Vergessene Texte III: Wiederaufgefundene Anfänge von (na von) Was (wohl) oder: Zur Hälfte frei erfunden, zur anderen imaginiert (2019)

Das Ende habe ich mir immer ganz anders vorgestellt. Als Katastrophe mit Feuer und Wasser, mit Brünsten, Überschwemmungen, auch Erdrutschen und Lawinen. Ende Oktober aber, wenn die Kraniche und die Wildgänse ihre Formationen üben, in aller Ernsthaftigkeit, und abends in der Dämmerung viele tausend Tiere ostwärts fliegen zu ihren Schlafplätzen und ich staunend und plötzlich ganz glücklich auf dem Feld stehe, erkenne ich, begreife ich, dass nicht die Welt wird untergehen müssen, sondern nur diese seltsame Spezies, der ich selbst angehöre. Also keine Panik! Menschen, die Panik verbreiten, sind lächerlich, man kann Panik haben, das ja, aber warum zum Teufel sie auch noch verbreiten! Allerdings: Wer Panik verbreitet, ohne dass am Ende das prophezeite Ende steht, kann sich als Retter aufspielen, ohne mehr getan zu haben, als Panik zu verbreiten. Darüber denke ich in aller Ruhe nach. Den ganzen Tag über haben wir die Gänse rufen hören aus Richtung der Bundesstraße. Es ist ruhig hier, mitten in der Prignitz. Manchmal, wenn der Wind falsch steht, die Windräder mit diesem in den Körper eindringenden Wrummen, eine Vergewaltigung durch Lärm. Der Wind steht falsch, so sagt man dazu, wenn auch natürlich nicht der Wind, sondern der Windsack steht, nämlich quer in der Luft, oder ja auch nicht eigentlich steht, sondern liegt. Heute aber sind nur die Gänse zu hören, bleiben aber unsichtbar, wie auch die Kraniche. Der Bach träge in einer tiefen Rinne zwischen dem an den Hof anschließenden Feld, jetzt brach, und den dahinterliegenden Feuchtwiesen. Man käme nicht weit, es sei denn, man stakste durch das Wasser. Ich setze mich in den umgebauten Imkerwagen auf die Matratze, es ist warm, der Ofen bollert vor sich hin. Mag gut sein, schreibe ich auf, dass es die Erfindung der Schrift war, die das Ende der Menschheit einleitete, vorankündigte, denn die Sprache hat doch ganz und gar harmlos wie jede Verständigung unter den Geschöpfen zuvor schon bestanden und keine Notwendigkeit war gewesen, sie einzugraben in die Materie, in Holz oder Stein, sie hineinzulegen in Pergament oder Papier. Eitelkeit und Misstrauen sind die Eltern der Schrift. Und wie sehr muss es, denke ich, vor Zeiten schreib- und leseunkundige Menschen erstaunt haben, wenn ein hoher Herr oder eine hohe Dame ein Inschrift vorlas. Verblüfft haben. Ein Bluff. Ein die Macht des einen über den anderen manifestierende Sache. Erbaut im Jahre des Herrn … hiermit verfüge ich, vor Gott, für alle Zeit.

Ich aber bleibe optimistisch, lege meinen Rechner zur Seite, trete aus dem Imkerwagen und sehe die aus dem Abendrot über dem nahen Wald aufsteigenden Kraniche, laut rufend, die in geringer Höhe gen Osten fliegen. Dann Wildgänse, eine Formation nach der anderen, in größerer Höhe. Kurz darauf vier, fünf Gänse, die eilig zurückfliegen. Sicher haben sie etwas vergessen, das passiert auch der besten Gans einmal. Bald darauf übernimmt die Milchstraße die Szenerie und lehrt uns wie nebenbei, wie nahe das Kleine am Nichts rührt und das Große an der Unendlichkeit.

Eine Meise und ein Sperling streiten sich in aller Herrgottsfrühe um die an der Robinie in einem Drahtbehältnis aufgehängten Meisenknödel. Der Sperling scheint die Oberhand zu gewinnen, aber dann picken beide zugleich an der üppigen Mahlzeit. Ein Plasteeimer voll Meisenknödel aus dem Baumarkt für Fünf Euro Fünfundneunzig, wir werden uns einen Vorrat anschaffen müssen für das Frühjahr, denn im Frühjahr und Sommer wird es diese Knödel in den Eimern nicht zu kaufen geben, obwohl die Vögel doch brüten werden wie jedes Jahr und eher noch als im Winter gefüttert werden sollten, denn was wäre die menschliche Welt ohne die Vögel, nichts wäre sie. Als ich hinaustrete rauschen die Wildgänse über mich hinweg, aberhunderte einzelner Individuen in noch unausgereifter Formation. Kurz darauf ist es bereits wieder dunkel, und als ich Stunden später des Nachts aufstehe und hinausgehe, erstreckt sich über mir die Milchstraße mit ihren Milliarden von Sternen, alles Sonnen, so ist zu vermuten, wie unsere Sonne, und so verlässt mich auch der letzte Rest an menschlicher Panik.         

Ich setze mich mit meinem Hintern auf mein vergangenes Leben. Das tut gut. Stellen Sie sich vor, so wird gesagt, dieser Stuhl ist Ihre Vergangenheit. Dann heißt es für knapp sechzig Minuten, mal nicht die Klappe zu halten oder nur zu reden wie alle anderen es tun, in Redewendungen und Stereotypen. Allerdings: Wenn ich aufstehe von diesem Stuhl, die Beine durchdrücke und mich erhebe, überkriecht es mich wieder, mein altes Leben. Überglupscht mich von unten bis oben. Aber das sage ich nicht, die Stunde ist vorüber und Überglupschen ist kein Fachbegriff. Ich reiche der Frau Doktor die Hand, die sie nimmt, als sei es die ihre, sie kurz und kräftig schüttelt und dann aber doch plötzlich fallen lässt, so dass sie mir auf den Oberschenkel klatscht. Auf dem Gang blendet mich der helle Kachelboden, schon als ich auf die Türe zugehe, die Frau Doktor im Rücken, sehe ich den hellen Lichtstreifen und weiß, die Sonne prallt schräg herein durch die Lücke zwischen Haus 3 und Haus 4, das war auch letzte Woche schon so, davor aber noch nie. Auf den Fensterscheiben sind die Wendungen als Streifen zu erkennen, die der Fensterputzer hinterlassen hat, und wenn man genau hinsieht, dann sieht man die Luft über den Heizkörpern ein wenig wabern. Der Anbau aus den Fünfzigern ist noch unsaniert, die Heizkörpern glühen, aber es bleibt kühl auf dem Gang. Von außen betrachtet ist der Anbau eine Art einstöckiger Seitenflügel, lehmverputzt und noch nicht mit Plaste und Plastefarbe verdorben und versaut. Hinter der Pendeltür trockene, warme Luft und links und rechts an den Wänden tote Menschen auf Stühlen, alte Männer und Frauen mit auch nicht mehr ganz jungen Töchtern und Söhnen, alle warten auf den Aufruf, Frau Krause, Kabine 3, ich aber stolziere zwischen ihnen hindurch zum Ausgang hin, ich, denke ich, ich bin nicht krank und alt und grau wie ihr, ich bin nur verrückt und gehe meiner Wege. Nächste Woche gleiche Stelle, gleiche Welle, jeden Mittwoch von 12 bis 13 Uhr, Guten Tag, Frau Doktor, Auf Wiedersehen, Frau Doktor. In Wirklichkeit sage ich nie Frau Doktor, ich sage nur Guten Tag.

Um einmal ganz tief in die Trickkiste zu greifen, bedarf es keiner besonderen Motivation. Rücksichten zu nehmen ist mir aber keineswegs fremd. Gestern zum Beispiel dachte ich daran, wie sehr es meinen ohnehin durch meine Lebensentscheidungen gekränkten Vater gekränkt hätte zu wissen, dass ich nicht über den Tag hinaus zu planen bereit bin. Nach wie vor nicht. Wo bliebe denn da das Abenteuer des Seins, wenn ich jetzt bereits zu wissen glaubte, zu wissen vorgäbe, wie ich mir mein Leben etwa zu finanzieren hätte in, sagen wir mal, zehn Jahren. Das hat nichts mit Leichtsinn zu tun. Als mein Vater vor einigen Jahren starb und die Asche an einem heißen Spätsommertag in die Erde kam in dieser Urne, die wir ausgesucht hatten in der ehemaligen Sparkasse, die jetzt ein Begräbnis- oder Beerdigungshaus ist, ein Bau aus den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, war mir als sicher Einzigem der Trauergemeinde bewusst, dass hier ein lebenslanges Gekränktsein zu Asche verbrannt worden war. Aber ich will hier nicht referieren über mein Leben, das niemanden etwas angeht, letztlich, auch wenn es eine schöne Beerdigung war im an diesem Tage noch immer drückend heißen Ruhrtal. Die Suppe läuft einem am Arsch runter, so hätte es mein Vater gesagt. Wie denn nur konnte, durfte es so dermaßen heiß noch sein, so spät noch im Jahr! In der Kapelle fragte ich meine Mutter, ob ich das Jackett ausziehen dürfe, ein teures Teil, billig erstanden, während die Pastorin, ich nenne sie Pastorin, obwohl es bei den Katholiken keine gibt, ihre Ansprache leise begann, da soll doch die Kirche, dachte ich, froh sein, wenn sie statt der depressiven alten Männer junge Frauen bekommt, die nicht ihren Text einfach mal so runterleiern bei einer solchen Begräbniszeremonie, sondern wirklich sprechen. Seltsam aber die Urne. Statt eines Sargs. Nicht etwa, dass der einbalsamierte und aufgebahrte Tote noch etwas mit dem Menschen gemein gehabt hätte, der er gewesen ist. Wer leblose Materie sehen möchte, betrachte nicht Steine, sondern Leichname.

