Wider die verzwickte Verzweckung der Kunst

Alles Überflüssige ist vollkommen hierarchiefrei, das macht die Kunst zur Kunst. In ihr ist es möglich, mit allem zu arbeiten, was Welt, Sinne, Denkapparat hergeben. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, an sich bezogen vor allem auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts in Deutschland mit all seinen Parallelaktionen in Sachen Kunst und Denken, ist imgrunde Kern aller Kunst, ist Sinnspruch für das Zweckfreie im Menschen. Kunst, die sich instrumentalisieren läßt, ist demnach keine Kunst, sie hat eine spezielle Funktion, die der sehr ähnlich ist, die ein Gesetz hat oder ein Maschinengewehr. Wer heute Kunst betreibt, der muß sich klar darüber sein, wie in der immer noch unmittelbaren Moderne Faschismus und Kommunismus die Kunst in allen ihren Ausdrucksformen mißbraucht haben, indem sie sie benutzten entweder als Feindbild und als Feind und auch, in genehmer Form, als Deckmäntelchen und zu Glorifizierungszwecken, was nichts anderes hieß und heißt, als der Kunst ihre Zeitlosigkeit zu amputieren, sie zu verzwecken. Aber auch in der sich nun mit aller Gewalt neu herausbildenden Weltunordnung, in der mit Macht Ausgestattete (Beliehene) offensichtlich Orwells Roman 1984 für eine Gebrauchsanweisung nehmen, wird die Kunst als solche in dieser Art benutzt, nicht zuletzt auch deswegen, weil es Künstler aller Richtungen gibt, die von sich aus den Markt nach dessen Vorgaben zu bedienen trachten und damit vom Kern ihrer eigenen Welt aus eben das tun, was von Außen verlangt wird, nämlich einer Zweckmäßigkeit zu dienen, sei dieser Zweck nun Machterhalt oder Gewinnmaximierung. So ist Sichverkaufen gleich Sichverraten. Da hilft auch kein Argument, man wolle und müsse mit seiner Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen, denn so richtig das ist, so wenig darf sich ein künstlerisch Tätiger solch einer Zweckmäßigkeit unterwerfen. In der deutschen Romantik hieß es nicht von ungefähr, man müsse sich entscheiden, ob man Künstler oder Bürger sein wolle, beides ginge nicht. Wie wahr! Die einzige Zweckmäßigkeit, die der Künstler sich zu vergegenwärtigen hat, ist die, mit sich selbst identisch zu sein, eine 1/1-Existenz zu leben, so unmöglich das in letzter Konsequenz auch ist und immer schon war, seit Urzeiten. All dies heißt aber nicht, um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, als Künstler von nicht künstlerisch tätigen Menschen gesondert zu sein oder aber von ihnen eine bestimmte Beziehung zur Kunst zu verlangen, eben dies auf keinen Fall, denn die Zweckfreiheit der Kunst ist ja zugleich Ausdruck ihrer tiefen Menschlichkeit, die nicht und nie verhandelbar sein darf.

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