebung N.W.S.

[47] Auch hier bringt ein Unwetter blitzartig die Wende; beim überraschenden Wiedersehen war es noch ein reales Gewitter, durch das die Liebenden zusammenfanden, nun ist es ein metaphorisches.

[48] Das Bürgerliche ist hier durchaus nicht positiv bewertet, ganz im Geiste der (romantischen) Frage, ob man Mensch oder Bürger sein wolle.

[49] a.a.O.: S.57.

[50] ebd.

[51] In dem berühmten Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? von 1784.

[52] a.a.O.: S.58.

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