Ein grausiges Beispiel für die Freigeisterei

Eines der wenigen Dinge, die man nicht kaufen muß, ist Leistungsdruck. Ganz im Gegenteil, man wird gemeinhin sogar dafür bezahlt, daß man sich ihm aussetzt, vorausgesetzt natürlich, er kommt von außen. Selbstgemachter Leistungsdruck ist dagegen zunächst rein selbstbezüglich und muß der Welt nicht nur vermittelt, sondern auch noch, umgewandelt in ein Produkt oder eine Dienstleistung, verkauft werden. Das ist schwer, man braucht dafür Geduld und Ausdauer und Glück und Unterstützung und eine Portion Wahnsinn und gute Freunde und überhaupt viel mehr, als man benötigte, ließe man sich den Druck vernünftigerweise von außen liefern und entspräche ihm entsprechend, was nicht leicht, immerhin aber regelkonform ist. Die ganz und gar nichtregelkonformen Gestalten dieser Welt sind von eben diesen immerhin mannigfach in die Welt eingeschrieben worden, man denke nur an James Joyce‘ Alter ego Stephen Dedalus, der dem Engländer Haines, mit dem er im ersten Ulysses-Kapitel, zusammen mit Buck Mulligan, irisch-englisch gefrühstückt hatte (zum Thema Frühstück siehe auch dort), mit grimmigem Mißvergnügen auf die Frage nach der Idee eines persönlichen Gottes antwortet: „Sie erblicken in mir ein grausiges Beispiel für die Freigeisterei“. Kein Wunder, daß der Lohn für solch eine Haltung karg bleiben mußte, vom posthumen Lohn einmal abgesehen.

Dieser Beitrag wurde unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.