Unbedenklichkeitsbescheinigung der Prüfstelle für Geistesnahrung

So ein Roman kommt ja aus dem Gebären und gleichzeitigem Geborenwerden gar nicht mehr heraus! Das ist ein Kreißen und Kreiseln und Kreischen, daß es eine Wonne zu sein hat. Ist es auch! Grad gestern kapitulierte ich als der mutmaßliche Erschaffer meines neuen Romans vor einer unermeßlichen Anstrengung, die aber, so meine plötzliche Erkenntnis, zu viel zu viel Realismus geführt hätte, zu viel zu viel harten Fragen. Ich will keine harten Fragen, keine Ermittlungsergebnisse, warum, wer, was, wo, warum getan, gesagt, nicht getan oder wo, warum und wie auch immer verbrochen hat. Ergo bleibe ich, entgegen der ersten Planung beim Ich-Erzähler, was auch heißt, der Ich-Erzähler bleibt bei sich. Ich schreibe schließlich den Roman, warum dann kein Ich-Erzähler sein, der schreibend und geschriebenwordensein immer mehr er selbst ist, bis er es am Ende von der ersten Zeile an war und wieder und wieder ist. Wußten Sie, daß Heinrich Heine als Fast-noch-Zeitgenosse von Karl Philipp Moritz diesen mit der moritzschen Romanfigur Anton Reiser verwechselte? Karl Philipp Moritz, geschrieben von Anton Reiser! Ja, und warum auch nicht, das war durchaus kein Irrtum Heines, denn ein nicht in plattem Realismus aufgehender und sich befriedigender Roman, der ganz zurecht auch ein psychologischer und dann in der Vorbemerkung auch noch ein biografischer genannt wird, darf nicht allzu klare und allzu deutliche Spuren, Antworten und Ergebnisse in der Welt hinterlassen, denn so wie alle Lust Ewigkeit will, so will jede Geschichte auf ewig Irrsinn stiften – ein Roman ist kein Prüfbericht! Blut, Schweiß und Tränen, daraus werden Romane geboren, nicht aus Fleiß, Ideen und Buchstaben, nur daß leider viel zu viele Leser:innen sich heutigentags den Roman mit TÜV-Stempel zu wünschen scheinen, mit einer Liste der Inhaltsstoffe und einer Unbedenklichkeitsbescheinigung der Prüfstelle für Geistesnahrung. Schon mal den Titan von Jean Paul gelesen oder den Siebenkäs, E.T.A. Hoffmanns Kater Murr, Samuel Becketts Watt, Witold Gombrowicz‘ Ferdydurke, Kafka, Koeppen, Döblin, Joyce, Musil, Sören Kierkegaards Roman Die Wiederholung und was sonst nicht alles, und alles ohne Verträglichkeitszertifikat! Und glauben Sie mal nicht, nur die sogenannte Vergangenheit böte solch dreckiges, nicht in Schutzatmosphäre hergestelltes Zeug, mitnichten, da muß man nur ein wenig suchen und es wagen, auch mal querfeldein und querfeldkreuz zu gehen, ja scheiße noch mal! Weg mit den Berührt-inniglich-Klappentext-Zertifikationen, wider das Zugeschmissenwerden mit Kitsch, der Arbeitskraftwiederherstellungsprosa – ein Roman ist ein Abenteuer, das böse ausgehen kann, und zwar für alle Beteiligten, und dies vor allem, weil all die Welten sich vermischen und vermählen und sich abstoßen und wieder vereinen, bis …, ja, bis was eigentlich ist oder zu sein scheint? Lesen Sie mal, was Aléa Torik über Fiktion, Wirklichkeit und Identität zu sagen hat, lesen sie den Roman von Aléa Torik mit dem Titel Aléas Ich, trauen Sie sich an das vielfältige Werk von Alban Nikolai Herbst heran, Mensch, lesen Sie doch, was Sie wollen, denn nur so ist ein Stück Literatur wirklich auch die ihrige. – – – Sódele, wollte ich nur mal hingeschrieben haben, nichts für Ungut, wie man so schön sagt, ich mußte halt mal wieder raus damit, ich mußte es hinschreiben, ein Zwang, ein Nichtlassenkönnen, einfach die Folge meines Aufgewühltseins, ja, aufgewühlt – das trifft es, geradewegs der richtige Zustand, einen Roman zu gebären, der einen Ich-Erzähler erschafft, der eine Geschichte erzählt, in der ich …

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4 Responses to Unbedenklichkeitsbescheinigung der Prüfstelle für Geistesnahrung

  1. phyllis sagt:

    Jetzt haben Sie mir aber einen Wurm in den Kopf gesetzt. Bedenklich, lieber Norbert, höchst bedenklich! Dafür gibt’s keine Bescheinigung.

    Lächelnd,
    TT

  2. Aber die ganze neue deutsche hildesheimsche und leipzsche Literatur hat doch so eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der Prüfstelle für Geistesnahrung! Das muß doch einen Sinn oder wenigstens einen Grund haben, liebe Phyllis, auch wenn wir so’n Ding nicht kriegen können!

  3. phyllis sagt:

    Ich hätte aber eigentlich viel lieber ein Bedenklichkeitszertifikat, wenn ich so darüber nachdenke…

  4. Aber das sieht man Ihrem Schaffen doch sofortestens an, liebe Phyllis, daß daran nämlich wirklich alles bedenklich ist! Ein Zertifizierungszertifikat stört da nur!