DER TAUGENICHTS

Ich bin auf der Suche nach dem Taugenichts! Oja, es gibt ihn noch. Nur der eichendorffsche Taugenichts gilt gemeinhin als ausgestorben, so wie auch der Flaneur benjaminscher Art von uns ging und kaum mehr aufzufinden sein wird. Letzteres ist unendlich schade, Ersteres nicht. Der Flaneur verdient ganz sicher in einem schönen Buch beschrieben, ja wiederbelebt zu werden – ich will mir das notieren und damit vornehmen, nicht ohne den Respekt vor einer solchen Aufgabe von nun an mit mir und in mir zu tragen. Es kann Jahre dauern, bis ich mein Flaneur-Buch auch nur beginnen, geschweige denn abschließen werde. So ging es mir auch mit meinem Taugenichts-Buch. Jahre der Fokussierung, der Lektüre, der tastenden Texte, der Zeichnungen in sonst nur mit unleserlichen Notizen vollgekrakelten Heften. Relativ früh ging mir auf, dass ausgerechnet der quasi namensgebende Taugenichts des Joseph von Eichendorff kein solcher ist, nicht jedenfalls in meinem Sinne, denn was soll ich mit einer Figur beginnen, die als Naivling und Dümmling sondergleichen straff an den Fäden seines Erfinders hängt! Nichts, damit ist partout nichts anzufangen. Also weg damit! Neben diesem Naivling aber gibt es in der Literatur der, sagen wir mal, letzten 250 Jahre eine solche Vielzahl echter Taugenichtse, dass sich dazu glatt ein wissenschaftliches Werk enormen Umfangs schaffen lassen könnte – aber keine Angst, ich belasse es bei einem Büchlein geringen Umfanges, dafür aber mit Tiefe. So wie ich es verstehe, wie es sich, man könnte meinen von selbst, herausgebildet hat. Und was ein echter Taugenichts ist, so kommt er nicht nur in gewisser Weise doppelt vor, nein, ihn treiben auch noch Dinge um wie X- und O-Beine, eine polnische Gräfin, das Straßenfegen und die Rechtspflegerei, bis es ihn schließlich zu essayistischen Betrachtungen treibt zu den Themen Makulatur, Fatalismus, protestantische Arbeitsethik und die eigentlichen Tücken des Taugenichtsdaseins. Und so weiter und so fort. Nicht etwa, dass ich bereits fertig wäre mit meinem Büchlein, doch in der Ferne schimmert schon, wenn ich mich nicht täusche, das Reißband. Wir sehen uns!

Norbert W. Schlinkert. Wer nicht taucht … 2019

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2 Kommentare zu DER TAUGENICHTS

  1. ANH sagt:

    Das verspricht was! Ich meine den Taugenichts. Über Flaneure allerdings gibt es enorme Mengen an Literatur, angefangen bei den bei dem alten Matthes & Seitz erschienenen Bänden und nicht endend bei einem Sonderband, den die horen zu dem Thema und Phänomen einmal herausgegeben haben.

    Hübsch, übrigens, dieser Bernstein/Waechter-inspirierte Cartoon.

  2. Nun ja, was den Flaneur angeht, so trifft das sicher zu, das mit den enormen Mengen an Literatur – mir ginge es auch mehr um eine Wiederbelebung, vielleicht eine neue Art und Weise des Flaneurseins und des Flanierens. Aber wie gesagt, das spukt nur so in mir herum. Beim Taugenichtsbuch allerdings nähere ich mich genau dem Text, der er hat werden können, sollen, müssen!

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