Die Hände meines Vaters waren immer schon das sichtbare Zeichen seiner kühlen Haltung den Menschen gegenüber. Undenkbar, eine Fotografie zu entdecken, aus den 50ern, den 60ern, den 70ern, auf der er Arm in Arm zu sehen ist, die Hand auf der Schulter, dem Oberarm eines Mitschülers, einer guten Freundin oder seiner Frau, meiner Mutter. Kein Fotograf der Welt konnte so ein Foto aufnehmen. Jemanden aber statt in den Arm auf den Arm zu nehmen, über andere zu lachen, das war möglich, eine oft praktizierte Übung. Tröstend oder lobend den kleinen Kerl mal zu packen, war nicht drin, herzliche Anwandlungen ein Ding der Unmöglichkeit. Eine kalte Distanz war das Maß aller Dinge, da half auch der Katholizismus nicht.

Ich war als Kind umgeben von herzensguten und herzensschlechten Menschen, denen allen ich leidlich gleichgültig war im damals gültigen Sinne, dem der grauen 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Diese Gleichgültigkeit fiel ab, stieß man einen Wischeimer um, störte man den großväterlichen Mittagsschlaf, und was der Verfehlungen mehr sind, während die selbe Gleichgültigkeit eine Freiheit bedeutete, zu allen Tageszeiten, die nicht den Mahlzeiten gewidmet waren, tun und lassen zu können, was man wollte. Eine diktatorische Komplettüberwachung der Kinder hatte kaum jemand im Sinn, von den herzensschlechten Menschen einmal abgesehen.

Das Schreiben gesunder Literatur bedarf eines ungesunden Geistes. Das Gegenteil ist ebenso richtig. Aber was ist schon gesunde Literatur oder ungesunde, was ist Geist? Die Straße, in der ich seit über zwanzig Jahren wohne, hat etwas Schmuddeliges behalten. Das ist nicht überall in Berlin so, nicht wenige Orte der Stadt sind neutralisiert, sterilisiert, kastriert worden und schmecken nach Düsseldorf, München oder Mailand. Schreib doch mal darüber, sagt man mir. Ja, sage ich, aber ein Satz reicht. Mehr lohnt nicht, wer Augen hat, der sehe. Und sieht. Aber eine Lügengeschichte will ich demnächst gerne mal auftischen. Ich selbst bin sehr gespannt, denn ich schreibe schließlich auch über mich, aber nicht referierend, wie das nun mal Mode ist seit einer Weile, sondern so, als gäbe es mich nicht, als kennte ich mich nicht und auch sonst niemand. Alles neu. Alles auf Null, dem Schein nach. Alles, was ich jetzt noch weiß ist der Nebel und die Nacht. Nichts macht eine Nacht undurchsichtiger als Nebel. Zugleich aber auch hell, perlweinweiß und zugleich dreckig fehlfarben, wie ein Brautkleid hängen die Lichtfetzen an den Straßenlaternen. Oder wie alte Gardinen. Es riecht nach Braunkohle, denke ich. Brautkleid ist falsch, Kleid reicht. Oder: Unterkleid.

Eine glatte Oberfläche kann sehr schön sein, so etwa Abdrücke von heißen Tee- und Kaffeetassen tunlichst zu vermeiden sind. Auch schlafen kann schön sein. Daran ist nichts Spießiges, weder an dem einen noch an dem anderen. In Folge dieser Erkenntnis gehe ich in Gedanken durch die Straßen meines Berliner Kiezes. Jahrelang hat man hier daran gearbeitet, die letzten aus dem Weltkrieg stammenden Einschusslöcher in den Backsteinwänden wegzuretuschieren. Man schlage alle Spießer zu Brei oder zerhacke sie kunstvoll und treibe zuletzt eine Horde Hausschweine durch die Straßen. Ich mag Schweine und finde es nur gerecht, wenn auch sie einmal ein Festmahl haben. Ist doch wahr!

Statt der Frau Doktor kümmert sich nun eine Nachwuchskraft um mich. Warum das so ist, erfahre ich nicht, aber bereits in der ersten Sitzung mit der Neuen bedauere ich es, nicht mehr zu den gewaltigen Tränensäcken oder notfalls zu dem doppelten Doppelkinn sprechen zu können. Die Neue trägt eine aufgeschminkte Maske und ein graues Kostüm aus so einer Art Tweedstoff, für das sie viel zu jung ist. Gut möglich, dass die Frau Doktor es ihr geschenkt hat, ich habe da noch, meine Liebe, einige schöne Dinge im Kleiderschrank hängen, die nun wieder modern sind. So wird sie gesagt haben. Da konnte die Neue, die übrigens Dämer-Kottenhoff heißt, Frau Doktor Dämer-Kottenhoff, nicht Nein sagen. Dazu fleischfarbene Strumpfhosen und auberginefarbene Pumps mit flachem Absatz. Ich beschließe, der Frau nur Lügen zu erzählen, nichts als Lügen. Ich beginne damit, ihr zu berichten, wie außerordentlich gerührt ich gewesen sei gestern, sie schaut auf, mich an, aber den Grund, so fahre ich fort, könne ich nicht preisgeben, der sei privat, ja intim, was ich ihr aber sagen müsse sei, dass ich unten im hinteren Raum gesessen habe beim Frühstück, als ich so derart gerührt gewesen war, und grad wollte ich eben dies sagen, gestern, wie sehr gerührt, den Tränen nah, doch da nämlich fiel, sage ich, mein Blick in der selben Sekunde auf die Packung Frischkäse, die ich mir vom Buffet gemopst hatte, Exquisa, und da stünde doch auf der Packung tatsächlich Besonders CREMIG GERÜHRT, und ob sie’s glauben oder nicht, Frau Dämer-Kottenhoff, da musste ich urplötzlich richtiggehend weinen, und lachen natürlich, CREMIG GERÜHRT, wo ich mir doch grad habe eingestehen müssen, wie sehr ich gerührt war, weil doch die Annegret mir Blümchen aus dem Garten geschenkt hat, ach, jetzt habe ich es doch verraten, aber Tatsache ist, so ein Frischkäse mag cremig gerührt sein können, aber ein Mensch, Frau Dämer-Kottenhoff, der doch nicht, und die Annegret hat’s dann wahrscheinlich irgendwie falsch verstanden, dass ich so habe lachen müssen, weggelaufen ist sie, während ich mich geradezu ausschüttete, lachend und weinend zugleich. Die Dämer-Kottenhoff macht sich Notizen. Das wäre der echten Frau Doktor nicht eingefallen, nie.

*

Ich will ein Kinderbuch schreiben. Es heißt:

Der Herr Professor Pumpernickel und die Frau Professorin Knäckebrot

Es beginnt folgendermaßen:

Herr Professor Pumpernickel saugt zärtlich an seiner Pfeife, die wie durch Zauberhand immer mit wohlriechendem Tabak gestopft ist. Über ihm blinkt das Rauchen-verboten-Schild, dessen Sensoren jede Art Tabaksrauch sicher zu erkennen vermochten, ganz und gar hilflos seine Botschaft in die Welt. Professor Pumpernickel tut grundsätzlich, was er tun zu müssen glaubt. Jetzt bläst er Rauchringe in die Luft und ärgert sich, dass der kleinere der beiden partout nicht durch den größeren hindurch will. „Verdammte Impertinenz“, murmelt er und vernichtet beide Ringe mit einer ungefügten Wolke Rauchs, nimmt einen Schluck Whisky und schüttelt sich kurz. Auch sein Publikum, das an diesem Abend im Kaffeehaus fünf Personen umfasst, schüttelt sich, ebenso kurz und auffallend synchron. Professor Pumpernickel ist ihr Held, der einzige Mensch, der noch tat, was er wollte. „Zumindest in diesem Teil der Welt“, sagt der Professor, „andernorts finden Sie, wollten Sie denn heutigentags überhaupt noch reisen wollen, die berühmte Frau Professorin Knäckebrot, die raucht Zigarre.“ Er klopft seine Pfeife an der eben erst frisch renovierten Kaffeehauswand aus und steckt sie in die Brusttasche seines Tweetjacketts, aus der sie bald schon wieder gestopft herausgezogen werden würde, wie alle Anwesenden sicher wussten. Man zwinkert sich wohlwissend zu.

