Das Literaturboot

Während er Lohnarbeit als Lebenszeitverschwendung begriff, sah er sich durch sich selbst gleichsam belohnt, wann immer er an seinen literarischen Projekten arbeitete. Und wie recht er hatte – im Nachhinein betrachtet. Kann man denn beides vereinen, die Lohnarbeit und die Kunst, ohne in seiner Kunst dann eben nie übers Mittelmäßige hinauszukommen, so fragte er nicht selten einen Gesprächspartner, und wer nur Mittelmaß produziere, so jedenfalls seine Ansicht, der könne sich genausogut auch vollständig der Lohnarbeit oder seinen Hobbys widmen. Punktum. Er war jedes Mal auf alle möglichen Antworten gefasst, ja er hätte sie ohne weiteres selbst aufsagen können, weswegen er seine Gesprächspartner auch immer wieder kurz berührte aus der Angst heraus, er würde allein am Caféhaustisch oder an der Bar sitzen und mit sich selber reden.

Norbert W. Schlinkert, zwei Autoren, davon einer doppelt

Was die Antworten betraf, so rückten manche, um nur ein Beispiel zu nennen, das Heroische früherer Schriftsteller in den Vordergrund, denn James Joyce, Franz Kafka oder Virginia Woolf und viele, viele andere seien doch wohl auch zurande gekommen trotz Lohnarbeit, Krankheit, Kriegszuständen oder whatever, da müsste sich doch in unseren Breiten wirklich kein heutiger Autor mit all seinen Privilegien beschweren. Doch natürlich könne nicht jeder gleich berühmt werden, einen Bestseller landen und viel Geld damit verdienen, das nun nicht, Rumgejammere aber sei auf jeden Fall völlig überzogen und in höchstem Maße egozentrisch, man müsse sich doch nur mal die Welt ansehen mit all ihren Problemen, den Ungerechtigkeiten, den Krankheiten, den Kriegen, dem Fanatismus, der Umweltverschmutzung und so weiter und so fort, da komme es doch auf einen Roman mehr oder weniger gar nicht an, ja es sei doch, bei einer abnehmenden Zahl von Lesern, fast schon von einer Romanschwemme zu sprechen, das Literaturboot sei eben voll, ob er das denn nicht bemerken würde, und wie könne er denn da glauben, ein sozusagen ohne Auftrag erstellter Roman würde da noch, um im Bild zu bleiben, aufgefischt und also verlegt und dann auch noch verkauft werden, das sei doch nun wirklich anmaßend, überkandidelt und einfach völlig verrückt! Völlig!! Damit dann war der Gesprächspartner gemeinhin am Ende seiner Möglichkeiten angekommen, worauf ihm unser Schriftsteller die Hand auf den Unterarm oder die Schulter legte, ihm tief in die Augen blickte und nach einer Kunstpause von genau kalkulierter Länge „Ja!“ sagte, „Ja, so ist es! Absolut.“

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