Textgenese: Möglichst unmöglich

Man kann einen Text nicht damit beginnen, jemanden in der Nase popeln zu lassen. Völlig unmöglich, denn solch Tun ist gedankenverlorenes Leben. Will man es literarisch einbinden, so muss es in einem Kontext erscheinen. Das gilt für jedsolches Tun, so will es die literarische Gesetzmäßigkeit, die sich aus den allgemeinen sozialen und sprachlichen Gesetzmäßigkeiten ergibt. Lassen wir das mit dem In-der-Nase-Popeln also weg, womöglich kommen wir später darauf zurück, und beginnen statt mit einer Unmöglichkeit mit einer Möglichkeit. Von denen allerdings gibt es viel mehr, nämlich unendlich viele, oder fast unendlich viele, wenn auch die Möglichkeiten im Laufe des Textes weniger werden, weil sie zu den zuvor gewählten Möglichkeiten passen müssen. Sind alle Möglichkeiten in der richtigen Reihenfolge mit dem richtigen Gewicht stimmig im Text vereint, so sind sie mit den Unmöglichkeiten, die nicht im Text auftauchen, in Einklang gebracht. Der Text ist ausgeschrieben. Das kann nach wenigen Seiten der Fall sein, zumeist aber sind viele, viele Seiten zu schreiben, bis die angesprochene Harmonie zustande gekommen ist. Möglichkeit und Unmöglichkeit treten ergo als Paar auf, der eine Teil ist unmittelbar erkennbar, der andere ist es nicht, wenngleich der unmögliche Part in einem komplexen, vollständigen Text immer erahnbar, herleitbar ist als unmögliche Möglichkeit. Das gilt für jede Art von Text, auch für absurde Texte, denn in den absurden wird das Unmögliche stimmige Möglichkeit, während das allein Mögliche, die Realität, etwa dass eine Ente nur entisch quaken und also nicht menschlich sprechen kann, den Text unmöglich machen würde, denn wie soll man als Mensch eine Ente verstehen, wenn die nicht sprechen kann? Sie muss sprechen können! – Sehen Sie, das nennt man einen schlagenden Beweis, und bevor Sie sich davon erholt haben, wechsele ich das Thema, weg von unmöglichen Enten hin zum Menschen an sich, den zu verstehen für Menschen so schwierig ist, viel schwieriger jedenfalls als ihn zu fressen, wäre man etwa ein Weißer Hai oder ein Grizzly-Bär oder ein Wildschwein. Die fressen einfach, was sie kriegen können, wobei wir wieder beim Menschen wären, der den Hals auch nicht vollkriegen kann, metaphorisch ausgedrückt, denn wenn es um Geld und Macht geht, ist der Mensch des Menschen Wolf, wie man so schön sagt. Unmöglich, das zu ändern, zahme Menschen und zahme Wölfe bestätigen allenfalls die Regel, nach der Kriegen notwendig dafür ist, im Sein zu verharren, eine Erkenntnis, die uns zu Spinoza führt, dessen Ethik den Umstand, dass alles Sein in eben diesem verharren will, überzeugend darstellt und beweist. Alle und alles wenden alle Mittel an, um zu sein, zu bleiben, und da hilft auch keine Kultur, es sei denn die Kultur des Suizids, die einzige menschliche Errungenschaft, die es im sogenannten Tierreich nicht gibt, denn nur, so Jean Améry, der Mensch hat die Freiheit, sich diese und damit das Leben zu nehmen, auch wenn er der Natur damit ja nur vorgreift, denn diese als solche kriegt am Ende jedes und alles Lebendige, bis dann schließlich unsere Sonne ihren Geist aufgegeben haben wird. – – – Puh, was für einen Ritt haben wir uns da angetan! Dabei ging es wirklich nur darum, das zu Beginn eines Textes Unmögliche möglich zu machen. Ein Beispiel war gewählt worden, der Text nahm (handschriftlich) Fahrt auf, verzettelte sich aber und sank schließlich in die Knie, wie das so vielen Texte passiert, die doch eigentlich nur sein wollen, um schließlich ganz und gar vornüber zu fallen und sich am Ende dann zu Staub zu zersetzen, den ein sich in der Nase popelnder Mensch dann wieder aus der Nase zieht, so wie ich mir diesen Text aus der Nase gezogen habe. Ja, Leute! So und nicht anders schreiben sich Texte, die sich, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten hin oder her, selbst überleben und bleiben. In diesem Sinne: So long!

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