Zur gleichen Zeit schmaucht Frau Professorin Knäckbrot schmatzend an ihrer Zigarre aus der Dominikanischen Republik, bläst Rauchringe in die Luft und ärgert sich, als der größere der beiden die untere Spitze des mächtigen Kronleuchters um Haaresbreite verfehlt, um stattdessen an den unzähligen Glastropfen ganz sinnlos zu vergehen. Der kleinere tut es ihm gleich. „Knapp vorbei ist auch daneben“, sagt sie mit ärgerlichem Ton und nickt langsam ihr Publikum ab, die alle fünf nacheinander ins Nicken einstimmen und alle zugleich wieder damit aufhören, als die Knäckebrot damit aufhört. „Auch die Rauchringe des Herrn Professor Pumpernickel“, fügt sie hinzu, „den sollten sie kennen, tun oft nicht, was sie sollen.“ Alle nicken wieder, während die Knäckebrot das knallrot angelaufene Rauchen-verboten-Schild an der Wand über ihr zärtlich mit dem Handrücken streichelt, bis es endlich grün ist. „Man muss nett zu den Dingen sein“, sagt sie, legt sie Zigarre in den Kristallglasaschenbecher, zieht eine neue aus der Brusttasche ihres Leinenjacketts und entzündet sie mit einem übergroßen Zündholz. Auch der nächste Rauchring geht fehl. Alle ärgern sich und stampfen mit den Füßen auf. Es ist, als ob überböse Soldaten in eine Stadt einmarschierten, sie stampfen und stampfen.

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Ich behaupte, einen Roman zu schreiben, einen Satz zu schreiben, bestehend aus unendlich vielen, dennoch notfalls zu zählenden Sätzen. Ich sage, mit jedem Tag, den man lebt, wird die Wahrscheinlichkeit zu sterben geringer, zugleich aber nähert man sich dem eigenen Tod zeitlich an bis zur Deckungsgleichheit. Das mag krude gedacht sein, aber ich sage es. Zu wem aber? Ein Roman lebt von seiner Komplexität, ich benötige mindestens ein Gegenüber, eine literarische Figur mit der Lebendigkeit einer real lebenden Figur. Aber was ist schon real, frage ich, ist nicht ein auch Roman real, ein Besen, unsere Galaxie und die Olivenseife aus Italien? Die Geburt einer literarischen Figur kann jedenfalls durchaus, der Lebendigkeit halber, etwas zu tun haben mit jenem blutigen und schleimigen Vorgang, durch den wir alle in die Welt gelangt sind. Nichts einfacher als eine solche Szene zu erschaffen, meinethalben auch mit dem hilflosen Vater auf seinem Stühlchen im Kreissaal, dem womöglich für alle Zeiten jeder Gedanke an Sex abhanden zu kommen droht, aber das hätte er sich eben früher überlegen müssen, der Dimpel, statt Sklave des Zeitgeistes zu sein. Meistens aber tritt eine literarische Figur einfach auf und behauptet sich. Sie ist unbeirrbar sie selbst. Jean Paul, jener große, im Goethewahn fast vergessene Schriftsteller, schrieb bereits Anfang des 19. Jahrhunderts im § 57 seiner Ästhetik der Vorschule ganz richtig folgendes: „Der Charakter selber muß lebendig vor euch in der begeisterten Stunde fest thronen, ihr müsset ihn hören, nicht bloß sehen; er muß euch – wie ja im Traume geschieht – eingeben, nicht ihr ihm, und das so sehr, daß ihr in der kalten Stunde vorher zwar ungefähr das Was, aber nicht das Wie voraussagen könntet. Ein Dichter, der überlegen muß, ob er einen Charakter in einem gegebenen Falle Ja oder Nein sagen zu lassen habe, werf’ ihn weg, es ist eine dumme Leiche.“

Von manchen Menschen, Autoren, Wissenschaftlern und so weiter, erfahre ich erst etwas, wenn es diese Nachrufe gibt in den Zeitungen. Dann wird die Herkunft hergesagt, der Krieg erwähnt, erste Erfolge und Förderer, Preise, Abstürze, Scheidungen, Kinder, Wohnorte, nach langer, nach kurzer Krankheit, niemand stirbt einfach so, es gibt nur die lange und die kurze Krankheit, manche rauchen sich einfach zu Tode, während sie mit aller Ernsthaftigkeit und Kunstfertigkeit Kunst produzieren, Pina Bausch, Frank Zappa, Jacques Brel, wenn ich mich recht erinnere, doch das sind allerdings Figuren, die mir vor ihrem Tod bereits bekannt waren, Christoph Schlingensief besiegte den Krebs und unterlag ihm schließlich, in dieser legendären Videothek in der Danziger Straße steckte seine Karteikarte direkt vor meiner, jaja, die guten alten Zeiten, die jetzt auch gestorben sind, nach langer Krankheit.

Ich schlage vor, die Menschenrechte zu erweitern auf digitale Geräte. Ich weiß noch keinen Grund anzugeben und warte erst einmal, bis das dumme Glotzen der anderen erlischt. Schon radieren sie in ihrem Gedächtnis herum, diesen Satz und diesen Moment zu löschen, das ist doch wirklich zu dumm und nicht einmal witzig, denken sie. Peinlich. Dann aber sage ich, oder auf Tiere, das ist wahrscheinlich sinnvoller. Die Tram kommt, alle steigen ein, ich aber nicht, ich bleibe im letzten Moment zurück. So, die wäre ich los, denke ich und überquere die Straße an eben der Stelle, an der vor Jahren während der Berlinale-Zeit im Februar 2004 Julie Delpy die Straße überquert hat, elegant über eine Rosenthaler Pfütze springend. Wie alle Schauspieler und Schauspielerinnen ist sie viel kleiner als im Kino, es gibt eben deutlich mehr Zwerge als Riesen im Kinogeschäft.

Was wäre noch zu sagen? Vielleicht: Wer optimistisch ist lebt länger und kann jedweden Niedergang länger beobachten. Oder: Man sollte mal einen dieser toten US-Amerikaner sezieren um herauszubekommen, warum die durch die Nase sprechen. Und: Fotos habe ich nicht oder nur sehr wenige gemacht damals in Paris, jeder musste ja damals sein Paris haben, London oder Madrid galt nicht so viel und Berlin war nur die drei Damen vom Grill und Pfitzmann und Juhncke und Gaslaternen, da musste man nicht hin. Und Ostberlin existierte schon mal überhaupt nicht.

Eine zweite, eine dritte Person muss her, keine Frage. Gehandelt werden muss! Auch keine Frage.

Ein Versuch:

– Ich schreibe ein Buch.

– Einen Roman?

– Einen Roman-Ersatz!

– Ah!

– Oder eigentlich einen Roman-Satz. Auf der ersten Seite dieses Romans findest du dazu eine Fußnote.

– Das muss ich gleich mal nachschlagen.

– Tu das.

(Sie blättert einige Seiten zurück, findet die erste Seite des Romans ganz am Anfang, liest die Fußnote, sieht auf, blinzelt mich an und sagt noch einmal Ah! [Ende der Szene])

Flugs kaufe ich alles ein, was auf dem Einkaufszettel steht. Ich hatte den Namen dieser Frucht vergessen und X-Frucht aufgeschrieben, es ist die Kaki. Von der Elfenbeinküste. Ich hätte lieber Obst aus Deutschland, Polen oder Tschechien gehabt, aber die bei diesem Bio-Markt kaufen lieber auswärts. Das schlechte Gewissen überlasse ich denen. Ist mir wumpe. An der Kasse zahle ich und die Kassiererin wünscht mir einen schönen Nachmittag. (Eigentlich einen schön’n Nammitach, was die Gute als Westdeutsche ausweist und so sieht sie auch aus, etwas schwammig im Gesicht, ganz ohne Kanten. Selbst die Brille könnte nicht runder sein. Der Versuch, über unscharfe Personen Anekdoten zu erzählen, muss scheitern.) Der Frau, die als nächstes bezahlt, abkassiert wird, wünscht die Kassiererin einen schönen Tag (Tach), so höre ich, also mehr, als sie mir wünschte. Ich nehme das zur Kenntnis, knalle die Kakis in meinen Rucksack und gehe. Da stehe ich doch drüber, denke ich.

Edgar Allan Poe hat in vielen seiner Texte seine Feinde gemartert und lebendig eingemauert, sie müssen ihm viel bedeutet haben. Mir ist selbst der Satz, meine Feinde bedeuten mir nichts, zu viel des Guten oder Bösen, ich streiche ihn durch. Allerdings ist so eine Durchstreichung eine sinnwidrige Betonung, eine Erhöhung, so ich also „meine Feinde bedeuten mir nichts“ noch einmal aufschreibe und es dabei belasse. Ich hätte auch einfach nichts dazu schreiben können oder behaupten, ich hätte überhaupt keine Feinde.

