Lesevergnügen, doppelt und dreifach!

Warum die Hast und gleich jedes neue Buch sofort lesen? Man bringt sich um einiges, denn wenn ich nun zum Beispiel, wie ich es im Moment tue, Alfred Döblins Wallenstein lese, so habe ich nicht nur die grandios geschriebene Erzählung über den 30jährigen Krieg, sondern zugleich auch ein Zeugnis der Zeit des Ersten Weltkriegs, weil das Buch in eben dieser Zeit geschrieben wurde, wozu dann zu guter Letzt auch noch meine eigene Zeit kommt mit all den politischen Verwicklungen, den Kriegen und Stellvertreterkriegen, den Waffenexporten aus Deutschland, dem Verbrauch derselben und so weiter. (Sicher, ich hätte es natürlich vor neunzig Jahren nicht lesen können, obwohl es das Buch schon gab, aber das ist zweitrangig.) Ein gutes Buch wird eben mit der Zeit immer besser, denke ich, so daß man es nicht zu früh lesen sollte. Das gilt auch für gewissen Sachbücher, etwa Michel Foucaults Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit (erschienen 1976, dt. 1977), denn man kann und muß es auch als Zeitdokument lesen, gerade eben auch, weil viel die Rede davon ist, wie der Mensch noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit seiner Sexualität umging; wenn man dann noch lesend in Betracht zieht, wie sich seit Mitte der 70er Jahre das Leben geändert hat, Stichwort Sexualisierung der Masse durch das Internet, so hat man vielleicht ein noch spannenderes Buch als vor dreieinhalb Jahrzehnten, oder wann immer man es zum ersten Mal las. Bücher müssen eben reifen, das haben sie mit manch edlem Getränk gemein, denn die Zeitläufte hinterlassen nicht nur Spuren, sondern auch Ablagerungen.

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