Der Andere

Sie sind nicht Eduard Raban, hörte er eine Stimme sagen. Der Kopf des Richters wirkte klein über der roten Robe. Er sagte es noch einmal, etwas lauter diesmal, so als sei er nicht sicher, ob der Mann ihn verstanden habe. Der Mann sagte nichts. Er verweigerte keineswegs die Aussage, das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Er spürte sein Herz schlagen in dumpfen, wie in Zeitlupe ablaufenden Schlägen: Kawumm, kawumm schien es zu machen. Wie bitte?, hörte er die selbe Stimme, dann eine andere, von der Seite, eine weibliche, die fragte, ob ihm nicht gut sei, ob er ein Glas Wasser wolle. Möchten Sie ein Glas Wasser?, fragte die Stimme, rief aber schon nach dem Saaldiener, der Angeklagte benötige ein Glas Wasser. Man wartete schweigend. Es war lauwarm, und im schräg in den Gerichtssaal fallenden Sonnenlicht erkannte er, dass das Wasser nicht ganz sauber war. Er nahm einen Schluck, voll Widerwillen, und stellte das Glas neben sich auf die helle Buchenholzbank, die ursprünglich hochglänzend lackiert gewesen war, nun aber dort, wo die Angeklagten saßen, nur noch matt glänzte; die Hosenboden der Beschuldigten hatten den Glanz zum Ermatten gebracht. Auch die Armlehnen waren matt, während unter ihnen, am Rand der Sitzfläche, eine Spur des alten Glanzes erhalten geblieben war. Sind Sie in der Lage, Fragen zu beantworten, hörte er den Richter sagen. Der Mann hinter ihm stieß ihn leicht an, sein Verteidiger. Dieser hatte vor der Verhandlung versucht mit ihm zu sprechen, aber er hatte nicht ein Wort sagen können, nicht eine Frage hatte er ihm beantwortet, so als sei er plötzlich stumm geworden. Nun gut, hatte sein Verteidiger endlich gesagt, ich erkläre Ihnen die Zusammenhänge und Sie nicken, wenn Sie verstanden haben. Dann waren verschiedene, wichtige Zeichen ausgemacht worden, leichtes Anstoßen, Räuspern oder kurz den Rotz in der Nase hochziehen, das waren die Zeichen, die der Anwalt vorgeschlagen hatte, aber er konnte sich jetzt nicht mehr erinnern, was diese Zeichen zu bedeuten hatten. Natürlich, sie bedeuteten Ja oder Nein oder Ich kann mich nicht erinnern, eben das, was er sagen sollte, wenn der Richter oder der Staatsanwalt etwas fragte, nur wusste er nicht, welches Zeichen nun im Einzelnen Ja oder Nein oder Ich kann mich nicht erinnern bedeutete. Warum, hörte er den Richter sagen, geben Sie sich als Eduard Raban aus? Ein Ventilator in großer Höhe surrte, seine Füße waren eiskalt und das Wummern in seiner Brust schlug ihm bis in den Hals; es schien ihm fast, als müsse man sein Herz deutlich sehen, wenn er nur den Mund weit genug öffnete, wie es in den Mundraum drängte, pulsierend, rot schimmernd, immer ein wenig mehr sich hinein- oder vielmehr aus dem Körper sich herausarbeitend, um schließlich den Mundraum völlig auszufüllen.

Wir wissen, Sie können nicht Eduard Raban sein, hörte er den Richter noch sagen, bevor ihm schlecht wurde. Er bekam keine Luft, er atmete wie gegen ein Ventil, ein wie auch immer verkehrt herum eingesetztes Ventil. Das Glas mit dem Wasser fiel zu Boden, es drehte sich, auf der Seite liegend, einige Male um sich selbst, bevor es endlich still lag. Es glotzte ihn an. Er war zu Boden gesunken. Was nur wollte man von ihm? Er wusste doch selbst, dass er nicht Eduard Raban war; natürlich wusste er das. Er hatte es nie behauptet. Wäre ich Raban, dachte er, so läge ich im Leichenschauhaus, kaum zweihundert Meter von diesem Saal entfernt. Das wussten doch alle, oder etwa nicht? Das jedenfalls würde er sagen, wenn man ihn nur ließe, wenn er nur könnte.