Preußen ist ausgestorben, aufgelöst, Bayern hat seine Rolle übernommen. Es ist ordentlich und sauber, jede Art Wildheit ausgelöscht oder nur gespielt und vermarktet, die Menschen sind einfach und fleißig und oft freundlich, sie haben eine Artverwandtheit mit den Menschen im Ruhrgebiet, ehemals preußisch, wo es aber leider immer noch oft dreckig ist und kaputt, obwohl die Menschen dort einfach, fleißig und freundlich sind. Wahrscheinlich liegt’s am Gelde, schätze ich.

Frau Doktor Dämer-Kottenhoff gibt mir zu verstehen, dass die Sitzungen so lange von der Krankenkasse bezahlt werden, wie ich im erwerbsfähigen Alter bin. Beziehungsweise, fügt sie an, meine Erwerbsfähigkeit nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden könne. Sie trägt auch heute dieses graue Kostüm, dieses mal aber matt pinkfarbene Strumpfhosen, nicht ganz blickdicht, so dass ich die Haare an ihren Schienbeinen sehen kann, die nach allen Seiten plattgedrückt sind. Dazu flache Slipper mit Lederschleifchen in einheitlich dunkelbraun. Einmal schlägt sie die Beine übereinander und der rechte Schuh rutscht von der Ferse ab ins Leere, was unvermeidlich in mir Gewaltphantasien auslöst. Ich atme schwer. In meiner Not sage ich, ich möchte mir so gerne mal das Oberstübchen rasieren, worauf die Frau Doktor nickt und notiert. In diesem Augenblick geht die gepolsterte Doppeltür auf und jemand, den ich nicht kenne, ein Mann, sagt SV 138, worauf Dämer-Kottenhoff aufspringt, die Ferse in den Schuh zwängt und hinausläuft. Der Mann schließt die Tür und ich bin allein. Ich kenne die internen Codes fast alle, sie sind allzu leicht zu erkennen, Suizidversuch auf Zimmer 138, das ist so ein Dicker, wenn mich nicht alles täuscht, mit Schnapsnase und Knopfäuglein. Viele der Stationären sind dick, mindestens mopsig oder schwammig. Drahtig ist hier keiner, nicht einmal die Ärzte. Ich diagnostiziere Wohlstandsverwahrlosung, warte still auf das Ende meiner Therapiestunde, Frau Dämer-Kottenhoff aber bleibt aus.

(Und aus)

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Unterbelichtete Überschärfe

Ich geb es ja zu, dass ich mich insofern konservativ verhalte, als dass ich fast ausschließlich Texte höchster Qualität lese, deren Erschaffer längst das Zeitliche gesegnet haben, und zwar lange bevor Texte durch Copy & Paste zu Patchworkgebilden wurden oder gar zu solchen, die die sogenannte Künstliche Intelligenz auf knappe Aufforderung hin in meinem Stil verfasst, ich also guten Gewissens meinen Namen drunter und drüber zu setzen mich berechtigt fühle. Alles klar!? Aber sicher doch, und zwar durchaus an allen digitalen Orten und in einer solchen Überdeutlichkeit, einer Überschärfe, einer gestochenen Schärfe, wie sie etwa in der Digitalfotografie gang und gäbe ist, seit unterbelichtete Pseudokünstler dort ihr Unwesen treiben. Zum Glück gibt es jedoch immer noch Ausnahmen, und es bleibt zu hoffen, dass diese in der zunehmenden digitalen Umweltverschmutzung sichtbar bleiben und erkannt werden. In Bezug auf Texte hingegen ist zu vermelden, dass hier die Eindeutigkeit des Uneindeutigen beziehungsweise die Uneindeutigkeit des Eindeutigen einer ähnlichen Überschärfe zum Opfer zu fallen droht wie dies in der Fotografie der Fall ist und dass die Poesie demzufolge geradezu im Dreck versinken könnte, so man denn nicht gehörig aufpasst. Anleitungen für eindeutiges Schreiben finden sich im Netz zuhauf und behandeln etwa die Frage, „wie du in deinem Roman gendern kannst, ohne Menschen abzuschrecken“, wobei die Frage natürlich Kokolores ist, weil die Menschen natürlich nicht gemeint sind, sondern nur solche, die ohnehin der eigenen Blase angehören, einer Kulturblase nämlich, in der der Herr:innenmenschengestus des Genderns die selbe Funktion innehat wie andernorts Handzeichen oder Tätowierungen. Wer einmal den bösen Blick abbekommen hat, wenn er sich nichtgendernd äußerte, weiß sicher, was ich meine. Ich selbst habe auf meiner Website in vielen Texten, die am ehesten als Glossen zu bezeichnen sind, das Gendern ausprobiert, und hier und da geht das im Textfluss durchaus, auch wenn dadurch kein Mehrwert entsteht, aber eben auch kein Schaden. Poetische Texte hingegen vertragen einiges nicht, da ist das Gendern in der dritten Person nur ein Punkt unter vielen. Wer begrenzen und belehren will, der handelt autoritär und durchwirkt einen vermeintlich erzählenden Text mit eindeutigen Botschaften. Nicht etwa, dass eine handelnde Person in einem Roman nicht gendern dürfte, denn das entscheidet diese Person in einem in sich funktionierenden Text selbst. Wer jedoch mehr will als das, der soll sich gefälligst theoretisch äußern, wenn’s denn angesichts des Allesschongesagten unbedingt sein muss. Nun gut, ich verbleibe hier passgenau an eben dieser Verknüpfung von Inhalten in besagter Eindeutigkeit des Uneindeutigen. Zudem gelobe ich, auch weiterhin keine Hilfe zum Verfassen von Texten in Anspruch, mir aber auch fürderhin herauszunehmen, mich soviel in meinen eigenen Gedanken zu verheddern, wie ich es für angebracht erachte. So! Jetzt aber Schluss und kein Wort mehr.

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Re-Vision

Ich habe vier Archivboxen gekauft, ist gar nicht lange her. Ganz voll sind sie noch nicht, doch zum einen ist in den Regalen noch zu Archivierendes zu finden, zum anderen kommen nach und nach neue handschriftlich verfasste Texte hinzu, so es also nur eine Frage der Zeit ist, bis nichts mehr hineinpasst. Falsch! Ganz falsch! Denn ich werde den Teufel tun und alles so lassen, wie es ist! Einiges wird wohl wieder rausmüssen aus den Kisten, da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Ausgedruckte Texte der Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen, die nicht in Die Hoffnung stirbt immer am schönsten veröffentlicht sind, bleiben aber drin in der Kiste, das ist sicher, auch die besagten Manuskript-Hefte. Altes, mitunter schlechtes Zeugs aus grauer Vorzeit aber werde ich sicher bald schon prüfen und womöglich vernichten. Was soll die Nachwelt, so die Frage, mit schlechten Texten, die zwar die Vorstufe sind für spätere gute, als solche aber kein Lesevergnügen bereiten und kaum Erkenntnisgewinn bringen können, es sei denn, man zielt darauf ab, dass das Spätere aus jahrelangem Ringen entstanden und dem Autor das Schreiben durchaus nicht in die Wiege gelegt worden ist. Außerdem ist doch die Hauptfrage die, ob in Jahrzehnten überhaupt jemand in diese Archivboxen hineinblicken, ja ob überhaupt jemals ein Interesse bestehen wird, in meiner Schriftstellerbiografie herumzuwühlen. Unwahrscheinlich. Sehr unwahrscheinlich. Zudem müssen die Kisten auch erst einmal in einem Archiv landen. Wer weiß schon, nach welchen Kriterien gesammelt und archiviert werden wird, ob nicht eine Quote oder die Lostrommel entscheidet, was bleibt und was nicht. Ein weiterer Aspekt ist der, dass mir durchaus, und da unterscheide ich mich wohl vom Gros der Schriftsteller, einiges peinlich ist von dem, was ich da mal zu Papier gebracht habe. Is‘ so. Gut möglich also, dass ich die bald anstehenden Rauhnächte dazu nutze, aus innerer Notwendigkeit und durchaus auch mit Vergnügen eine Revision zu machen. Das dazu.

Norbert W. Schlinkert. Straßenfeger.

