Kleine Gedanken zum Lesen

Was wäre das Leben eines Schriftstellers ohne das Lesen. Ohne das Hinzufügen des Eigenen beim Lesevorgang, ohne das Inmittensein im fremden Text, ohne das Sich-zu-eigen-Machen der Texte anderer Schriftsteller, so unterschiedlich sie sind. Zurzeit lese ich Vilhelms Zimmer von Tove Ditlevsen und Leben der kleinen Toten von Pierre Michon, sehr unterschiedliche Texte, die aber thematisch dennoch zusammengehen, indem beide tatsächlich das „Kleine“ des menschlichen Lebens in den Blick nehmen, ohne die großen Bögen eines groß gedachten Weltgeschehens. Im zuvor gelesenen Roman Die Weiber am Brunnen von Knut Hamsun war alles Geschehen, wie in allen Texten Hamsuns, ebenso angelegt, beim Menschen selbst in all seiner Verlorenheit, seinem Streben, seiner „kleinen“ Einzigartigkeit. Die Großtuenden werden vom Leben zurechtgestutzt, wie man so sagt, nie ist jemand glücklich in all diesen Texten, nicht auf Dauer, nur für Momente, die gebrochen werden durch die eigenen Mittel des Menschen, Zweifel Angst, die allenfalls ein Fundament bilden für neue, spätere Momente des Sich-glücklich-Fühlens, was immerhin eine Art Daseinsvorsorge ist, ein Wechsel auf die eigene Zukunft. Und so funktioniert auch das Lesen, nämlich als Variation des eigenen Lebens, als ein lustvolles Durchspielen und Durchleiden und Genießen. That’s it, nicht mehr und nicht weniger.

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