Ein seltsames Gesicht beugte sich über ihn, weitere drängten herbei, ein Jemand packte ihn unter den Achseln, von hinten, so dass er zwei Fäuste vor seinem Gesicht hatte, geballt und zu allem bereit. Ein Anderer hatte seine Füße ergriffen, vielmehr seine Fersen, so dass ihn nun diese Beiden, der Jemand, von dem er nur die Fäuste sah, und der Andere, von dem er nichts sah, forttrugen. Der Ventilator summte noch immer weit oben an der Saaldecke, er bekam noch immer keine Luft und seine Füße waren noch immer eiskalt. Er hob ein wenig den Kopf, auch wenn es ihn sehr anstrengte. Der Andere, der ihn an den Fersen trug und rückwärts ging, fast so als sei er es gewöhnt und mache es regelmäßig, kam ihm durchaus bekannt vor, doch war es nicht etwa sein Verteidiger, keineswegs, und es war auch durchaus nicht der Richter, auf keinen Fall. Er ließ den Kopf wieder in den Nacken sinken. Der Ventilator bewegte sich aus seinem Blickfeld heraus, noch immer schlug sein Herz dumpf und wie in Zeitlupe, sein Mund stand offen, er erkannte den Türrahmen, aus Eiche, die zweiflügelige Tür, die er nur im Anschnitt sehen konnte, dann der Flur, die Tonnendecken, die weißen, erleuchteten Kugellampen, in denen tote Insekten den unteren Bereich grau und schmutzig erscheinen ließen. Auch als es die große und breite Treppe hinunterging, er konnte sich nicht erinnern, sie hinaufgegangen zu sein, und er den immer noch rückwärts gehenden Anderen besser sehen konnte, wollte ihm nicht einfallen, wer dieser Andere nur sein könnte. Ein Tropfen fiel auf seine Stirn und lief ihm die Nase hinab in den Mund. Er war salzig, er schmeckte es deutlich unter seiner Zunge. Auch der Andere schwitzte jetzt, so schien es, als sie die Eingangstür des Gebäudes durchschritten und ins Freie getreten waren. Er erkannte einen blauen, hohen Himmel; in großer Höhe waren Vögel zu sehen. Keine Wolken. Kies knirschte unter den Schuhen der Männer, sie schritten voran, wie Soldaten, im Gleichschritt, nur dass Soldaten nicht rückwärts marschierten, wie der Andere es tat. Er hörte sie keuchen, er spürte, dass sie sich ansahen und sich gegenseitig Mut machten, nur mit den Augen. Der Jemand hinter ihm fasste jetzt nach, indem er ihn kurz nach oben stieß und die Fäuste neu ballte, was den Anderen aus dem Tritt zu bringen schien, jedoch nur leicht. Linker Hand waren jetzt Baumkronen zu sehen, die Schritte der Männer aber nicht mehr zu hören, so als liefen sie auf Gras. Nur ein leichtes Keuchen war noch zu vernehmen, ein kurzes Hüsteln, ein pfeifendes Atmen, mehr nicht. Auch sie bekamen schlecht Luft, wenngleich nicht in dem Maße, wie er selbst. Der Andere musste nun, nur kurze Zeit später, so schien es, mit der Sohle eine Tür aufgestoßen haben, sicher eine Metalltür, die in ihren Angeln quietschte, eine Pendeltür, so hörte es sich an. Eine weitere Tür folgte, ein Türrahmen aus Metall, kaltes Licht in einem Raum, von einer weißen Decke ausgehend, ohne dass Lampen oder Leuchten zu sehen wären. Eine Tür fiel ins Schloss.