 

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Vergessene Texte II: Nächster Halt Leipzig (2016 / 2022)

Nächster Halt Leipzig

Eine Kurzgeschichte

von

Norbert W. Schlinkert

Leo ergattert einen Fensterplatz rechts in Fahrtrichtung. Es fahren, stellt er fest, ausgesprochen viele Menschen im ICE von Berlin nach Leipzig, so früh am Morgen und mitten in der Woche. Was die wohl alle dort zu tun hatten? Nur wenige Reisende führten nennenswertes Gepäck mit sich. Leo schien es, als seien viele auf dem Weg zur Arbeit, Anzugsträger und Kostümträgerinnen, von denen einige in die Waggons der ersten Klasse gestiegen waren, mit kleinen Aktenköfferchen und Laptops bewaffnet. In der ersten Klasse gibt es Einzelsitze, denkt er, in der zweiten nicht. Eben noch hatte eine ältere Frau minutenlang im Gang zwischen den Sitzen gestanden und ihm Angst gemacht. Dass die sich bloß nicht neben ihn setzte! Dann war sie weitergezogen. Noch einmal Glück gehabt. Es war ihm schon passiert, dass er sich, ohne es zu wollen natürlich, den nackten Leib alter Frauen oder Männer, die ihm in der S-Bahn gegenübersaßen, vorgestellt und dann Lippenherpes bekommen hatte. Innerhalb von Minuten. Ach was, von Sekunden! Frühmorgendliche Berlin-Reste rauschten vorbei, eine Lagerhalle, Reihenhäuserreihen, doch bald schon würde sich die Landschaft in dieses Nichts zwischen Berlin und Leipzig verwandelt haben. In der Mitte davon Wittenberg, Lutherstadt, doch da würde dieser Zug nicht halten, das war drei Mal durchgesagt worden, kein Halt in Wittenberg. Natürlich saß inzwischen jemand neben ihm. Eine Frau. Scheuer Blick nach links. Ein weiblicher Oberarm, tüllumhüllt. Glück im Unglück, eine junge Frau. Keine alte. Sie duftete sogar dezent. Als sie gefragt hatte, ob der Platz noch frei sei, war er eben damit beschäftigt gewesen, den rechten Schuh wieder zu binden, dessen Schleife irgendwie ungleich gewesen war, also nicht in sich ungleich, aber anders als die des linken Schuhs. Das war zu korrigieren gewesen. Er hatte nur Ja gesagt, aber nicht zu ihr eigentlich, sondern eher zu seinem Schuh. Er wusste also nicht einmal, wie sie aussah, diese Frau, doch jetzt hinüberzusehen wäre ein wenig unhöflich, fand er. Verstohlen warf er stattdessen einen Blick auf ihre Beine. Akkurat nebeneinander, schlank, fleischfarben nylonbestrumpft. Dazu schwarze oder eher dunkelbraune Peeptoes, nicht sehr hoch, ganz schlicht, und natürlich war der Fußnagel der großen Zehe rot bepinselt. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und überlegte, wo denn die Herpes-Creme stecken mochte. Was tun? Schon wurde ihm schlecht. Wenn er etwas nicht sehen konnte, nicht sehen wollte, dann Füße. Im Herbst, dachte er, wie herrlich ist doch der Herbst, und auch im Winter tragen ja nur Verrückte offene Schuhe. Vom Frühsommer an jedoch überall Ungepflegtheiten, eklige Zehen und rissige Fersen, eingewachsene Fußnägel, grassierender Nagelpilz, durchgelatschte Fußsohlen. Unerträglich! Ganze Völkerschaften warmer Weltgegenden waren ihm verhasst wegen dieser ewigen Sandalen und Flip-Flops! Da war die Dame neben ihm ja noch ein Wunder der Ästhetik. Vor den Fenstern des dahinjagenden Zuges breitete sich indes die erwartete Landschaft in ihrer Flachheit gnadenlos aus. Die Frau neben ihm, die sicher nicht einmal dreißig sein mochte, so schätzte er wenigstens, legte jetzt das eine Bein, dessen wurde er gewahr, vorsichtig über das andere. Stammen Sie aus Meißen, könnte er sie fragen, fiel ihm ein, das wäre witzig, und auf ihr überraschtes Warum würde er sagen, weil Sie ihre wunderbaren Beine so vorsichtig übereinandergelegt haben, als seien sie edelstes Porzellan. Doch er sagte natürlich nichts, denn weder waren diese Beine wunderbar, ohne eine umfassende, auch haptische Prüfung war das ohnehin nicht herauszubekommen, noch wollte er mit jemandem reden, der geschmacklose Schuhe trug. Er sah immer wieder hin. Jetzt zuckte auch noch etwas am Knöchel ihres rechten Fußes, eine pulsierende Ader, unregelmäßig rhythmisch, pöppöpp, pöpp, pöpppöpp und so weiter. Es war nicht auszuhalten. Und sicher noch fast eine Stunde bis Leipzig. Er legte seine Hände flach an beide Schläfen, Scheuklappen gleich, trotzdem aber sah er durch die sich unwillkürlich spreizenden Finger immer wieder auf die Schuhe und diese rotbepinselten Großzehen. Einfach einzuschlafen wäre jetzt nicht das Schlechteste, allerdings bestünde die Gefahr, dass ihm der Sabber aus dem Mund liefe. War ihm schon mal passiert, auch im Zug. Also wach bleiben, rote Onkel hin oder her. Und sich bloß nicht den Tag verderben lassen von dieser Frau, die nicht mal einen Kopf hat! Allerdings, das musste er zugeben, dieser dezente Parfümduft, den sie absonderte, gefiel ihm durchaus. Das wäre etwas, das er zu einer Personenbeschreibung hätte hinzusetzen können. Aber gehörte so etwas zu einer Personenbeschreibung? Er hörte schon den Beamten sagen, Sie wollen mir doch wohl nicht erzählen, sie hätten die Frau nicht einmal angesehen während der ganzen Zugfahrt! Mit Beinen können wir hier nicht viel anfangen, ich bitte Sie, wie sollen wir denn Beine zur Fahndung ausschreiben? Und Parfüm haben wir auch nicht in der Datei. Am Ende werde ich noch, dachte er, als Komplize verdächtigt! Also mal den Kopf der Frau ansehen, ganz wichtig! Aber wie das bewerkstelligen? Entschuldigen Sie, dachte er, könnte ich leise sagen, ich muss mir Sie mal ansehen, wer weiß, für was es gut ist. Seien Sie so nett und zeigen Sie mir mal Ihr Gesicht, Profil, ja, von vorne, vielen Dank, haben Sie eigentlich besondere Merkmale, ach was, ein großes Muttermal im Nacken und eines, ein wenig kleiner, auf der linken Brust, über dem Herzen sozusagen! Das ist ja putzig! Wollen Sie mal sehen, fragt sie mich, treuherzig lächelnd, und ich frage, das im Nacken oder das auf der Brust? Das auf der Brust natürlich, sagt sie mit Überzeugung und ein wenig empört. Berühren Sie es ruhig einmal, es ist ganz flauschig und sieht aus wie ein kleines Tier, besonders dann, wenn die Brustwarze ganz groß und hart ist, sehen Sie! Es ist, als wenn das große böse Tier das kleine flauschige Tier fressen will, so, und sie drückt mit Daumen und Zeigefinger die beiden Tierchen zusammen und macht fauch-fauch: Nun kämpfen sie miteinander! Die Dame schlägt die Beine jetzt andersherum übereinander, ein winziges Nylongeräusch entsteht. Leo war eingeschlafen. Zum Glück hatte er nicht gesabbert, das hätte ihm gerade noch gefehlt. Und hoffentlich hat die Dame neben mir die Beule in meiner Hose nicht gesehen, denkt er. Zwei miteinander kämpfende Tierchen, das war ja lächerlich! Vielleicht fuhr sie zu einer Sitzung einer jungen, aufstrebenden Firma, in der sie eine führende Position anstrebt, und da würde sie ihm doch nicht so ein Theater mit Brustwarze und Muttermal vorspielen! Wo käme man da hin! Die Dame neben ihm räuspert sich. Sie haben da eine Beule in der Hose, sagt sie, oder nein, natürlich sagt sie das nicht. Würden Sie, sagt sie in Wirklichkeit, auf meine Handtasche achtgeben, ich bin gleich wieder da. Da ist es ja, ihr Gesicht, im Halbprofil, kantig, wie die Knie, großgeschminkter Mund, schöne Zähne, einer ein wenig schief, graugrüne Augen, Wimpern getuscht, Augenbrauen wie ein Strich. Er sagt ja, natürlich, und als sie weg ist, denkt er, was ist denn das für eine Frau, die ihre Handtasche nicht mitnimmt, wenn sie aufs Klo geht? Und führe der Zug nicht haltlos durch, so würde er denken, da stimmt doch etwas nicht, warum lässt sie die Tasche, braunes, weiches Leder, zwei aufgesetzte Taschen vorne, hier bei mir? War sicher sehr teuer. Doch kein Halt vor Leipzig! An dem sie den Zug verlassen könnte! Denn gäbe es einen, denkt er, so müsste wohl eine Bombe in der Tasche sein! Wie teuer sie auch immer sein mag. Doch eine Bombe in einer so kleinen Tasche, was sollte die schon anrichten können? Wahrscheinlich würde sie nur, denkt Leo, mich töten, niemanden sonst. Die Beule in der Hose war jetzt natürlich weg. Was also tun? Den Waggon verlassen, nicht auf die Tasche aufpassen? Sicher pinkelt sie gerade in diesem Augenblick mit einem Pfüh-Geräusch in die Kloschüssel der Deutschen Bahn, um sich danach die paar Urintröpfchen, die am Schamhaar hängen, mit dem Deutsche-Bahn-Klopapier abzuwischen. Oder ist ihr Schamhaar abrasiert, denkt Leo, und da kommt die Beule schon wieder, und da kommt auch die Dame, also ist keine Bombe in der teuren Handtasche. Er atmet auf. Sie lächelt ihn an und sieht auf seine Hände, das fällt ihm sofort auf. Was glaubt sie da zu sehen? Die zugeschnappte Mausefalle vielleicht, die im Inneren der Tasche lauert für den Fall, dass so ein Aufpasser seine Pfoten hineinsteckt? Kann ja wohl nicht wahr sein, denkt Leo. Sie lächelt, sagt Dankeschön, nimmt die Tasche vom Sitz und setzt sich wieder, doch irgendetwas stimmt nicht, irgendetwas ist anders, die Frau ist noch die selbe, das Parfüm riecht wie zuvor, und da sieht er es plötzlich: Sie trägt andere Schuhe! Rot, schlank und spitz, hochhackig, wohl eher solche, die man Pumps nennt, oder sogar schon High-Heels. Sie sind vorne geschlossen, doch man sieht den Zehenansatz, das mag Leo auch nicht so. Trotzdem hätte er beinahe Danke gesagt, aber er sagt nichts, sondern fragt sich, wo hat sie denn die Schuhe her und was hat sie denn mit den anderen Schuhen gemacht? Ins Klo gespült? Wohl kaum, denkt er, und zum Fenster raus kann nicht sein, nicht im ICE. Noch eine halbe Stunde bis Leipzig, höchstens. Gleich würde die Rennerei zum Klo losgehen. Doch Leo zögert. Seine Tasche, fragt er sich, kaum größer als die der Dame, kann er sie mitnehmen ohne Misstrauen zu erwecken? Denn hatte sie nicht die ihre ihm anvertraut, und müsste sie nicht denken, er sei ein komischer, misstrauischer Kauz, oder dass er eben doch etwas gestohlen hat und nun in einen vorderen Waggon verschwinden will, um sich zu verdünnisieren, sobald der Zug in Leipzig hält? Aber was soll’s, ich muss pinkeln, denkt er, greift seine Tasche, macht Anstalten, die Dame versteht und lässt ihn hinaus, halb die Beine in den Gang streckend. Danke, sagt Leo. Zwei Klos, doch im zweiten liegt zweifelsfrei der dezente Parfümduft in der Luft. Ihm wird ganz anders, aber mit einer Erektion wird er nicht pinkeln können, also muss er sich beherrschen. Er öffnet den Hosenstall, fummelt seinen Schwanz heraus und will eben lospinkeln – da sieht er es! Er traut seinen Augen nicht. Die Peeptoes liegen in der Ecke! Hinter der Schüssel. Das Zehenloch obszön leer und glotzend. Was tun? Jemand will hinein, es rüttelt an der Türklinke. Er muss nachdenken, schnell, denn das sind natürlich ihre Schuhe, aber wie kommt sie überhaupt zu den roten, neuen, die Frage ist nicht geklärt, sie hatte nichts bei sich, und was wäre, würde er sie jetzt einstecken und sie stünde vor der Tür? Was sollte er sagen? Dass er sie ihr bringen wollte, nichts weiter, und da nimmt er sie und steckt sie in seine Tasche, sie passen gerade eben so rein. Er geht zurück zu seinem Platz. Die Dame wirft ihre Beine über die Armlehne und lächelt. Er setzt sich. Weiß sie, dass ich ihre Schuhe habe, fragt er sich. Soll ich flüsternd bekennen, sie mitgebracht zu haben? Denn warum hätte sie sie sonst auf dem Klo liegenlassen, denkt er. Aber das wäre doch absurd, weil ich doch diese Schuhe nicht mag, was sie aber, denkt er weiter, natürlich nicht wissen kann. Sie glaubt sicher, ich mag die Schuhe, weil sie die Beule in meiner Hose gesehen hat. Aber da steht sie, noch bevor der Zug hält, plötzlich auf, nickt ihm zu und geht. Leo ist überrascht. Vor dem Fenster schiebt sich der Bahnhof Leipzig ins Bild. Alles rennt und hastet, Leo aber wartet, bis sich der Waggon ganz geleert hat und verlässt dann als Letzter in aller Ruhe, zu der er sich zwingt, diesen Zug von Berlin nach Leipzig, geht langsam längs durch die Bahnhofshalle, links die Treppe hinunter und zum Vorplatz hinaus. Er atmet tief durch. Was tun, überlegt er. Vor dem Bahnhof Straßenbahnen und Menschen, die Dame aber nirgends zu sehen. Vielleicht sollte ich die Schuhe einfach wegwerfen, geht ihm durch den Kopf. Sie loswerden. Das würde wohl das Beste sein! Ein wenig verschämt, dass ihn bloß niemand dabei sieht, zieht er die Schuhe halb aus seiner Tasche. Schnell muss es gehen! In einer einzigen, fließenden Bewegung. Wo ist nur der nächste Mülleimer? Er sieht sich um. Wegwerfen also! Das ist entschieden! Die Farbe, die ginge noch, denkt er, ja die ganze Frau wäre halb so schlimm gewesen ohne diese Löcher vorne in den Schuhen und ohne die bepinselten Großzehen! Er geht ein paar Meter. Da, ein Mülleimer! Und schon zieht er die Schuhe mit einem Griff ganz aus der Tasche, doch als er sie eben hineinstoßen will in die Öffnung des Eimers, sie entsorgen will, die hässlichen Schuhe mit den hässlichen Löchern, da lugt aus dem Loch des linken Schuhs etwas heraus. Ganz plötzlich. Ein Zettel, stellt er fest, zusammengerollt. Was tun? Herausnehmen, beschließt er endlich. Mit spitzen Fingern. Ein Zettel also. Nun denn. Er zieht ihn glatt und liest. Liest noch einmal. Und noch einmal. Meine Güte, sagt er endlich halblaut, damit, ja damit habe ich ja nun überhaupt nicht gerechnet – nicht im Traum!

