Träschsch – Fortlaufende Miniaturen um Anna, auch Emma (VIII)

Träschsch ist ein alter Text, ein Extrakt aus Der Bildermacher, begonnen 1996 und seitdem in Arbeit, in progress. Ganz anders etwa als Stadt, Angst, Schweigen ist Träschsch aber kein „Fließtext“ wie eben jener, sondern ein gleichsam atemloser, ein in unruhigem Wechsel rhythmisierter Text, ein Gebilde mit Brüchen und Rissen, ein Ich, das schreibt.

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Mein Beobachter wird mich beobachten. Ja, es gibt ihn, ich bin sicher. Ich hätte ihn längst erwähnen, ihn vor mir selbst zugeben müssen. Sicher wird er mit einem Nachtsichtgerät arbeiten. Er wird meine Bewegungen filmen. Er wird ein Protokoll anfertigen und seinem Vorgesetzten aushändigen. Dieser wird dann eine Entscheidung treffen. Diese Entscheidung wird mich betreffen. In allerhöchstem Maße. Ich sehe Anna im Zimmer auf und ab gehen. Täusche ich mich, so ist die Täuschung doch vorhanden. Mein Beobachter, ein junger und engagierter Mensch wahrscheinlich, beobachtet mich, Anna beobachtend. Wäre nur ein Funken Verstand, ein Funken visueller Intelligenz in diesem Menschen, er würde in die Richtung blicken, in die ich blicke. Es ist ja schließlich kaum anzunehmen, dass ich mich in Luft auflöse. Warum nur richtet er seine Aufnahmegerätschaften nicht in die Richtung meines Hauses? Er tut es nicht, ich spüre es. Ich wäre ihm dankbar, täte er es. Er arbeitet gut, rein technisch gesehen, jedoch ohne Verstand. Ich sehe ihn nicht, ich rieche ihn nicht, ich höre ihn nicht. Ich spüre ihn. Eine hochentwickelte Kamera, sehr, sehr klein und handlich, ohne Probleme als Nachtsichtgerät einsetzbar, das einzige derartige Gerät in seiner Abteilung. Je länger er sich dieses Auges bedient, desto mehr vertraut er ihm. Er ermahnt sich, nur relevante Handlungen zu filmen. Ich gehe in den Wald hinein. Er ist aufmerksam. Ich trete wieder hinaus. Er ist aufmerksam. Ich wiederhole das Hinein- und Hinaustreten im Minutenrhythmus. Es wird sicher gegen mich verwandt werden. Nun bin ich einige Meter in den Wald hineingegangen. Ich blicke zum Haus. Noch kann ich es sehen. Anna sehe ich nicht. Ich gehe einige Schritte tiefer hinein. Mein Beobachter erwartet mein Hinaustreten. Ich gehe noch einige Schritte. Er wird sich entscheiden müssen. Er ist jung und erfolgshungrig. Seine erste Observation. Er muss etwas abliefern. Er hat sich zu sehr auf sein elektronisches Auge verlassen. Er hat nicht gehört, wie tief ich in den Wald hineingegangen bin. Er muss mir folgen. Er weiß ob der Gefahr, entdeckt, gehört, gerochen zu werden. Er geht einige Schritte. Er steht zwischen mir und dem erleuchteten Rechteck. Ein Fehler, doch ich muss ihn nicht sehen, um zu wissen, dass er dort ist. Er sieht mich nicht. Er benutzt sein elektronisches Auge. Er ist nicht sicher. Ich stehe in völliger Dunkelheit. Er selber ist es, der das Licht von mir nimmt. Er ist jung und unerfahren. Er geht einige weitere Schritte in den Wald hinein. Ich blicke mich um, sehe ihn aber nicht. Das Licht in meinem Haus ist gelöscht! Ich höre das Schlagen seines Herzens. Ich fühle ihn denken. Ich rieche seinen Schweiß. Er weiß, er muss zurück, er darf mir