Mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel meine Absicht

Die im 18. Jahrhundert implizit immer gestellte Frage ist die nach der Möglichkeit eines von Gott unabhängigen oder von Gott gelösten Daseins. Selbst ein streng geregeltes gottgefälliges Leben, wie es Quietisten, Pietisten, Calvinisten und andere Gottgläubige in unterschiedlichster Ausprägung lebten, ließ ja immer auch den Gedanken an ein Leben außerhalb zu, wie dies allein schon durch die Möglichkeit des Verstoßes aus der Gemeinschaft (Gottes) zutage trat. Es lag und liegt nahe, solch eine aufgrund von Verfehlungen ausgesprochene „Vertrei­bung aus dem Paradies” auch als eine Nötigung oder gar Verurteilung zur Selbstverantwortung buchstäblich aus der Bibel zu lesen. So ist es offensichtlich, daß der Mensch auch als Ausgestoßener ein Sein hat und daß er unabhängig zu denken und zu handeln vermag. Die von René Descartes bereits 1637 formulierte These des (allein auf das Verstandesvermögen bezogene) cogito, ergo sum findet ihre Ausgestaltung und Verlebendigung somit auch im reflektierten Erleiden des Daseins, in der Erkenntnis, daß das tatsächliche Leben uneindeutig ist, seinen Kern aber im subjektiven Selbst hat. Diese Seinsgewißheit eines im Leiden aufgehobenen Denkens, das Erkennen der Zweifelhaftigkeit der Welt von einem Standpunkt zwischen Geist und Körper, Seele und Leib aus, kann mit einiger Berechtigung als Wende hin zu einer neuzeitlichen Sichtweise angesehen werden. So wurde durch diesen intensiven und neuartigen Discours nicht zuletzt ein wissenschaftliches Methodenbewußtsein erst ermöglicht, und auch für die Literatur ergab sich eine neue Grundlage, indem aus der Sichtweise eines Ich nicht nur äußeres Geschehen zu berichten war, sondern vielmehr auch der Prozeß eines inneren Werdens des Individuums in der Zeit faßbar gemacht werden konnte.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts findet die Beschäftigung mit dem Ich, dem Selbst, dem Individuum eine neue Form im Roman, aber auch die Ideen der Französischen Revolution von 1789 führen zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Fragen der Zeit. Exemplarisch dafür steht, neben vielen weiteren Texten, das (später so benannte) Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (nach 1790; von Franz Rosenzweig entdeckt und 1917 erstmals veröffentlicht). Dieses Fragment eines Entwurfs, verfaßt von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Friedrich Hölderlin und Georg Wilhelm Friedrich Hegel zur Zeit des gemeinsamen Studiums im Tübinger Stift, benennt wesentliche Ideen, die in der Philosophie und der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts in vielfacher Gestalt ihre Ausformung finden. Die erste dieser im Systemprogramm benannten Ideen, die den Verfassern zugleich als praktische Postulate gelten, ist die „Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen und als die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts”. Diese Vorstellung wird strikt verknüpft mit der alles vereinigenden Idee der Schönheit, die letztlich als ein Akt der Vernunft zu verstehen sei. Zudem wird die Hoffnung ausgesprochen, die Poesie werde am Ende als einzig verbleibende Wissenschaft wieder Lehrerin der Menschheit sein. Dieser hohen Stellung der Poesie entspricht die gleichzeitig geforderte Mythologie der Vernunft als einer neuen Mythologie im Dienste der Ideen. Im Roman zeigt sich dieses gleichsam neu entdeckte schöpferische Element des „absolut freien Wesens” unter anderem in Johann Wolfgang von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96). Hier ist die Kontinuität des Wilhelm Meister als ein sich selbst gewisses, „niemals wechselndes Ich” folgerichtig Grundlage seiner Existenz, welche zugleich darauf beruht, ständiger (und oft auch bewußt reflektierter) Veränderung unterworfen zu sein. Die Existenz des Ich ist getragen von aktiver Lebensgestaltung, die der Leser einfühlend nachvollziehen kann. Zu der in den Roman eingewobenen Lebenshaltung werden allerdings nicht etwa theoretisch-philosophische Abhandlungen des Autors hinzu­addiert; vielmehr spricht Wilhelm selbst, so in einem Brief an seinen Schwager. Hier bekennt er offen den Hauptantrieb seines Lebens, wenn er schreibt: „Mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht”.

