Samuel Becketts Gedicht „Dortmunder“

Zur Zeit lese ich u. a. Samuel Beckett, Weitermachen ist mehr, als ich tun kann, Briefe 1929 – 1940. Abgesehen davon, daß der Suhrkamp-Verlag in seiner notorischen Geizigkeit natürlich am Lesebändchen gespart hat, ist das Buch für Beckett-Leser das reinste Vergnügen. Eines aber fiel mir mal wieder auf, daß nämlich, obwohl hunderte von Menschen an dieser Briefausgabe gearbeitet haben, niemand auf die Idee kam, die von Beckett gemachte Aussage, das Gedicht Dortmunder sei „unter dem Einfluß von Dortmunder Bier“ entstanden, einmal zu untersuchen und das Ergebnis qua Fußnote kundzutun, denn natürlich entstand das Gedicht Ende Januar 1932 in Kassel, nachdem Beckett auf der Reise dorthin, in Dortmund umsteigend, das Bordell in der Linienstraße hinter dem Bahnhof mutmaßlich unter Einfluß des Dortmunder Bieres besucht hatte – dies ist allein aus dem Gedicht selbst unzweifelhaft herauszulesen; James Knowlson weist in seiner Beckett-Biographie immerhin darauf hin, daß dieses Gedicht und andere Texte eine „Vertrautheit mit Erscheinung und Gebaren von Prostituierten“ zeigen. (S.149) Die Frage, warum Beckett auf dem Weg zu den Sinclairs und damit auch zu seiner Cousine Peggy Sinclair, in die er wenige Jahre zuvor schwer verliebt gewesen war, womöglich die Dienste einer in der Linienstraße arbeitenden Hure in Anspruch nahm, oder zumindest die Straße mit den Fenstern, in denen die Damen sich feilboten, entlanglief, ist natürlich nicht besonders wichtig, gestellt werden aber sollte sie schon. Was war da im Spiel, was ging vor im Kopf des jungen Beckett? Wenn ich mich recht entsinne, hatte ich beim Verfassen des Hörspiels Vorhang auf! Rotlicht für Monsieur Beckett eben diese Fragen im Hinterkopf, so unwichtig sie auch sein mögen.

Samuel Beckett

DORTMUNDER
In the magic the Homer dusk
past the red spire of sanctuary
I null she royal hulk
hasten to the violet lamp to the thin K’in music of the
bawd.

She stands before me in the bright stall
sustaining the jade splinters
the scarred signaculum of purity quiet
the eyes the eyes black till the plagal east
shall resolve the long night phrase.
Then, as a scroll, folded,
and the glory of her dissolution enlarged
in me, Habbakuk, mard of all sinners.
Schopenhauer is dead, the bawd
puts her lute away.

Samuel Beckett

DORTMUNDER
Im Zauber das homerische Zwielicht
nach dem roten Turm der Zuflucht
Ich nichtig sie königliches Wrack
hastend zu der violetten Lampe zur schwachen K’in Musik der Puffmutter.

Sie steht vor mir im hellen Stall
hält hoch den Jadesplitter
das vernarbte Jungfernhäutchen stiller Reinheit
die Augen die Augen schwarz bis zum östlichen Gefilde
sollen lösen der langen Nacht Phrase.
Dann, gleich einer Schrift, aufgerollt,
und die Herrlichkeit ihrer Auflösung erhöhend
in mir, Habbakuk, Feldherr aller Sünder.
Schopenhauer ist tot, die Puffmutter
legt ihre Laute beiseite.

Übersetzung: Norbert W. Schlinkert

(Der Inhaber der Rechte an dem Gedicht DORTMUNDER von Samuel Beckett ist nicht ermittelbar. Eine Nachfrage beim LIMES-Verlag bzw. bei “Buchverlage LangenMüller Herbig nymphenburger terra magica”, vermittelt über die Verlagsgruppe Random House, brachte keine Klärung. Hinweise zum Rechteinhaber bitte über das Kontaktformular, damit ich das Gedicht, soweit gewünscht, herausnehme.)

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