Träschsch – Fortlaufende Miniaturen um Anna, auch Emma (II)

Träschsch ist ein alter Text, ein Extrakt aus Der Bildermacher, begonnen 1996 und seitdem in Arbeit, in progress. Ganz anders etwa als Stadt, Angst, Schweigen ist Träschsch aber kein „Fließtext“ wie eben jener, sondern ein gleichsam atemloser, ein in unruhigem Wechsel rhythmisierter Text, ein Gebilde mit Brüchen und Rissen, ein Ich, das schreibt.

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<<< zu Träschsch (I)

Mein Spiegelbild in der Fensterfront zur Terrasse macht mich nervös. Es sieht mich an. Mir zu. Ich ihm. Ich stehe auf und gehe hin und her. Es folgt mir. Im Keller gewesen, zweite Flasche geholt. Ich öffne den Wein. Ich lösche das Deckenlicht, eine flache, gelbe Schale. Über die Stehlampe lege ich das gelbe Tuch mit dem braunen Brandfleck und dem kleinen Loch darin. Ich entzünde eine Kerze auf dem Kaminsims. Das erscheint mir zu feierlich und ich entzünde eine weitere auf dem Tisch. Ich sollte anrufen. Erreiche ich Anna tatsächlich, so wird sie mich fragen, ob etwas passiert sei. Ist etwas passiert? Ja, es ist etwas passiert! Nur wann? Und wie? Ich rufe nicht an. Die Nacht draußen kann nur schlagartig enden, denke ich. Mein Spiegelbild geht immer noch auf und ab, vom Kamin zur Terrassentür, von der Terrassentür zur Korridortür, von der Korridortür zum Kamin, vom Kamin zum Tisch und so weiter und so weiter. Lassen wir das. Ich trinke ein Glas, starre eine Weile zum Fenster hinaus und setze mich schließlich. Was also tun, denke ich. Ich sitze in meinem Sessel. Auch mein Spiegelbild ruht. Ich sehe nicht hin. Ich rekapituliere: Ich hatte eine Flasche Wein aus dem Keller holen wollen und die Kühltruhe geöffnet, weil sie in Betrieb war. Um herauszufinden, was in ihr ist. Eingefroren, tiefgefroren. Dort fand ich einen Toten. Den Toten. Meinen Toten. Nun bin ich in meinem Wohnzimmer, trinke Wein und gehe auf und ab. Kurz gezögert, als ich die zweite Flasche holte. Aber ich schlich vorbei und öffnete sie nicht, die Kühltruhe. Das ist alles. Jetzt sitze ich. Ich stehe auf. Auf der Terrasse mein Spiegelbild. Ich gieße mir ein weiteres Glas ein, öffnete die Terrassentür und trete hinaus an meine Stelle. Es ist kalt, ich aber glühe. Womöglich habe ich Fieber. Ich sehe in das menschenleere Wohnzimmer. Ich habe den Anfang der Geschichte nicht mitbekommen, denke ich. Ich bin nicht im Bilde. Wie kam der Tote in unsere Kühltruhe? Hat ihn wer getötet? Hat er sich selbst eingefroren? Selbstmord, indem er sich betrunken in die Kühltruhe setzte. Deckel zu, Mann tot? Denkbar ist alles.

zu Träschsch (III) >>>

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