Neben Goethes Wilhelm Meister geben andere herausragende Romanwerke eine Ahnung davon, wie sehr die Frage nach dem Ich die Menschen an der Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts bewegt. So ist das Romanfragment Heinrich von Ofterdingen (1802) des Novalis Ausdruck einer – zeitlich ins Mittelalter verlegten – Sehnsucht, ein (poetisches) Ich durch Aneignung und Durchdringung der Welt zu entwickeln, getragen von einer Gemeinschaft Gleichgesinnter. Doch nicht nur das Werden im Sinne eines Sich-Bildens und Lernens hin zu einem insgesamt gelingenden Leben findet Eingang in den anspruchsvollen Roman der Zeit, sondern auch das Moment der Deformation des Ich. Dieser Aspekt, von Adam Bernd und Karl Philipp Moritz mehr oder weniger autobiographisch und somit gleichsam eins zu eins gestaltet, auch bereits von Goethe in Die Leiden des jungen Werther (1774) eindrücklich „dokumentiert”, wird aber erst mit Jean Pauls Siebenkäs (1796/97) und Titan (1800-1803) als metaphorische Deformation ins fiktive Romangeschehen sinnstiftend integriert. Gleiches gilt für Friedrich Hölderlins Hyperion oder der Eremit in Griechenland (1797-99). So findet, neben dem Selbstmord aus Haß, Liebe oder Daseinsekel, auch der fast alltäglich gewordene Wahn- und Irrsinn einer lebendig erscheinenden Romanfigur Eingang in die Literatur. Insbesondere in Jean Pauls Romanen ist die Ich-Spaltung in jeder denkbaren Form (natürliche Zwillinge, selbstentworfenes Zwillingstum zweier Freunde, aber auch Schizophrenie und damit einhergehend die zwanghafte Verfolgung durch das eigene oder auch das „absolute” Ich) ein sinntragendes Handlungsmoment.

Daß diese Bedrohung des Ich durch die Zerrüttung des Geistes nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt zum einen der Anteil der einer Geisteskrankheit tatsächlich anheimgefallenen Dichter der Zeit, etwa Johann Karl Wezel (1747-1819) oder Friedrich Hölderlin (1770-1843), aber auch die Etablierung des Irrenhauses als notwendige Institution in vielen Städten Europas. Wenn auch die erste offizielle „Psychische Heilanstalt für Geisteskranke” im deutschen Sprachraum erst Anfang des 19. Jahrhunderts in Bayreuth gegründet wurde, so bestand die Praxis des Wegschließens von Verhaltensauffälligen in spezielle Häuser doch bereits seit Jahrhunderten. Neu war allerdings der Ansatz der Heilung, ganz entgegen der u. a. von Kant in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798/1800) vertretenen und auch allgemein verbreiteten Ansicht, der Wahnsinn sei letztlich nicht erforschbar und damit auch nicht heilbar. Die Idee, daß wenigstens ein Teil der Kranken zurückgeführt werden könne zu einem „normalen” Dasein, der Wahnsinn also nur temporären Charakter hat und damit heilbar ist, wird unter anderem von dem Franzosen Philippe Pinel (1745-1826) vertreten, der empirisch und klinisch vorging, ganz im Sinne einer Doktrin der Vernunft. Ein anderer, eher philosophisch-romantisch anmutender Ansatz stammt von Johann Christian Reil (1759-1813), dessen Schriften jedoch auch grundsätzlich von einer möglichen Heilbarkeit des Wahnsinns ausgehen. Einerseits wurde die Deformation des Ich so zwar immer noch und immer wieder als quasi endgültig institutionell beglaubigt, viele (auf welche Art und Weise auch immer) Deformierte kamen nach wie vor ins Irren-, Zucht-, Armen-, Toll- oder Arbeitshaus, andererseits aber wurde ebenso offiziell eine Möglichkeit der Verbesserung, ein Wer­den zum Guten hin aufgezeigt, wenn der Wahnsinnige in eine „Psychische Heilanstalt für Geisteskranke” gebracht wurde. Dem gewachsenen bürgerlichen Selbstbewußtsein stand so immer, quasi als offen sichtbares Regulativ, der Wahnsinn als eine Form der Deformation gegenüber, denn die Gefahr, durch Krankheit oder Unglück aus der Mitte der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, war allgegenwärtig. Diese Aufmerksamkeit führte bald schon nicht nur zu einem verstärkten literarischen Interesse am Wahnsinn und am Randständigen überhaupt, auch der Irrenhausbesuch gehörte gegen Ende des 18. Jahrhunderts, auch für Damen der Gesellschaft, unabdingbar zu einer Be­sichtigungstour durch eine fremde Stadt. Offensichtlich wollte man diejenigen, die eines (vermeintlich) stabilen Ichs verlustig gegangen sind, unbedingt einmal betrachten.

