Träschsch – Fortlaufende Miniaturen um Anna, auch Emma (VII)

Träschsch ist ein alter Text, ein Extrakt aus Der Bildermacher, begonnen 1996 und seitdem in Arbeit, in progress. Ganz anders etwa als Stadt, Angst, Schweigen ist Träschsch aber kein „Fließtext“ wie eben jener, sondern ein gleichsam atemloser, ein in unruhigem Wechsel rhythmisierter Text, ein Gebilde mit Brüchen und Rissen, ein Ich, das schreibt.

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<<< zu Träschsch (VI)

Ich erinnere mich an unsere Spaziergänge. Wenn die Dämmerung sich ankündigte, machten wir uns auf den Weg. Wir blickten zum Haus und sahen das erleuchtete Rechteck. Niemand war dort. Anna und ich standen am Waldrand, Hand in Hand. Jetzt, wo Anna verschwunden ist, sehe ich sie in mein Zimmer treten und zum Waldrand blicken. Sie kopiert den Text. Wäre es nur möglich, sie verließe das Haus und käme zum Waldrand. So träfen wir uns. Ich schreibe diesen Bericht nicht freiwillig, er reißt mich aus der Welt. Er bindet meine Kräfte. Wie nur, Anna, finden wir wieder zusammen? Sehr oft nahmen wir auf unserem nächtlichen Spaziergang einen Weg durch den Wald, eine Art Rundweg, den wir gut kennen. Hand in Hand schritten wir in den Wald hinein. Bei Vollmond lag ein silbriggraues Licht im Wald, die Buchenstämme schimmerten wie die Säulen von Kathedralen. Schweigend gingen wir in den Wald. Unvorstellbar, ihn jemals wieder zu verlassen. Wir gingen hinein, wir wurden silbriggrau wie der Wald selbst. Leben pulsiert. Wir schritten hinein. Vom Fenster aus gesehen verschwinden zwei Menschen im unteren schwarzen Rand eines Bildes, des Bildes. Atmen im Gleichklang, Schreiten im Gleichklang. Eine Stille der Geräusche, keine der Lautlosigkeit. Ganz und gar aufgehoben. In lauen Sommernächten entkleideten wir uns und lagen an dem kleinen Bachlauf. Unvorstellbar, jemals wieder diesen Wald zu verlassen.

Oft auch gingen wir den Rundweg bei völliger Finsternis, Hand in Hand. Je tiefer wir vordrangen, desto schwärzer das Bild, lauter die Stille. Wären wir blind geworden inmitten des Waldes, so hätten wir es nicht zu bemerken vermocht. Niemals liefen wir gegen ein Hindernis. Obgleich wir nicht zögerlich gingen. Der Weg ist tatsächlich ein Rundweg, wir liefen nie geradeaus, obgleich wir genau dies taten. Das Heraustreten dann aus dem Wald war das Eintreten in eine andere Welt. Das erleuchtete Rechteck blendet das nun wieder zur Tätigkeit gezwungene Auge. Sprachen wir, so war es Flüstern. Ich blicke zum Haus und sehe Anna im Fensterrahmen erscheinen. Ich flüstere ihren Namen. Sicher werde ich beobachtet. Es ist niemand zu sehen. Die Nacht ist dunkel. Der Wald hinter mir ist schwarz. Nichts ist mir nachzuweisen. Auch Anna ist nichts nachzuweisen. Der Eintritt in den Wald ist kaum zu erkennen. Der Weg ist kaum breiter als ein Trampelpfad, eben genug, um eng nebeneinander gehen zu können. Ginge ihn nie jemand, er würde binnen kürzester Frist verschwunden sein.

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