Rhythmus, wo jeder mit muß

Die Frage, wie wir leben wollen, ist nicht zu beantworten, weil das Wörtchen „wir“ in ihr steckt. Bei Fischen spricht man gerne von der Schwarmintelligenz, die dazu führt, daß immer nur (viele) einzelne Fische gefressen werden, der Bestand des Fisches an sich aber nicht gefährdet ist. Das nutzt auch den Räubern, die von dieser „Intelligenz“ profitieren, obwohl und indem sie satt werden. Beim Menschen funktioniert diese Schwarmintelligenz allerdings nicht, denn der Mensch ist, wie seit jeher bekannt, sich selbst Feind. Allerdings fressen sich die Menschen nicht gegenseitig, und die Existenz des Menschen an sich scheint angesichts der sieben Milliarden Exemplare auf diesem mittelgroßen Planeten auch nicht wirklich gefährdet.

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben. Etwas darüber, wie es mir auf den Geist geht, bei den Übertragungen der Fußball-EM dauernd diese superspaßigen Spaßvögel im Publikum sehen zu müssen, die sich jeder Kameralinse entgegenwerfen und mir ihre abgeschmackten Verkleidungen und grinsenden Fressen präsentieren. Schlimmer noch sind nur die supermännlichen Kerle, die bei jedem Wetter ihre Oberkörper entblößen und ihre Wampe oder ihre Sixpacks zeigen. Was soll der Scheiß! Das ist eklig, das grenzt an Körperverletzung. Die einzigen, die sich im Publikum wie Erwachsene benehmen, sind die Kinder im Stadion. Sicher schämen sie sich für manche Erwachene, vermeintlich Erwachsene. Meine Taktik, bei Anpfiff hinzusehen und beim Abpfiff wieder weg, hilft da natürlich nicht. Es ist zum Kotzen!

Eigentlich wollte ich doch über etwas ganz anderes schreiben! Irgendetwas über Literatur, zum Beispiel über Robert Musils Miniatur „Schafe, anders gesehen“, eine wundervolle kleine Erzählung. Ein andermal. Ich bin froh, nicht zwingend hinaus zu müssen in diese von der UEFA hergerichtete Welt, sondern an meinem Schreibtisch arbeiten zu dürfen, mich mit Literatur beschäftigen zu können, selbst wenn dafür der Zeitpunkt nicht als der richtige erscheint – aber das ist ja eigentlich immer so. Also weiter im Text.

Dieser Beitrag wurde unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.