nicht folgen. Er ist allein. Doch ich höre, rieche und spüre ihn näherkommen. Das Schlagen seines Herzens überdeckt sein flaches und schnelles Atmen. Er muss zurückgehen. Er weiß, dass ich hier bin. Er weiß es, aber er spürt es nicht. Sein Auge sieht nicht mehr. Ich bin ruhig. Er steht jetzt fast neben mir. Das Wummern seines Herzens füllt mein Hören aus. Er geht einen weiteren kleinen Schritt. Er steht neben mir. Seine Sinne sind totgestellt. Die Ohren dröhnen ihm. Noch ist ein wenig Licht zu erkennen am Waldrand. Eine Spur Licht. Hinter ihm. Er geht einen weiteren Schritt. Ich rieche ihn deutlich. Das kleinste Wort, käme es über meine Lippen, gleich welcher Lautstärke, es müsste ihn umbringen. Es brächte ihn um. Sein Körper geht einen Schritt. Er blickt sinnlos in den Wald. Er geht Schritt um Schritt, langsam. Noch rieche ich ihn, noch höre ich ihn, noch spüre ich ihn. Er ist da. Ich höre seine Gelenke, seine Augenlider, das Rauschen seines Magens. Ich höre den ganzen Menschen, der mein Beobachter ist. Seine Sinne aber sind totgestellt. Er dreht sich um. Ich spüre die Feuchtigkeit seiner Augäpfel. Er sieht nichts. Er zweifelt. Er geht einen Schritt. Er bleibt stehen. Er vollzieht eine leichte Drehung, geht noch einen Schritt. Der Waldrand ist ihm unsichtbar. Ich stehe und sehe den Hauch von Licht. Er ist hilflos. Niemand kann ihm helfen. Jede Hilfe brächte ihn um. Jedes Geräusch, jede Berührung. Er geht einen mutigen Schritt vorwärts. Ich höre die Hoffnung in seinem schlagenden Herzen. Die Hoffnung, die richtige Richtung gewählt zu haben in völliger Finsternis. Er führt die Kamera zum Auge. Er betätigt sie. Sie arbeitet laut und heulend. Sein Herzschlag setzt einen Augenblick aus. Sein Auge sieht nichts. Das Heulen erstirbt. Er geht einen lauten und schnellen Schritt. Er schluckt gurgelnd. Ich stehe weiter regungslos. Niemals war es leichter, einen Menschen zu töten. Ich brächte ihn um. Es wäre Mord. Niemand fände eine Spur der Gewalt. Wieder das Heulen der Kamera. Das Rauschen von Blättern hoch oben. Er verlässt den Pfad. Er spricht lautlos mit sich selbst. Ich spüre es. Er macht sich Vorwürfe. Keine Lampe mitgenommen zu haben. Sich auf die Kamera verlassen zu haben. In den Wald hineingegangen zu sein. Mich verloren zu haben. Aber er beruhigt sich, ich höre es. Er sagt sich, ich werde den Weg finden. Er sagt sich, die Nacht dauert nur wenige Stunden. Er wiederholt das Gedachte. Er geht einen Schritt. Er hat Mut gefasst. Er geht einen weiteren Schritt. Er hat den Pfad verlassen. Noch spüre ich ihn. Ich spüre die Brüchigkeit seines Verstandes. Er spricht mit sich selbst. Es ist nicht einmal ein Flüstern. Ich stehe regungslos. Ich höre ihn stürzen. Aufstehen. Abermals stürzen. Er muss sich verletzt haben. Ich höre das Rinnen seines Blutes. Ich höre ein Schleifen, ein Keuchen. Es entfernt sich. Es entfernt sich. Ein Schaben und Kriechen in weiter Ferne bleibt, als ich dem Haus zustrebe. Das Licht ist gelöscht. Ich gehe dorthin. Ich finde den Weg. Er ist mir vertraut. Ich öffne die Tür. Es ist dunkel. Kein Licht. Ich gehe in Annas Zimmer. Ich liege auf ihrem Bett. Schlafe ich?

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