Träschsch – Fortlaufende Miniaturen um Anna, auch Emma (IX)

Träschsch ist ein alter Text, ein Extrakt aus Der Bildermacher, begonnen 1996 und seitdem in Arbeit, in progress. Ganz anders etwa als Stadt, Angst, Schweigen ist Träschsch aber kein „Fließtext“ wie eben jener, sondern ein gleichsam atemloser, ein in unruhigem Wechsel rhythmisierter Text, ein Gebilde mit Brüchen und Rissen, ein Ich, das schreibt.

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Ich schlafe nicht gut. Ich liege in meiner Dachstube. Hebe ich den Kopf ein wenig, so sehe ich den Waldrand. Manchmal sehe ich dort Rehe, mit bloßem Auge. Selbst nach zwei Flaschen Wein kann ich nicht in Schlaf kommen. Mein Kopf arbeitet. Meine Gedanken versuchen zu entkommen. Sie gehen im Kreis.

Ich setze mich ins Wohnzimmer, öffne den Wein und denke nach. Wir hatten eine Anzeige aufgegeben. Anna und ich sind Stadtmenschen. Wir brauchen einen Gärtner. Leo war der einzige, der sich gemeldet hat. Anna sagte, er sähe dem Finnen ähnlich. Das sei ihr aber egal. Welcher Finne, dachte ich. Ich trinke ein Glas. Ich kann nicht stillsitzen. Ich gehe vom Kamin zur Terrassentür, von der Terrassentür zum Tisch, vom Tisch zur Korridortür, von der Korridortür zur Terrassentür, von der Terrassentür zum Kamin, vom Kamin zum Tisch, vom Tisch zur Terrassentür und so weiter und so weiter. Ich hole mir eine zweite Flasche. Ein guter Wein. Anna müsste längst wieder hier sein. Vielleicht war sie in die Redaktion gefahren. Ein überraschender Auftrag. Oder sie schläft in ihrer Stadtwohnung. Ich nehme den Telefonhörer zur Hand. Nein, ich durfte sie jetzt nicht anrufen. Auch die Polizei durfte ich nicht verständigen. Und Leo? Vielleicht. Er war Polizist gewesen, bevor er Gärtner wurde. Er wüsste am besten, was zu tun ist. Ich trinke ein weiteres Glas.

Wo bleibt Anna nur? Mein Kopf schmerzt. Was war passiert? Ich hatte schlecht geschlafen letzte Nacht. Schlecht geträumt. Oder träumte ich jetzt? Tagebuchblätter? Nein. Blätter an einem Zaun? Seiten, die ich geschrieben habe. Von mir dort angeheftet? Ein Bretterquadrat, von innen mit Annas Tagebuchblättern ausgekleidet, oder mein Geschreibsel, das ich löschen werde, ist Anna erst wieder da? Ein Stuhl, eine Leiter. Es ist kalt. Ich bin nackt und friere. Ich bin in einer Zelle, denke ich. Ich spüre meine Füße nicht mehr. Mein Hirn glüht. Ich bin festgebunden. Mit drei Schals. Ich kann sie nicht lösen. Ich spüre meine Hände nicht. Der Boden ist gefroren. Alles ist gefroren. Ich schreie nicht. Über mir der blassblaue Himmel. Keine Zelle also. Ich denke, ja, ich träume, aber ich spreche nicht mehr. Ich denke es nur aus. Wie ich es innen in mir höre, so denke ich es aus. Mein Hirn glüht. Mit Mühe erkenne ich meine Füße. Meine Augäpfel sind kalt. Selbst die kleinste Blickänderung schmerzt. Mein Hirn glüht. Ich höre. Ich höre die Rehe am Waldrand. Ich höre ein Knacken, ein Knistern. Es wird lauter und lauter. Die Füße schmerzen. Die Hände. Der Körper. Ein Knistern und Knacken. Ich weiß, ich sitze vor dem Bildschirm. Ich stehe auf und blicke hinunter in den Garten. Dichter Rauch steigt herauf. Das Bretterquadrat brennt, ich weiß es. Ich habe es angezündet. Ich selbst war es. Es brennt. Innen und Außen. Es brennt. Später ist der Waldrand wieder zu erkennen. Rehe.

Habe ich geschlafen? Ich schlafe wenig und schlecht, seit Anna verschwunden ist. Das heißt, sie ist nicht verschwunden. Sie ist nicht zurückgekommen! Ich warte. Ich gehe hinunter. Ich gehe vor das Haus. Mein Fahrrad ist angeschlossen. Ich denke, ich drehe mich im Kreis, seit Anna verschwunden ist. Vielleicht ein Auftrag, der streng geheim ist. Niemand darf verständigt werden. Unter keinen Umständen! Alle werden beobachtet. Es ist menschenleer. Im weiten Umkreis kaum Häuser. Meist Ferienhäuser. Die Straße endet hier. Oder sie beginnt hier. Zum Wald ein Feldweg. Manchesmal, wenn ich an Anna denke, verliere ich ihr Gesicht. Ich muss es rekonstruieren. Ich habe Fotografien von ihr. Im Schuhkarton. Er bleibt wo er ist. Anna ist in meinem Kopf. Ich denke, ist sie in meinem Kopf, so verliere ich sie nicht. Ich sehe aus dem Fenster. Keine Rehe.

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