Blumen füttern und Katzen gießen – eine Klage

Mir gehen so viele Dinge durch den Kopf, daß ich mich überhaupt nicht zu entscheiden vermag, was davon ich einer näheren Untersuchung würdigen soll. Allein, es muß sein, etwas will näher betrachtet werden, will mittels meiner hier stattfindenden Schreiberei hinaus in die Welt. Apropos hinaus in die Welt. Alle Welt verreist, und ich darf mal wieder die Blumen füttern und die Katzen gießen! Damit wir uns nicht mißverstehen, Berlin ist ohne Zweifel die erstaunlichste Stadt des Universums, selbst wenn diese Stadt imgrunde nicht wirklich funktioniert und leider auch nicht am Meer liegt – man kann hier aber schon bleiben, ganz im Gegensatz zu allen anderen Städten dieses Landes, in denen man es unmöglich zwölf Monate im Jahr aushält. Dennoch, verreiste ich, so könnte ich Berlin ja überall hin mitnehmen, es nimmt überhaupt keinen Platz weg und muß auch nicht verzollt werden, also könnte ich ja eigentlich sofort los, um ein paar Wochen auf einer Insel zu verbringen, und da fiele mir schon die ein oder andere ein, zu der ich wollen würde, von ziemlich groß bis klitzeklein. Ich würfe dann ein paar noch nicht gelesene Bücher mutmaßlich allerhöchster Qualität mir ins Gepäck, dazu noch inseltaugliche Kleidung – und schon düste ich los. Hach! Stattdessen – ich deutete es ja schon an, hänge ich hier völlig erschöpft am Schreibtisch. Doch allein das blöde Benzin ist ja sauteuer, dazu noch die Fähre, die Unterkunft, alles komplett unbezahlbar, selbst wenn ich weiter am Essen sparte, und dies alles nicht zuletzt, weil ich ja einmal monatlich von der Krankenkasse überfallen werde und alle drei Monate von der GEZ, Verbrecher sind das, ratzfatz ist das bißchen Geld weg, das doch viel besser für Bücher und für Reisen einzusetzen wäre. Mannomannomann! Ich kann mich kaum noch an meinen letzten richtigen eigenständigen Urlaub erinnern, 1995 oder 1996 muß das gewesen sein, 14 Tage Irland – muß aber wohl schön gewesen sein, denn denke ich daran, durchzieht es mich sehnsuchtsvoll. Menno! Dabei liegt es ja nur am Geld, beziehungsweise am Nichtvorhandensein desselben, denn Zeit habe ich ja, so daß die Lösung wohl die wäre, daß ich für meine Arbeit des Schreibens und Schreibens und Schreibens (wenn Sie wüßten, wie erschöpft ich im Moment bin!) das, was ich verdiene, auch wirklich bekäme, sagen wir mal 2700 € brutto, damit wäre ich absolut zufrieden, wirklich! Ich würde dafür dann auch weder mehr noch weniger arbeiten als jetzt – versprochen! – und würde auch weiterhin wunderbare Texte unterschiedlichster Art abliefern für alle meine Leser, seien es solche mit einer Vorliebe für kurze Sätze oder solche für lange Sätze, ganz egal, ich würde einfach weiter meine Arbeit machen – allerdings dann, ohne draufzuzahlen. Mönsch! Ein Dilemma, über das sich noch vieles sagen ließe, das auch nicht spannender wäre als das bis hierhin Verzapfte, doch die Erschöpfung nimmt nun überhand. Gute Nacht, liebe Leser:innen!

Im Überflug, Norbert W. Schlinkert

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