Kurze Bemerkung zu Hans Henny Jahnns großem Roman „Fluß ohne Ufer“

Es wäre an der Zeit, einen Bericht abzufassen, nachdem ich fünf Monate lang in einem Roman steckte, Hans Henny Jahnns „Fluß ohne Ufer“. Die Lust auf Wissenschaftliches ist mir zwar vergangen, oder genauer gesagt, die Lust, es zu teilen, doch ganz ohne eine Betrachtung des Romans will ich das Lesen auch nicht beendet wissen. Die Frage, ob Trauerarbeit das richtige Wort ist, wenn man auf das Ende eines 1700-seitigen Romans hinliest, ist nun sicherlich völlig unwissenschaftlich, stellt sich mir allerdings. Immerhin verliert sich ja die unmittelbare Nähe zum erzählenden Ich, sobald zuende gelesen ist. Festzustellen aber ist dies: Hans Henny Jahnns Fluß ohne Ufer (1949/1950) ist ein Werk großer Klarheit, Ehrlichkeit, Intensität, poetischer Tiefe und Kraft. Nichts Verhuschtes ist dem Werk eigen, kein Moralisieren wohnt ihm inne, keine Unterwerfung, kein Beugen des Nackens und auch keine Anmaßung, keine Urteile, keine sprachliche Schluderigkeit. Der Inhalt des Romans ist das Menschliche in all seiner Entfaltung, die Natur, die großen Fragen nach Schicksal, Bestimmung, Leben und Tod, Verbundenheit, Einsamkeit, Freundschaft und Liebe.

Hans Henny Jahnn (1894–1959) war sicher ein Außenseiter im bis heute zutiefst im Bürgerlichen verankerten Literaturvollzugsbetrieb in all seiner Gänze, dem sich die meisten Autoren und Autorinnen ja durchaus bedenkenlos, dem Belohnungsprinzip verfallen, unterwerfen. Jahnn konnte und wollte sich nach dem II. Weltkrieg, den er wie den ersten im Exil verlebte, jedoch nicht nach fremden Regeln einbinden lassen, er wusste was er tat, wenn er, der bisexuell lebte, etwa der zeittypischen Homophobie nicht folgte, so wie dies Heinrich Schirmbeck in seinem Roman Ärgert dich dein rechtes Auge (1957) leider nicht unterließ, indem er nämlich der heruntergekommenen Schicht der Seidenmillionäre „brünstig-homoerotische“ Verhaltensweisen zuschreibt und eine „Perversion der Triebe“ diagnostiziert (im Kapitel Das Bacchanal der Seidenmillionäre) – eine Schwäche dieses großangelegten Romans ist nicht von Ungefähr, dass sich die Hauptperson, der Ich-Erzähler Thomas Grey, als ein normatives Ich entpuppt, in vielerlei Hinsicht mehr ein typischer Vertreter der Nachkriegszeit denn ein sich stetig veränderndes poetisches Ich. Der Ich-Erzähler Jahnns, Gustav Anias Horn (der im ersten Band Das Holzschiff noch als ein in dritter Person erzähltes Ich unter vielen auftaucht) ist dagegen ganz gewordener und werdender Mensch, dessen Sprache (sie erinnert mich in ihrer kristallinen Klarheit an Adalbert Stifter und vor allem an seinen Roman Der Nachsommer) ganz die seine ist, mittels derer er dem Leser das zu Berichtende in einer Art und Weise eröffnet, die niemandem etwas aufbürdet, alles Ästhetische aber, das Schöne und das Hässliche gleichermaßen, sichtbar, erfahrbar, nachvollziehbar werden lässt.

Ich habe mich in den fünf Monaten des Lesens oft gefragt, was mich überhaupt interessiert an dem, was Jahnn beschreibt, warum ich mit solchem Interesse auch den Berichten über jede noch so wenig ins Geschehen eingewobene Nebenfigur folge – die Antwort mag sein, dass Jahnn zwar alles Sein als einem, als dem Schicksal unterworfen darstellt, Mensch, Tier, Pflanze, Gewässer und Landschaften, selbst die Sterne, diese Unterworfenheit aber als mit Willen und Wollen ausgestattetes Leben vorstellt, auf dass es sich beim Lesen im Sein der Lesenden neu und nochmals entfalte. Es ist, scheint mir, in Jahnns Roman schlicht so, dass er den einfachen Satz des Nikolaus von Kues (1401–1464), „Alles Forschen geschieht also durch Vergleichen. Es bedient sich des Mittels der Verhältnisbestimmung“ (De docta ignorantia / Die belehrte Unwissenheit. 1440) zu erzählender Literatur werden lässt. Ja womöglich ist es der von Nikolaus geschärfte Gedanke des Zusammenfalls der Gegensätze, der Jahnn antrieb, eine Annäherung an das dem Menschen überhaupt Denkmögliche literarisch in einem Ich zu entfalten, indem es sich beständig am Größten und am Kleinsten zugleich erregt, eine Erregung, die sich als ein Inmittensein im Leser gleichsam auf die ihm gemäße Weise wiederholt und entfaltet.

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Hans Henny Jahnn: Jubiläumsausgabe in acht Bänden. Hrsg. von Ulrich Bitz und Uwe Schweikert. ISBN 3455103154 (antiquarisch)

Hans Henny Jahnn: Fluss ohne Ufer. ISBN 9783455405088 (Neuausgabe 2014)

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Norbert W. Schlinkert: Stein aus der Ostsee mit Mensch und Tier.

[Ich habe die Lektüre des Romans bereits vor mehr als einem dreiviertel Jahr beendet, muss dann aber wohl den oben stehenden Artikel zwar geschrieben, dann aber vergessen haben. So reiche ich ihn also nach. NWS, 18.11.2019]

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