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Norbert W. Schlinkert. Polaroid 34

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Vergessene Texte I: KREISE (von 2021)

KREISE

oder:

Das Zeitalter der Ichs

Eine abgebrochene autobiographische Erzählung

von

Norbert W. Schlinkert

Handlungs-Vorsatz, in eigener Sache, einleitend

Der Gedanke, all’ meine Freunde seien in Wirklichkeit schwer beleidigt, weil sie nicht in meinen Schriften auftauchen, war mir nie gekommen. Aber so musste es sein. Alles sprach dafür. Und diese Erkenntnis passte nun plötzlich gut in mein Leben und Schreiben, denn ich hatte nach zwei gelungenen Romanen, die allerdings, da sich kein Verleger dafür fand, buchstäblich in der Schublade verwelkten, beschlossen, eher denn Romane erzählende Essays zu schreiben. So jedenfalls würde sich Jedwedes einfügen können, Jeder und Jede kann auftauchen, Alles und Nichts. Eine Riesensache, die ich mir da eingebrockt habe, das stand fest! Ich ziehe einen neongelben Klebezettel vom Klebezettelblock, kritzele Erst schreiben, dann ordnen! darauf und hefte ihn an die oberste Schublade der drei Schubladen beherbergenden Schubladenbox aus Bambus, die rechts auf meinem Schreibtisch steht. Ich nehme den Zettel sofort wieder ab, befördere ihn in den 101-Dalmatiner-Blecheimer und schreibe einen neuen, ordentlichen, dieses Mal mit dem Füllfederhalter. Erst schreiben, dann ordnen!

Es gibt, das ist mir klar, unendlich viel zu erzählen, weil so ein Leben eines Schriftstellers ja gar nicht anders kann als Geschichten zu erzeugen, sowohl echte wie erfundene, imaginierte, die aber auch echt sind. Voneinander zu trennen ist das nicht, das Echte und das auch Echte, so viel sollte klar sein. Es aber in eine Ordnung zu bringen, so wie etwa ein Warenlager geordnet sein muss, würde ebenfalls nicht möglich sein, obwohl genau das getan werden muss. Bezüge sind herzustellen, buchstäblich alles ist an den richtigen Platz zu rücken, um es dann aber sofort in den Fluss der Dinge zu werfen. Nichts also bleibt wie es ist, vor allem dann, wenn meine versuchte Ordnung schließlich in den Kopf der Leser und Leserinnen und damit in eine mehr oder weniger vorgefertigte Erwartungshaltung purzelt, die an den richtigen Dreh- und Angelpunkten zu enttäuschen Ehrensache ist. Absicht. Die eigentliche Kunst. Ich schreibe einen zweiten Zettel, Das eigene Leben muss gleichsam ausgewrungen werden!, und hefte ihn neben den ersten. Sofort aber frage ich mich, ob denn nun der ausgewrungene Lebenslappen oder die herausgewrungene Flüssigkeit das ist, aus dem der Text entsteht. Und dann dieses Wort, Wringen – ich wringe, du wringst, wir wringen. Ich wrang mein Leben, bis am Ende ein Roman herauskam! Was habe ich um diesen Roman gewrungen, das könnt Ihr mir glauben, Leute! So in etwa? Ich male ein Fragezeichen auf einen dritten Zettel und klebe ihn neben die beiden anderen.

