Verzicht & Ästhetik

Vor wenigen Tagen erst sagte mir eine gute Freundin, ich sei doch eher protestantisch als katholisch. Nun, ich bin weder das eine noch das andere. Die Einschätzung beruht aber sicher darauf, daß ich relativ stur meine Arbeit mache und am ehesten darauf verzichte, mich öffentlich sichtbar zu vergnügen. Muß ich hingegen nicht verzichten, auf Theater, Essengehen oder Reisen, tue ich es auch nicht. Das ist ganz einfach. Zugute kommt mir aber sicherlich meine Abneigung gegen Erpressung, die ich in den Kinder- und Jugendjahren ausbildete, wahrscheinlich deswegen, weil ich schon immer eine Abneigung gegen die glücklichen Gesichter hatte, die nur dann urplötzlich da sind, wenn etwas verteilt wird. Schokolade, Spielzeug bis hin zu Gratifikationen für besondere Leistungen, die man für andere erbringt. Ich weiß noch, wie ich von Verwandten, die uns besuchten, eine Tafel Schokolade bekam, die nach Pattex roch, weil das Sammelbild rausgenommen und dann wieder alles verklebt wurde. Ich war also nicht gut genug für Schokolade und Sammelbild, welches wohl dem eigenen Kind gegeben wurde, damit es sich über die Maßen freue. Der nämlich freut sich sowieso nicht, werden die Verwandten sich gesagt haben, der tut uns ohnehin wieder Plastikreptilien unter die Bettdecke, oder macht noch Schlimmeres. Hat das Belohnungsprinzip für mich also keine Bedeutung? Tue ich nur Dinge, für die es ohnehin keine Belohnung geben wird? Nun, so möchte ich das nicht sagen, aber zum Beispiel wochen- oder monatelang fürchterliche Arbeit für andere Leute machen, um dann drei Wochen in der Südsee zu plantschen, käme mir nicht in den Sinn, weil ich mich dann selbst erpressen würde. Das wäre ja wohl das Allerletzte, denn dann würde ich mir ja selbst das Recht verleihen, zu genießen, anstatt es als eine glückliche Fügung zu begreifen, es auch mal tun zu dürfen. Mein Mutter sagt seit Jahrzehnten, ich könne nicht feiern, doch das stimmt so nicht. Ich will einfach nicht zur Belohnung feiern dürfen oder eine Reise machen dürfen, sondern das Leben immerzu genießen, weil es an sich schön sein kann, selbst wenn mir der ein oder andere Zeitgenosse das nicht gönnt. Ich sehe natürlich ein, daß es eine Frechheit ist, das Spiel nicht in Gänze mitzumachen und sich auch mal mit sich selbst wohlzufühlen, das ist sicher irritierend, doch so lange ich mich dabei amüsiere, kratzt mich das nicht. So viel Selbstsucht muß bei aller Selbstzucht schon sein. Die Schokolade habe ich damals übrigens weggeworfen, ich mochte die Sorte sowieso nicht.

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