Von mir einmal abgesehen. Oder: Überall nur Väter

Ganz sicher wäre es interessant, wenn auch vollkommen sinnlos, sich aus kulturwissenschaftlicher Sicht noch einmal die Ich-Literatur der Kriegs- und Nachkriegskinder ganz genau anzusehen, denn so etwas wird es nie wieder geben. Dieser Gedanke ist mir (und den Leser:Innen meiner Generation) natürlich nicht neu, nachdem wir jahrzehntelang lesen mussten oder zumindest lesen hätten können, welche Auswirkungen die Nazizeit und der Krieg, die Nachkriegszeit und das Leben in BRD und DDR auf das zarte Ich-Gespinst hatte, welche Verluste zu beklagen, welche Schäden an Geist und Gemüt angerichtet worden sind und so weiter. Große Kunst ist dabei nicht allzu häufig herausgekommen, wenn auch mancher sagt, darum sei es auch nie gegangen, was dann allerdings als ein Schaden besonderer Art zu verbuchen ist. Mittelmaß mit Inhalt reicht einfach nicht, jedenfalls nicht über den Tag hinaus. Die wenigen herausragenden Texte dieser Autoren werden demzufolge nicht wegen der persönlichen Auseinandersetzung mit Faschismus, Krieg, Shoah und Vertreibung bleiben, sondern aufgrund ihrer künstlerischen Substanz, denn sie beschreiben nicht primär das in Sachbüchern ohnehin besser Aufgehobene, sondern sind viel mehr, in einem Übermaß frisch erfunden nämlich und weniger protokollierend, ergründend, erforschend und verarbeitend. Nicht etwa, dass ich der Meinung wäre, die nun also „befreite“ Literatur der späteren Generationen sei besser als die unmittelbar unter dem Kreuz geschriebene, nein, nein, aber ich will ohnehin auf etwas ganz anderes hinaus, nämlich auf die der heutigen Geschwätzigkeit geradezu entgegengesetzten Schweigsamkeit, Sturheit und Ich-Versunkenheit der Väter meiner Generation (die zwischen 1930 und 1950 geborenen). Mein Vater etwa, letztes Jahr im Alter von 82 Jahren verstorben, war nie bereit, nie fähig, sich auf eine Diskussion einzulassen, zu welchem Thema auch immer – eine Mauer aus Sturheit, uneinreißbar, verhinderte das. Schon als Kind bin ich mit allen mir wichtigen Fragen an seinem Schweigen gescheitert oder an stereotypen Entgegnungen – die einem Kind und auch noch dem jungen Erwachsenen so eminent wichtige ideelle Unterstützung hat es, demzufolge, nie gegeben. Hätte ich mich nun je alleine gefühlt mit dieser Erfahrung, wer weiß, womöglich würde ich zu diesem Thema einen Roman geschrieben haben, hätte damit allen anderen aus dem Herzen gesprochen und Erfolg geerntet. Dazu ist es, wem auch immer sei Dank, nicht gekommen, denn ich hatte den Zwang eben nicht, Zwangsjacken zu beschreiben, weder die, in der der Vater steckte, noch die meine, in die ich, wie noch alle meiner Generation, gesteckt wurde. Das Thema des zwanghaften, nachkriegsgenerationstypischen Rückzugs ins Private, wohlig Kleinbürgerliche, ließ ich also tiefverschlossen im Vater, denn ich hätte um der Kunst willen Sprachlosigkeit sprachlich nachvollziehen müssen, indem ich all das auf mich bezogen hätte. Das zwanghafte Anpassen meines Vaters, aller Väter an das vom miefigpiefigen Zeitgeist Geforderte, verbunden mit fleißigem Arbeiten, mit dem man sich so oder so schadlos zu halten glaubte, warf zwar seinen Schatten auf mich als Vaters Kind, bis in meine Dreißiger hinein, aber zu meinem großen Glück wurde ich früh schon eben jener anderer Väter ansichtig, die ebenso verschlossen waren wie meiner, ebenso resistent gegen alles Künstlerische, Intellektuelle, neu Gedachte. Dieser Ichverbunkerung stand, Stichwort 68er-Generation, ein Aufbruch entgegen, dem die oben benannte Ich-Literatur entronnen ist und der ich, der wenigen ganz gelungenen Werke wegen, immerhin zu verdanken habe, ahnen zu können, mit welchen Widerwärtigkeiten, Ängsten, Schmerzen und Verlusten die Vätergeneration zu kämpfen hatte, so dass ich heute weiß, dass das mir Abverlangte wenig ist gegenüber dem Leiden der Väter, sähe man es vergleichend, abwägend – und eben an diesem Punkt bin ich dann doch ausschließlich bei mir, indem ich aus ganz egozentrischer Betroffenheit beschließe, all das hier Beschriebene eben nicht zu meinem Thema zu machen, oder eben nur, verworren und nicht zuende gedacht, dieses einzige Mal.

Dieser Text ist in freier „kleistscher“ Gedankenassoziation entstanden und ohne Unterschrift gültig.

Spiegelschrift

 

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