Was hat die Höhlenmalerei mit der Literatur und dem ewigen Frieden zu tun?

Die Höhlenmalerei, die Malerei auf Stein fand ihr Ende, selbst wenn man über dieses Ende hinaus noch auf Stein malen konnte und dies auch heute noch kann. Seit aber der plane, ebene Untergrund leicht und gut herstellbar ist und heutigentags in unvorstellbaren Quantitäten vorhanden, kommt kaum jemand mehr auf die Idee, auf natürlich unebener, geritzter, geriffelter, gehöckerter Fläche zu malen, wobei dies mit Sicherheit auch eine Folge der Individualisierung ist, denn je neutraler der Untergrund, desto höher, so der Konsens, die Eigenleistung des Individuums. Jeder will der Erste unter Gleichen sein, mindestens. Da wäre es fatal, einen Teil der Wirkung und der Qualität eines Kunstwerks auf die Natur zurückführen zu müssen. Für die Literatur gilt Ähnliches, denn wer allen Ernstes auf unebenem, geritztem, geriffeltem, gehöckertem Untergrund schreibt, der bekommt auf eine Anfrage bezüglich der Veröffentlichung eines Romans bei einem der größten deutschen Verlagshäuser etwa folgende Absage:

Lieber Herr Schlinkert,

vielen Dank für Ihr Angebot. Bitte entschuldigen Sie, daß wir
uns jetzt erst bei Ihnen melden. Wir haben Ihr Projekt geprüft, können es Genre-mäßig nicht so recht einordnen – aus Kapazitätsgründen müssen wir Ihnen absagen.

Sicher, das lässt sich ohne weiteres auch als Kompliment verstehen, so viel Eitelkeit könnte man sich auch in der Glücklosigkeit gönnen, aber der eigentliche Kern der Sache ist der, dass meine Schreibe nicht glatt genug ist und in die genormten Schubladen nicht hineinpasst. Und dies, weil der Leser von den Programmabteilungen der Verlage als ein Mensch mit Schubladen gedacht wird, der er eben durch diese Denke und das entsprechende Angebot auch tatsächlich immer mehr wird. Das Bonmot, wir lebten in Zeiten abnehmender Kultur, steht dabei Gewehr bei Fuß zu der geschichtlichen Erfahrung, dass die Kultur ihrem Zenit immer dann entgegenschreitet, wenn Krieg ins Haus steht, so wir uns also, den marktführenden Häusern sei Dank, auf einen ewigen Frieden einstellen können. Andererseits blüht die Kunst und die Literatur auch besonders nach einem Krieg auf, auch dafür gibt es Beispiele zuhauf, so wir uns, der Hoffnung auf gute Kunst halber, auf Krieg einstellen müssen. Am besten wird es dementsprechend sein, sowohl die eine als auch die andere Möglichkeit im Auge zu behalten und sich jeder künstlerischen Tätigkeit zu enthalten oder zumindest zu warten, bis der Krieg vorbei und der Horizont wieder frei ist. Da mir aber nun nicht um Krieg zu tun ist und ich lieber Frieden hätte, werde ich dieser Überlegung zufolge meine Kunst wohl an den Nagel hängen oder sie im Geheimen tun müssen – wobei Letzteres ja ohnehin schon weitgehend der Fall ist.

Ergo: Krieg oder Frieden, das ist hier die Frage!

Norbert W. Schlinkert: Geklautes Motiv, schwer symbolisch

 

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