Ideenjongleur

Ich bin nicht der einzige Mensch, der sich fragt, was er am allerbesten antworten solle, wenn er gefragt wird, was er denn so mache, also beruflich treibe, welche Profession er ausübe. (Letzteres fragt kein Mensch, obwohl die Frage nach der Profession meiner Ansicht nach die angemessenste wäre. So kann man sich absetzen von dem, was man aus anderen Gründen zu tun genötigt ist.) Zuletzt erst versuchte ich mich an diesem Thema, Sie erinnern sich, und nun also abermals. Vielleicht, überlege ich also, sollte ich den Fragenden nicht mit einem Begriff konfrontieren, Autor, Schriftsteller, Kulturwissenschaftler, Schlafmütze (oder was weiß ich), sondern sagen, was ich eigentlich und auch im übertragenen Sinne tue. Also, aufgemerkt: „Eigentlich tue ich nichts anderes, als mit Ideen zu jonglieren, wobei mir die ein oder andere auch mal entgleitet und zu Boden fällt oder sich in Nichts auflöst, während wieder andere wie aus eben diesem Nichts heraus dazukommen, die ich dann wie die verbliebenen in Bewegung zu halten trachte, von einer Hand in die andere gleiten lasse und werfe, sie hoch und höher schleudernd oder eng bei mir haltend, sie mit Stirn und Schulter und Ellenbogen und Fuß und Oberschenkel und wie auch immer bearbeitend, ihnen so Leben spendend, bis denn das Ganze rund und stimmig ist und sich schließlich zu einem Text verdichtet …  ja, mein Gott, verstehen Sie das denn nicht, man weiß doch wie ein Jongleur mit Bällen jongliert, so eben ich mit Ideen! Ich bin ein Ideenjongleur, ein Jongleur des Idées (Phyllis, Hilfe! Mein Französisch reicht nur bis zur nächsten Post!), das wird sich doch wohl noch fassen lassen, Herrgöttinsakramentnocheins!“ Manno!

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3 Responses to Ideenjongleur

  1. Iris sagt:

    Hier ein Gedicht von Raymond Carver aus dem Band „Gorki unterm Aschenbecher“ aus den 70er/ 80er Jahren:

    „Träge

    Die Leute, die besser dran waren, hatten’s komfortabel.
    Sie lebten in getünchten Häusern mit Wasserklosetten.
    Fuhren Autos, deren Baujahr und Typ erkennbar waren.
    Jenen, denen’s schlechter ging, tats leid und sie hingen rum,
    ihre seltsamen Wagen standen auf Klötzen in staubigen Höfen.
    Die Jahre vergehen und alles und jeder
    wird ersetzt. Doch eines bleibt wahr –
    ich wollte nie was tun. Mein Ziel war immer,
    träge zu sein. Darin sah ich das Verdienst.
    Mir gefiel der Gedanke, in einem Stuhl zu sitzen,
    vor dem Haus, stundenlang, nichts zu tun,
    als einen Hut zu tragen und Cola zu trinken.
    Was soll daran falsch sein?
    Von Zeit zu Zeit an einer Zigarette ziehen.
    Spucken. Mit einem Messer Dinge aus Holz schnitzen.
    Was soll daran schlimm sein? Dann und wann die Hunde rufen,
    und Hasen zu jagen. Versuch’s einmal.
    Bisweilen ein fettes, blondes Kind, eins wie ich, grüßen
    und sagen: ‚Wir kennen uns doch?‘
    anstatt: ‚Was willst du werden, wenn du mal groß bist?'“

    Ich mag das sehr. Und finde, es geht in die Richtung ihres Themas, das ja ein immer wiederkehrendes ist.

  2. derdilettant sagt:

    Aber sind wir nicht alle mehr oder weniger Ideenjongleure unseres Lebens? Werfen unsere Potentiale, Wünsche, Bedürfnisse, Flausen, Grillen und was uns sonst noch alles konstituiert immer höher hinaus und sind entsetzt, wenn sie zu Boden krachen statt aufgefangen worden zu sein? Halten dann zwangsweise inne in unserem Luftnummernselbstverliebtheitsspektakel und betrachten ratlos die Trümmer am Boden? Mir freilich schwebt das Leben als ein Mobile jonglierender Bälle vor, austariert bis zu dem Punkt, wo die Dauerbewegung sich als perfekt ausbalanciertes Standbild konstituiert.

  3. @Iris
    Ein schönes Gedicht, vor allem, weil es mit einem Gesprächsangebot an das Kind endet und nicht mit der Aufforderung, sich gefälligst seiner Gegenwartsträume quasi zu entledigen und sich auf Unterordnung einzustellen. (Trotzdem: die armen Hasen!)

    @derdilettant
    Ja klar, wir sind alle Ideenjongleure, gerade deswegen ist das ja meiner Ansicht nach eine gute Antwort auf die Frage, was man denn so macht. Ob sich das nun wie bei mir dann zu Texten (zu „Standbildern“, die er Leser dann wieder mit eigenen Ideen belebt, weil es ja immer weitergehen muß) verdichtet oder bei anderen Menschen zu Konzepten, Erfindungen, Umgangsweisen mit Menschen oder was auch immer, zeigt dann die Fortsetzung der Antwort, wenn es denn der/die Fragende dann noch wissen will.