Ich schreibe. Macht es wohl, frage ich mich, für die Gedanken einen Unterschied, ob sie in die einen Stift haltende Schreibhand fließen oder in beide Hände, mit denen man die Tastatur von Schreibmaschine oder Rechner bearbeitet? Und ob man mit zehn Fingern schreibt oder mit zweien, dreien, vieren? Ich selber habe meine Geschichten zunächst mit der Hand geschrieben, in der Zeit meiner Tischlerlehre von 1982 bis 1985, denn mein Vater lehnte es rundheraus ab, mir seine kleine graue Reiseschreibmaschine zu leihen, machste ja nur kaputt, hieß es. Reisen war übrigens das Allerletzte, was mein Vater jemals freiwillig getan hätte. Das Gleiche war mir Jahre zuvor in Sachen Nähmaschine passiert, wir hatten sogenannten Hausarbeitsunterricht und ich wollte nähen, aber auch da hieß es, seitens der Mutter, machste nur kaputt. Den Versuch, mit der Hand zu nähen, gab ich allerdings schnell auf, die Nähte schief und krumm, der Stoff ganz blutig und die Finger zerstochen. Aber Schreiben, das tat ich mit der Hand, und die erste Geschichte meines Lebens spielte im leerstehenden Haus neben der Tischlerwerkstatt, wo wir die Furniere lagerten, und auf die kackten alle Katzen der Nachbarschaft. Ich, der arme Tischlerlehrling, versank am Ende in Katzendreck, buchstäblich. Das Manuskript ist verschollen, wer es findet, der soll es nach Marbach schicken ins Literaturarchiv, es ist ein wichtiges Beispiel der Schriftstellerei in den frühen achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Aber wie auch immer, gegenwärtig, heutigentags schreibe ich am Rechner Erzählende Essays, eine nicht näher zu bestimmende Literaturgattung, die der Gattung des Romans in der Tat sehr ähnelt. Ein genialer Anfang, so im Stile von „Mein Vater war ein Kaufmann“ (Stifter) oder „Wie wenn es aus dem Nebel gekommen wäre, so wurde das schöne Schiff plötzlich sichtbar“ (Jahnn), wird mir allerdings nicht immer gelingen können. Ein wirklich guter Anfang wird es aber jeweils dennoch werden müssen, denn aus einem schlechten Beginn kann kein guter Roman entstehen, das ist mal sicher.

Nun also ist dreierlei zu tun, um die Schrift in Bewegung zu setzen. Erstens werde ich mir mich selbst vorzustellen haben mit Vor- und Zunamen, und dann dürfte es zweitens nötig sein, ein wenig Inhalt und einige handelnde Figuren zu generieren, um schließlich drittens die Gedankengänge des Erzählers einzuweben. Und durch alles muss, nicht zu vergessen, ein roter Faden hindurchgehen, damit auch aus dem kleinsten Stück hervorgeht, dass es gleichsam zur Krone gehört. (In alle Taue der britischen Kriegsmarine war zu früheren Zeiten ein solcher Faden eingewebt, als Diebstahlschutz gewissermaßen.) Bliebe, nach dem genannten Dreigestirn, noch die Frage des Stils, denn ein Roman, besonders wenn es sich um einen erzählenden Essay handelt, muss zwangsläufig geschwätzig sein. All’ seine Teile und Themen sind also von absolut gleicher Wichtigkeit und Relevanz, so dass es also kaum angeht, unterschiedliche Stile zu verwenden, weder nacheinander noch ineinander verwoben. Jede andere Vorgehensweise wäre literarischer Selbstmord, so dass in der Tat kaum jemand so etwas tut, abgesehen mal von James Joyce und Virginia Woolf und Halldór Laxness und Alban Nikolai Herbst. Die allermeisten Schriftstellerinnen und Schriftsteller jedenfalls haben ihren, im Guten wie im Schlechten, einzigartigen Stil, bei dem sie, unabhängig von Thema oder Inhalt, ohne jede Rücksicht bleiben müssen. Punktum. Das kann sehr böse in die Hose gehen, wie etwa bei Günter Grass, aber auch, so im Falle Knut Hamsuns, zu grandiosen Ergebnissen führen. Ich selber habe in meiner Person dieses offensichtliche doch so leicht zu begreifende Gesetz des literarischen Schreibens bisher allerdings nicht recht akzeptieren wollen, man werfe nur mal einen Blick in meine Bücher, vor allem aber in meine Schubladen. Nun aber weiß ich es: Unterschiedliche Stile sind weder einem Verleger noch dem Publikum zuzumuten, allenfalls Schriftstellerkollegen können damit ohne weiteres umgehen. Aber wer schreibt schon für Schriftsteller?

Sommer 1989

Beginnen wir mit dem Augenblick, als ich auf dem Stahlträger ausglitt und ungebremst in meinen eigenen Schritt fiel. Zum Glück lag der Träger noch auf Kanthölzern gebettet auf dem Asphalt, so dass ich nicht auch noch in die Tiefe krachte, mir den Hals zu brechen. Der Schmerz aus den Hoden zog, weil er nicht anders konnte und keinen anderen Weg fand, blitzschnell in den Darm und über den Magen in den Hals und den Gaumen und setzte sich schließlich in der Nasenwurzel und den Augenhöhlen fest, während im knapp darüber liegenden Hirn Panik entstand in Form des Bildes zerquetschter Eier. Ich saß, die Füße links und rechts des Trägers auf dem Boden des Mercedes-Geländes in Sindelfingen, die Stadt mit den marmornen Zebrastreifen, einige Sekunden wie erschlagen da. Keiner der Kollegen hatte etwas mitbekommen, wie es aussah. Da war ich nun fünfundzwanzig Jahre alt, wir schrieben das Jahr 1989, es war Sommer, und ich zerdepperte mir in der südwestdeutschen Fremde mit einer idiotischen Unachtsamkeit meine Zeugungs- und Erektionsfähigkeit! Ich hatte zwar nicht die Absicht, mich dem Familienpapawesen zuzuwenden und mich zum Vollidioten machen zu lassen, aber das mit der Erektion war nun schon von alleräußerster Wichtigkeit. Lebenswichtig. Breitbeinig machte ich mich, die Angelegenheit zu begutachten, auf den Weg zu den Toiletten in der angrenzenden Halle, wo wie immer automatische Transportwägelchen langsam hin und her manövrierten und Kotflügelfachleute die Kotflügel von Luxuskarossen dengelten. Alle vierzig Minuten oder so ertönte eine Pausensirene und die Männer standen eine kurze Weile herum, für eine Zigarette reichte die von der Gewerkschaft erkämpfte Pause nicht wirklich. Wirklich nicht. Die Wägelchen gondelten ungerührt weiter. Als ich nun breitbeinig und mit schmerzgetrübter Miene Richtung Klo schlich, dengelten drei, vier Männer konzentriert, ergeben und offenbar glücklich vor sich hin. Keiner blickte auf, und es hätte mir auch gerade noch gefehlt, gefragt zu werden und zugeben zu müssen, mir die Eier poliert zu haben. Ich weiß nicht, ob ich in diesem Augenblick in der Mercedeshalle daran dachte, doch es gibt natürlich auch Situationen, in denen das Polieren der Eier zwar von allen gesehen, dies aber keineswegs als peinlich bewertet wird, sondern ganz im Gegenteil einem zu Ehren gereicht, weil es ein Zeichen unbedingter Hingabe und Einsatzbereitschaft ist, etwa wenn man in einem Fußballmeisterschaftsspiel auf einem Asche’platz in Dortmund-Hörde beim Stand von 4:0 für die eigene Mannschaft in letzter Minute noch den Ball zu erkämpfen versucht, um diesen zum 5:0 zu versenken. Dem gegnerischen Knaben, ich will ihn mal so nennen, gelang es aber, zuerst an den Ball zu kommen, um ihn aus dem Strafraum zu dreschen, während ich mich ihm entgegenwarf. Der Ball traf aus einem Meter Entfernung meine Körpermitte, im selben Augenblick pfiff der Schiedsrichter ab und wir trollten uns Richtung Kabine. Nichts ist schlimmer als fehlender Einsatz.

