Das Schreiben von Romanen (15)

Es spricht einiges dafür, Robert Musils Romanwerk Der Mann ohne Eigenschaften (1930 / 1932) als das längste Essay der Welt zu bezeichnen. Das sollte jedoch nicht dazu verleiten, die Figuren des Romans nur als reine Ideenträger zu sehen, obwohl eine schweizerische Dissertation, die ich mal in der Hand hatte, dies sogar im Titel behauptete: „Noch etwas tiefer lösen sich die Menschen in Nichtigkeiten auf„. Ich las den musilschen Roman zum ersten Mal Anfang der 90er Jahre, da war ich noch jünger als die Hauptperson Ulrich, nun, zwanzig Jahre später, bin ich älter als dieselbe. Der Handlung indes ist der heutige Leser noch weiter entrückt, jedenfalls zeitlich, spielt das Ganze doch in der Hauptstadt „Kakaniens“, also in Wien, quasi am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Hundert Jahre später ist die Welt noch ebenso modern wie die vom Autor ausgeführte, jedoch hat es zwei Weltkriege gegeben, das Grauen der Shoa, das unwiderrufliche Ende des Idealismus und das des Kommunismus, das der sozialen Marktwirtschaft und so weiter. Spräche das alles nicht dafür, in den Figuren des Romans vielleicht doch historische Typen sehen zu sollen? Fragen wir Jean Paul, der als einer der ersten Denker dem Schreiben von Romanen ernsthafte Überlegungen widmete.

Jean Paul schrieb gute 100 Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges einiges Substantielle zum Werden des Romans als solchem. In seiner Vorschule der Ästhetik (zweite, erweiterte Auflage von 1813) schreibt er in der Hauptsache von den Bedingungen, unter denen ein Roman entstehen kann. In § 59 heißt es: „Die Form des Charakters ist die Allgemeinheit im Besonderen, allegorische oder symbolische Individualität. Die Dichtkunst, welche ins geistige Reich Notwendigkeit und nur ins körperliche Freiheit einführt, muß die geistigen Zufälligkeiten eines Porträts, d. h. jedes Individuums, verschmähen und dieses zu einer Gattung erheben, in welcher sich die Menschheit widerspiegelt.“ Dies trifft nun sicher auf die Vielzahl der Charaktere Musils zu, denen es nicht an den zeittypischen Merkmalen ihres Geschlechts, ihrer Klasse, ihres Berufs und ihres aus all dem abgeleiteten Schicksals fehlt – aber kann man dies den Figuren ernsthaft vorwerfen? Oder gar dem Autor, der uns diese Charaktere vor Augen führt, auf daß wir ihnen näherzutreten vermögen? Natürlich nicht, denn die Figuren interagieren ja in ihrer Profilierung ganz eigenständig miteinander, sie sind Getriebene ihrer Zeit und ihrer selbst, ohne dadurch zwingend starke Individuen sein zu müssen. Ulrich selbst sagt ja, das „Ich verliert die Bedeutung, die es bisher gehabt hat“, was aber nicht heißt, es sei nicht Herr seiner selbst. Ja, der Mensch in diesem Roman ist satisfaktionsfähig, selbst der Frauenmörder Moosbrugger will keinesfalls als geisteskrank abgestempelt werden, auch wenn er von den juristisch-philosophischen Streitfragen um dieses Thema, die Schuldfähigkeit, kaum etwas ahnt in seiner Einfältigkeit. Oder sind etwa die Frauen, wenn sie sich für Moosbrugger verwenden wollen, allesamt wahnsinnig, die verträumt-sinnliche Clarisse etwa, eine Freundin unseres Helden? Nein, nein, je mehr diese Menschen denken, je mehr sie aufmerken oder wesentliche Dinge übersehen, je mehr sie sogar zum Spielball der gesellschaftlichen Kräfte zu werden drohen, etwa Diotima, die jenen Salon führt, mittels dem die Parallelaktion zum Leben erweckt werden soll, desto mehr spürt der Leser sie, hört sie denken, riecht sie, schmeckt sie, folgt ihnen, so nah als nur möglich.

Eingreifen kann der Leser naturgemäß so wenig wie der Dichter beim Verfassen des Werkes eingreifen konnte, ja im Falle des Mannes ohne Eigenschaften scheint es sogar so, daß der Autor in erster Linie Protokollant des Wahnsinns zu jener Zeitenwende ist und sein muß, sein will, die das Ende des langen 19. Jahrhunderts bedeutete. Die Charaktere standen Musil ganz sicher deutlich, überdeutlich vor Augen, ganz und gar lebendig, denn wie sonst hätte er unter schlechten Bedingungen diesen immensen Roman schreiben können? Nun, die Figuren, das ist mehr als eindeutig, zwangen ihn dazu. Jean Paul, im § 57 zur Entstehung poetischer Charaktere, bemerkt zu diesem Prozeß des Schreibens ganz richtig: „Der Charakter selber muß lebendig vor euch in der begeisterten Stunde fest thronen, ihr müsset ihn hören, nicht bloß sehen; er muß euch – wie ja im Traume geschieht – eingeben, nicht ihr ihm, und das so sehr, daß ihr in der kalten Stunde vorher zwar ungefähr das Was, aber nicht das Wie voraussagen könntet. Ein Dichter, der überlegen muß, ob er einen Charakter in einem gegebenen Fall Ja oder Nein zu sagen lassen habe, werf‘ ihn weg, es ist eine dumme Leiche.“ Nach dummen Leichen in diesem Sinne sucht man im Mann ohne Eigenschaften allerdings vergebens, denn nichts ist spannender, als Charakter- wie Dummköpfen beim Denken zuzuhören. Wie gesagt, das wahrscheinlich längste Essay der Welt! 

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