Träschsch – Fortlaufende Miniaturen um Anna, auch Emma (I)

Träschsch ist ein alter Text, ein Extrakt aus Der Bildermacher, begonnen 1996 und seitdem in Arbeit, in progress. Ganz anders etwa als Stadt, Angst, Schweigen ist Träschsch aber kein „Fließtext“ wie eben jener, sondern ein gleichsam atemloser, ein in unruhigem Wechsel rhythmisierter Text, ein Gebilde mit Brüchen und Rissen, ein Ich, das schreibt.

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Ich ging also in den Keller, den Wein zu holen. Beim Hinausgehen, die Türklinke in der Hand, das Licht bereits gelöscht, fiel mir das grüne Lämpchen an der Kühltruhe auf. Neben dem gelben, das leuchtet, wenn die Truhe im Runterkühlen begriffen, und dem roten, das anzeigt, dass etwas nicht in Ordnung ist, gibt es das grüne, das folgerichtig bedeutet, dass alles so ist wie gewünscht. Jedoch, die Truhe war leer, sie ist nur selten in Betrieb. Ich hatte sie nach Annas Fest selbst abgeschaltet. Oder sollte sie etwas eingefroren haben, das oben in den Gefrierschrank nicht mehr hineingepasst hatte? Aber was sollte das sein? Wir haben meist nur frische Lebensmittel im Haus. Wir kaufen auf dem Markt. Ich arbeite zuhause und sehe es als Erholung an, zwei-, dreimal die Woche zum Markt zu fahren und einzukaufen. Oder plant Anna eine Feier und will mich überraschen? Ich schalte also das Licht an, stelle die Weinflasche zwischen meine Füße auf den Boden, packe den Deckel links und rechts und hebe ihn an, ein quappendes Geräusch, dann die Kälte, die mir entgegenschlägt. Was habe ich erwarte? Eine einsame Hammelkeule am Grund der Truhe, Gefriertüten mit Obst oder Gemüse? Und wie lange habe ich gebraucht zu erkennen, dass nichts Erwartetes, Erwartbares, zu sehen ist. Ich werde eines Kopfes, eines Gesichts gewahr, mit Rauhreif überzogen, ein Mann, ja, langsam begreife ich, halb liegend, halb sitzend, die Knie auf Höhe des Kopfes, mit weit geöffneten, matten, toten Augen. Blond. Rauhreifblond. Sein Mund mit den hellbläulichen Lippen einen spaltbreit geöffnet, so als setze er eben an, etwas zu sagen, zu sprechen. Ich lasse den Deckel los, der sogleich damit beginnt, sich festzusaugen, pflichtschuldig, so als hätte er mir gegenüber etwas zu begleichen. Dachte ich das tatsächlich in diesem Augenblick? Frage ich mich jetzt. Ich atmete tief durch. Also ein toter Mann in meiner Kühltruhe. Das stand fest und tut es noch. In meinem Haus. Er ist unten. Denke ich jetzt. Ich starrte noch einen kleinen Moment den mattweißen Deckel an, packte dann mich bückend mit schnellem Griff die Weinflasche brutal am Hals, ging zur Tür, öffnete sie, schaltete das Licht aus, schloss die Tür, Treppe hinauf, im Wohnzimmer dann auf und ab, die Flasche noch in der Hand – von der Terrassentür zur Küchentür, von der Küchentür zur Korridortür, von der Korridortür zum Kamin, vom Kamin zur Küchentür, von der Küchentür zum Tisch und so weiter und so weiter, man kennt das. Endlich öffnete ich den Wein, eine roten, einen Rioja, und trank. Der Wein war sein Geld wert. Keine Frage. Also ein Toter in meiner Kühltruhe! Tote sind allgegenwärtig, dachte ich. Als Vorstellung. Jeder Film, jedes Buch. Mord und Waffen, allgegenwärtig. Das Leben aber sieht anders aus. Tote in Kühltruhen kommen darin gemeinhin nicht vor. Ich hatte noch nie einen Toten gesehen. Bis ich den Deckel der Kühltruhe hob. Ich trank noch ein Glas. Ich sollte Anna einen Schluck übrig lassen. Sie musste ja bald kommen. Blond ist der Mann, bekleidet und tot. Graublaue Augen. Matt und tot. Rauhreif, ja das auch, der Mann ist mit Rauhreif überzogen, wie die Wiese im Winter, wenn es kalt und feucht ist, aber kein Schnee fällt.

>>> zu Träschsch (II)

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