Der Jemand, der ihn, um nachzufassen, nochmals leicht nach oben stieß, zog den Rotz in der Nase hoch; oder war es der Andere, der nicht ein Mal hatte nachfassen müssen? Der Raum war kühl, und irgendwo tropfte sicher ein Wasserhahn, wenn auch nichts zu hören war außer den jetzt schlurfenden Schritten der Männer. Er wandte noch einmal alle Kraft auf, den Kopf ein wenig zu heben, im selben Moment aber stießen ihn beide Männer seitlich von sich. Er spürte die harte Unterlage, auf der er nun lag; kein Zweifel möglich, er lag wieder, diesmal aber nicht auf dem Boden, wie im Gerichtssaal, er lag höher, auf einer schmalen Pritsche womöglich, über ihm eine weiße Decke, hell, aber ohne Lampen oder Leuchten. Wenn er jetzt nur den Kopf ein wenig drehen könnte, das musste gelingen, es war deutlich leichter als ihn zu heben, so viel Kraft sollte er noch aufbringen, unbedingt, dann könnte er nochmals einen Blick werfen auf den Anderen und, zum ersten Mal, auf den Jemand. Es gelang ihm. Zwei Gesichter sahen ihn an. Der Jemand, der ihn unter die Achseln gefasst und auf diese Art getragen hatte, war ohne Zweifel sein Verteidiger. Er schwitzte, der Schweiß rann ihm von der Stirn. Die Ärmel seines Oberhemdes waren aufgekrempelt, die Jacke musste er im Gerichtssaal gelassen haben. Er atmete schwer und blickte ernst auf ihn hinunter. Der Andere aber, mit vor der Brust verschränkten Armen dastehend, wirkte keineswegs ernst, im Gegenteil, er schien zufrieden und lächelte sogar ein wenig. Wer nur mochte er sein? Nach einer Weile schließlich nickten beide sich wortlos zu und schoben die Lade, auf der er lag, mit leichtem Schwung in die Tiefe der Wand. Kalte Dunkelheit umschloss ihn, tiefe Stille und eisige Kälte. Wer aber war der Andere?

Die Frage blieb ihm im Bewusstsein stecken, auch als die Dunkelheit, später, sofort, er wüsste es nicht zu sagen, ohne Übergang, fast ohne Begreifen seinerseits, einer blendenden Helle wich. In dem Augenblick aber, der sich wiederum, wenn also nicht alles täuschte, ohne weitere Verzögerung anschloss an diese Helligkeit, in dem Augenblick, als die Stimme des Mannes, dessen Kopf über der Robe so klein wirkte, sagte, dass er nicht Eduard Raban sein könne, begriff er, so als erinnere er sich endlich, ja, natürlich, er war nicht Eduard Raban! Aber es ist zu spät, für immer und seit je her zu spät, dachte er, es sei denn, er sagte, dass er nicht Eduard Raban sei, selbstverständlich nicht, dass er mitnichten dieser Mann sein könne, der im Leichenschauhaus läge, kaum zweihundert Meter entfernt, und an dessen Tod er Schuld zu tragen angeklagt sei, auch wenn er nicht wisse warum. Das alles Entscheidende aber war, er wusste es jetzt, er wusste es schon immer, es tatsächlich zu sagen, der Welt sprechend zu bestätigen, dass sie im Recht sei, dass er es jetzt und hiermit zugäbe, nicht der Genannte sein zu können. Der Richter wiederholte die Frage, doch noch bevor er antworten konnte, fragte ihn eine andere Stimme, ob ihm nicht gut sei und ob er ein Glas Wasser wolle. Das Sonnenlicht schien hell in den Saal und in großer Höhe surrte der Ventilator. Alles wartete schweigend. Als er das Wasser endlich bekam, erkannte er, dass es nicht ganz sauber war. Etwas schwebte zwischen Grund und Oberfläche, ohne dass er zu erkennen vermochte, was es ist. Trotzdem aber führte er das Glas an die Lippen und trank.

© Norbert W. Schlinkert – Alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus beim Autor

Polaroid 68 (Ausschnitt) Norbert W. Schlinkert

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