Es kann, bei aller oberflächlichen Neugierde, durchaus von einer zunehmenden, allgemeinen Furcht vor dem Wahnsinn ausgegangen werden, die sich im Laufe des 18. Jahrhunderts noch verstärkte. So faszinierend diese fremde und unbegreifliche Welt aber auch war, vor den Irren selbst wollte man sich letztlich mehr und mehr schützen. Es ist sicher auch nicht übertrieben, von der großen Gefangenschaft zu sprechen, vor allem da neben tatsächlich geisteskranken oder gefährlichen Personen recht undifferenziert auch Bettler und Landstreicher und überhaupt mittello­se Per­sonen eingesperrt wurden, sobald sie in irgendeiner Form auffielen. Diese Obrig­keitswillkür in der Beurteilung von Personen und Handlungen diente ohne Zweifel nicht nur der Unschädlichmachung des Wahnsinns in seiner pathologischen Ausprägung, sondern auch der Bekämpfung der Unvernunft als solcher, die in der parallel zum Pietismus sich entwickelnden (Früh-) Aufklärung ein nahezu gleiches Abschreckungspotential hatte wie der Teufel als des Gegenteils vom „lie­ben” Gott. Während aber in der Kunst und besonders in der Literatur eine besondere Neugier in bezug auf alles Nicht-Vernünftige und Abseitige zu verzeichnen war, bei Jean Paul und E.T.A. Hoffmann findet sich je eine stattliche Personage von sehr unterschiedlichen „Verrückten”, sollte in der Realität alles nach den Regeln der Vernunft und vor allem auch nach denen der Sittlichkeit und der Tugend geschehen.

Das sich seit Beginn des 18. Jahrhunderts in Deutschland neu herausbildende Bürgertum sah nicht zuletzt in einer vernünftigen Lebensplanung einen Garant der Daseinssicherung. Der Glaube an Gott und die Ausübung der Religion bot hier zunächst die emotionale Grundlage für eine ethisch-moralische, an christlichen Werten orientierte Lebensführung. Die als wesentlich erkannte Aufgabe einer modernen Kindererziehung wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts schließlich ebenso verbindlich wie die Orientierung am mechanistisch-wissenschaftlichen Weltbild der Aufklärung, auch wenn hier durchaus unterschiedliche Mentalitäten zutage traten. Im Kern allerdings ver­langte der Aufklärungsgedanke die eigenständig handelnde, ausreichend gebildete Persönlichkeit, ein sowohl von den Erwartungen an die Offenbarungsreligion als auch von Unvernunft und Aberglauben befreites Selbst. Die Lebensziele des Bürgers bestanden in der Praxis somit eher in der Verwirklichung eines durch Zufriedenheit und Gewissensruhe geprägten Daseins; der Wille zu einer grundlegenden Veränderung der politischen Landschaft, wie Jahrzehnte später in der Revolution von 1848, war in den bürgerlichen Kreisen noch nicht zu erkennen.

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