Ist Literatur nur noch Beipackzettel?

Wie lange ist es eigentlich her, dass von freien Schriftstellern und Schriftstellerinnen die Rede war? So weit ich mich erinnere ist das „Frei“ einmal nichts weiter gewesen als das Unterscheidungsmerkmal gegenüber im Fremdauftrag Schreibenden. Heutigentags aber sagt das keine Sau mehr, Freier Schriftsteller, Freie Schriftstellerin, was daran liegen mag, dass so Mancher und Manche der gleichsam Veröffentlichten das Schreiben von Texten nicht in einem per se künstlerischen Kontext betreibt, sondern sich von Anfang an in der Sphäre des Bürgerlichen bewegt, also im Dauerzustand des per se Beauftragtseins. Allein schon die um sich greifende, mit keinem rhetorischen Geschwafel je zu rechtfertigende Verquickung von literarischem Schreiben und Journalismus ist Ausdruck dafür. Für das Schaffen von Kunst aber gilt nach wie vor, um das mal wieder all jenen Verwirrten ins Gedächtnis zu rufen, dass man diese zum einen aus eigenem Antrieb heraus zu erschaffen sucht und zum anderen durchaus nicht zwingend zu Markte, ins bürgerlich konstituierte Lager zu tragen hat, sondern dass ganz im Gegenteil der bürgerliche Mensch sich zitternd und zagend mit dem der Wohlverhaltensdoktrin (Ordnung und Fleiß) abgepressten Mute sich der Kunst nähert, so weit er dies vermag, nicht um sie zu kaufen und zu musealisieren, sondern um Fremdes, Unerhörtes, Falsches, Böses, Abgründiges, aber auch durchaus Schönes und Gutes zu erahnen, zu erschmecken, wohl bemerkend, wie sehr die Verachtung des Künstlers für sein bürgerliches Unterwerfungsleben jede Zeile etwa eines Romans durchdrungen hat, ohne jede Anbiederung an die Leserschaft, ohne eine einzige Geste des Wohlwollens. So wird der Bürgerliche in einen, ja in seinen Malstrom gerisssen, Ekel, Angst und Lust zugleich verspürend – oder würde gerissen werden, denn die gegenwärtig Schreibenden und dies oft und sicher bald ausschließlich in Instituten Lernenden streben, so scheint mir, nichts weiter an als eine bürgerliche Karriere, indem sie im Kontext von Preisen, Stipendien und Journalismus systemimmanent und reibungsfrei funktionieren und nichts anderes mehr im Kopf haben als jene, die ihnen ihre Werke abkaufen. Die bildende Kunst ist derweil schon völlig auf den Hund gekommen, dient entweder pädagogischer Bespaßung oder politischen Zwecken, während es in der Literatur noch, so denke ich, Hoffnung gibt, gelegentlich einmal eine Nadel im Misthaufen zu finden, ein Werk, dessen entscheidender Antrieb nicht vorauseilender Gehorsam war, sondern die Lust, aus der Wirklichkeit heraus etwas offen Anderes zu erschaffen, etwas Gewalttätiges aus Sprache, eine Herausforderung der Welt, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Alles andere ist keine Kunst.

Illustration zu Edgar Allan Poes „A Descent into the Maelstrom“, Harry Clarke (1889-1931)

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