Alte Klage, alte Leier und am Ende eine kugelrunde Null

Aus der Nummer kommt keiner mehr raus! Während man einen Arbeitsplatz kündigen, einen normalen Beruf aufgeben kann, selbst wenn alles noch so schön bunt ist, so ist jedwede ernsthafte künstlerische Arbeit mit dem sie ausführenden Menschen streng verbunden, verwickelt, verwoben, verwurschtelt, verbandelt. Man könnte von einer Leidensekstase sprechen und daraus sogleich den Tatbestand einer Krankheit oder einer psychischen Störung ableiten, allerdings ohne zugleich an die Möglichkeit einer Heilung überhaupt zu denken. Aber was rede ich da! Freuen sich die Menschen da draußen denn nicht über all die künstlerischen Produkte auf den Bildschirmen und Leinwänden dieser Welt, über die vielen Geschichten in Büchern und auf den Theaterbühnen und die Musik allerorten? Ja, tun sie, sie freuen sich. Denn wie sonst sollten sie ihre normalen Berufe aushalten, was würden sie nur tun in all der Zeit, die nicht dem Beruf gewidmet ist? Ja, was nur, wenn sie nicht all die künstlerischen Produkte auf den Bildschirmen und Leinwänden dieser Welt, die vielen Geschichten in Büchern und auf den Theaterbühnen und die Musik allerorten genießen könnten? Es sei ihnen gegönnt, ich freue mich Tag und Nacht darüber, dass die Menschen so interessiert und aufmerksam sind und alles Künstlerische so lieben, ich liebe das alles auch, liebe Menschen, ich lebe sogar damit, nicht von, aber damit, allerdings, ich sagte es bereits, ohne Kündigungsrecht und ohne Kündigungsschutz und für immer streng verbunden, verwickelt, verwoben, verwurschtelt und verbandelt mit dem, was ich meine Kunst heiße, so unbefriedigend und quälend das alles auch sein mag. Zum Abschluss dieser kleinen Tirade nun eines meiner Lieblingszitate, in dem es um so etwas wie einen schleichenden, fortlaufenden Kündigungsprozess geht, der erst mit dem Tod seine Vollendung findet. So heißt es ganz zu Beginn in Robert Walsers Roman „Jakob von Gunten“ aus dem Jahr 1909: „Vielleicht steckt ein ganz, ganz gemeiner Mensch in mir. Vielleicht aber besitze ich aristokratische Adern. Ich weiß es nicht. Aber das Eine weiß ich bestimmt: Ich werde eine reizende, kugelrunde Null im späteren Leben sein. Ich werde als alter Mann junge, selbstbewußte, schlecht erzogene Grobiane bedienen müssen, oder ich werde betteln, oder ich werde zugrunde gehen.“ Wenn das mal keine Aussichten sind!

Norbert W. Schlinkert. „Superbunt“. Schachtel (Ausschnitt), 1998

 

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