Warum ich Lutz Seilers Roman „Stern 111“ abbrechen und verwerfen musste

Ein mir bis dato völlig unbekannter bekannter Schriftsteller riet vor einer Weile, war es in der NZZ, allen Lesern fortgeschrittenen Alters (so ab 40) unbedingt dazu, keine mittelmäßigen Romane mehr zu lesen und stattdessen die wenigen wirklich guten ein zweites (oder drittes) Mal. Das allerdings praktiziere ich seit Jahr und Tag, das muss mir kein schon wieder vergessener, wenn auch bekannter Schriftsteller sagen. Zurzeit lese ich den Siebenkäs von Jean Paul, über den ich einiges schrieb (=>), sodass ich nun eben deswegen völlig unbelastet zehn Jahre später wieder eintauchen darf ins Kuhschnappelsche. Besagter Jean Paul schreibt übrigens in besagtem Roman, nämlich in der Vorrede zum zweiten, dritten und vierten Bändchen, folgendes: „(…); und in der Tat ist ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, auch nicht würdig, daß mans einmal lieset.“ Wo er Recht hat …

Aber was habe ich (sagen wir mal) seit Beginn der Covid-19-Pandemie nicht alles abgebrochen an Romanen, weil nach gutem Beginn so ein Roman ins Ungefähre plätscherte, sich Unwucht einstellte oder ich des Beweises, welch Genie hier schreibe, überdrüssig wurde. Das betraf unter anderem Schriften von Döblin und Nabokov und auch Lutz Seilers neuen Roman Stern 111, den ich nach der Hälfte abbrach. Letzterer hat mir allerdings die Laune am meisten verhagelt, denn imgrunde ist der Roman angelegt wie ein klassischer Schelmenroman (Handlung bezogen auf historische Ereignisse, hier die Wende- und Nachwendezeit, Figuren eher normativ), doch ohne den dafür notwendigen Humor und ohne die ebenfalls notwendige Verschmitztheit, ganz zu schweigen davon, dass ausschließlich der echte Schelmenroman den Leser unterfordern darf. Dazu kommt, dass der Roman in der dritten Person Singular geschrieben, aber in der ersten gemeint ist, sodass etwa die Kapitel über die Abenteuer der Eltern in Westdeutschland etwas im Leeren hängen, weil auch die vom immer selben allwissenden Erzähler stammen, der aber eben viel mehr über den autobiographisch gefärbten Carl weiß als über die Eltern. Warum? Da fehlt die Balance. Seiler hätte sich dafür entscheiden sollen, in der ersten Person Singular zu schreiben (muss man aber können) und die Briefe der Mutter aus Westdeutschland an den Sohn quasi im Original zu bringen, so nämlich wäre womöglich ein schöner Erzählrhythmus entstanden und auch, allein durch die unterschiedlichen Textsorten, ein Spannungsbogen oder -feld. Ein misslungener Roman, Wendekitsch statt großer Literatur. Wenn man mir hier denn nun vorwürfe, den Roman doch gar nicht zuende gelesen zu haben, ich also überhaupt kein Mandat zur Beurteilung hätte, so erwiderte ich, dass der Roman mir von einer tapferen Leserin zuende erzählt worden ist und ich froh bin, der fliegenden Ziege und der in einem deutschen Roman unvermeidlichen Auslandsreise des Helden (die Programmabteilung des Verlags lässt grüßen, vorauseilender Gehorsam ohnehin) durch Flucht entkommen zu sein. Die gute Nachricht aber ist, dass ich das seilersche Buch in eine Bibliothek auf dem Lande einpflegen werde können*, statt es in die Papiertonne zu kloppen, denn so schlecht, das Versöhnliche hat ja immer am Ende zu stehen, ist es dann doch wieder nicht. Was mir über das Ende hinaus allerdings jetzt noch einfällt ist, dass ich in besagter Romanabbruchzeit ein halbes Dutzend Romane Knut Hamsuns las, denen allen zu eigen ist, abbruchresistent zu sein, also Qualität zu haben, nicht zuletzt in der Zeichnung von Charakteren. So. Und was mir über das überzogene Ende auch noch in den Sinn kommt ist der mir schon fast entfallene Umstand, Michel Houellebecqs Roman Serotonin wirklich und wahrhaftig zuende gelesen zu haben, obgleich der an Belanglosigkeit kaum zu überbieten sein dürfte. Aber was rege ich mich auf …

*Nachtrag: das Einpflegen misslang, da der Roman eben dort, wo ich mich, dies schreibend, eben jetzt befinde, bereits gelesen und als misslungen erkannt worden ist.

Norbert W. Schlinkert, Reisigbesen

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