Nun aber stand ich Jahre später in einer picobello sauberen Toilettenkabine im Sindelfinger Mercedeswerk, wo ich vier Wochen lang und damit Zweidrittel meiner Ferien am Aufbau einer Halle beteiligt war, löste den Gürtel meiner Hose und zog sie vorsichtig über die Hüfte nach unten. Mit Einsatz hatte dieses Malheur nun nichts zu tun gehabt, das war mir klar, nicht im geringsten, denn ich war nur hier, weil ich mich im ersten Semester am Dortmunder Westfalen-Kolleg, Institut zur Erlangung der Hochschulreife, finanziell etwas übernommen hatte. Die Abende im Bass, der Jazz-Kneipe in der Nordstadt, direkt neben dem Programmkino Roxy gelegen, hatten Löcher in mein Budget gefressen und zu einem dicken Minus auf meinem Konto geführt. Ich lebte in einer von der Postbank so genannten geduldeten Überziehung, weil ich an den Abenden sozusagen in der Kneipe wohnte, von acht Uhr bis zur letzten Runde. Heinz, der Wirt und bekennende Jazzfan, niemals perlte Abweichendes aus den Boxen, stellte mir schon am zweiten oder dritten Abend ein Norbert-Bier auf den Tresen, und das ist keine Biersorte, sondern einfach die Verbindung meines Vornamens mit dem gewünschten Getränk. Ein Norbert-Bier, wohl bekomm’s, hieß es, ein Bleistiftstrich auf dem Bierdeckel folgte als Beglaubigung, und schon war ich für den Abend eingemeindet. Daher also das Minuszeichen auf dem Kontoauszug, und daher auch die nur langsam verblassenden Schmerzen, die sich jetzt, da ich die Unterhose auf die Knie hinunterstreifte, eher im Hals konzentrierten. Mein Geschlecht, ich bin Linksträger, lag im fahlen Licht der Toilettenanlage nun also frei, ich wagte kaum hinzusehen. Als ich es tat sah ich nichts als den in alltäglicher Gelassenheit am Leib hängenden Schwanz inmitten krauseligen Schamhaars und den ebenfalls unbeeindruckt wirkenden Hodensack. Blut war nicht zu erkennen. Mit der flachen Hand hob ich das Gemächt vorsichtig an und der Schmerz im Hals drückte ein wenig in den Kopf hinein. Die Eier schienen noch ganz zu sein, ich bewegte sie vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her, was leichte Schmerzen im Bauch auslöste. Richtig kaputt waren sie jedenfalls nicht. Bliebe nur noch die Frage nach der Erektionsfähigkeit, aber die musste ich wohl nach Feierabend in meinem Hotelzimmer in Tübingen überprüfen. Von der Halle her hörte ich das Pausensignal, ich wartete, dann endlich erklang das Signal erneut. Pause ausgestanden, weiterdengeln!

Bass und bässer

Die Dortmunder Nordstadt hatte (und hat) nicht den allerbesten Ruf. Doch wozu zum Teufel noch eins ein langweiliges Leben führen, so dachte ich und donnerte im zweiten Gang durch die lange Backsteinunterführung an der Union-Brauerei in den Norden hinein. Sechshunderfünfzig Kubik, fünfzig PS und ausreichend Krach. Das Leben war scheiße genug. Ich war, um auf besagtes Westfalen-Kolleg zu gehen, nach Dortmund gezogen. Eigentlich hatte ich mich bereits gegen ein Leben im Ruhrgebiet entschieden gehabt und zwei Jahre in Freiburg verbracht. Denn warum auch um alles in der Welt musste ich auch ausgerechnet in Schwerte an der Ruhr geboren werden, einer unwirtlichen Kleinstadt, Blick nach Süden aufs Sauerland, im Norden, jenseits des Ardeygebirges, Dortmund, nach Osten hin die Soester Börde, nach Westen Witten, Herdecke, Bochum und wer weiß was noch. Schwerte würde mir mein Leben lang am Hintern kleben, wenn ich nicht aufpasste. Während andere Menschen sechshundert Kilometer weiter in Paris oder London oder wenigstens einer Großstadt aufwuchsen, würde man mir auf ewig das Kleinstädtertum und vor allem das Ruhrgebietlersein ansehen, anhören, anmerken. So dachte ich damals, bevor dann doch ein abgezockter Großstädter aus mir wurde.

An der Kreuzung Schützen-/Mallinckrodtstraße bog ich rechts ab, linker Hand die Camera, wie das Roxy ein Programmkino, dann die zweite wieder rechts. Die Uhlandstraße. Uhland! Überhaupt ist der Arbeiternorden gespickt mit Schriftsteller- und Komponistenstraßen, man darf sich durchaus fragen warum, während die Arbeiterhelden ihre Straßen eher Richtung Süden haben. An meinem Schlüsselbund jedenfalls zwei neue Schlüssel, einen für die Haustür der Uhlandstraße Nummer 34 und einen für die Wohnungstür, vierter Stock. Vier Mietparteien, die Familie Behrend im ersten Obergeschoss hatte ich bereits kennengelernt, Vater, Mutter, Tochter auf 60 Quadratmetern, Guten Tag, steht die Wohnung oben leer, aber ja. Rufen Sie den Vermieter einfach an, in Hamm wohnen die. Gesagt, getan, kommse einfach vorbei. Im Wohnzimmer bei Kaffee mit Milch Mietvertrag unterschrieben, ein Monat mietfrei, ist ja einiges zu tun, ach, Abitur wollnse machen auffem Westfalen-Kollech! So lief das damals noch, 1988 im Westen, der sogenannten BRD. Ein Jahr später war es Essig damit, freie Wohnungen Mangelware, gebrauchte Autos ausverkauft.

Wir waren jung und faul wie Hucke. Gearbeitet wurde nur, wenn das Geld knapp war, was leider nicht selten vorkam. Im November 1988 allerdings dachte ich noch nicht an solche Spitzfindigkeiten des Daseins, sondern machte mich mit Berthold daran, aus einer Bruchbude eine WG-taugliche Wohnung zu gestalten. Das Beste war das Loch in der Mauer in Bertholds Zimmer, ein Klassiker der Bruchbudenromantik. Links des Fensters unter der Dachschräge befand sich nämlich ein faustdickes Loch in der Wand, das nur mutwillig und ohne sachlichen Grund ausgestemmt worden sein musste. Wer macht denn so etwas?

[Ende des Fragments]

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Norbert W. Schlinkert: Kreis (Druckstock)

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Von der Denkmaschine zum Mumpitz

Ganz fatal scheint es, wenn der Schriftsteller nicht schreibt, seine dicken oder dünnen Finger also nicht um ein Schreibgerät krampft oder mittels seines Tippsystems eine Tastatur behackt. Warum schreibt er nicht, fragt es sich, hat es tiefere Gründe, hat er gar den Glauben an die Literatur verloren wie andere Menschen den Glauben an Gott oder die Gerechtigkeit? Oder hat er bereits genug geschrieben und betrachtet mit Genugtuung seine wenigen Veröffentlichungen und die Archivkisten mit Manuskripten und Ausdrucken? Ist er faul, selbstgefällig, satt? Zum Hedonisten herabgesunken? Nun ja, all diese blöden Gedanken und Fragen können nur von Materialisten stammen, die mit ihrer Denkmaschine nicht weiter kommen als bis zu ihrer Denkmaschine – dass diese sich, am Rande bemerkt, dabei nicht selbst zerstört, ist ja bereits Beweis genug für die Unhaltbarkeit eines rein materialistischen Weltbildes. Natürlich aber wird niemand das Vorhandensein von Substanz bestreiten, denn davon löst es sich ja, davon geht es aus, das Nichtmaterielle – in meinem Falle das Schreiben im Ungefähren, im Nebulösen, ein Schreiben mit allem, was man ist, ein Schreiben als Vorstufe des womöglich baldigen wirklichen Schreibens mit und auf Materie, auf dass dieses Werk sich dann im Kopfe lesender Menschen mit deren Zutun wieder verflüchtige. So läuft das nämlich! Irgendeinen Mumpitz zu Papier bringen kann ja jeder. Das dazu!

Norbert W. Schlinkert: Materie im Grünen

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Entweder – Oder oder der klare Fall einer Kontradiktion

Einer der kürzesten Beiträge auf dieser meiner Website ist der mit der bezeichnenden Überschrift Warum ich keinen Text über den Kapitalismus als Ideologie schreibe? Weil mir keine Sau etwas dafür bezahlt! (Norbert W. Schlinkert: Die Hoffnung stirbt immer am schönsten. Arbeitsjournal. Herausgegeben von Arnold Maxwill. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2022. ISBN: 978-3-8498-1841-8. Seite 56.) Und dies, wie Sie leicht selbst herausfinden können, weil die Überschrift so vollständig in sich sinnvoll erschöpft ist, dass ein dazugehöriger Text sich vollkommen erübrigt. Und in Erübrigungen lässt sich nunmal, das ist allgemein bekannt, nichts und niemand unterbringen. Es handelt sich beim Nichtvorhandenen somit um eine Leerstelle, anstelle der kein Umstand eintreten kann, da dieser umstandshalber gegenständlich oder bestimmbar sein muss jenseits von Leer, Nichts, Keineswegs, Keinesfalls und so weiter. Hätte ich also unter dieser Überschrift einen Text platziert, wäre als einer ausgleichenden Gerechtigkeit die Überschrift falsch und damit nichtig gewesen, klarer Fall eines Entweder – Oder oder einer Kontradiktion, wie sie schöner nicht sein könnte.

So, nun aber Schluss mit dem Unsinn.

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Fensterwetter / Fensternis

Norbert W. Schlinkert

Fensterwetter / Fensternis

Eine Art Märchen

Vor dem einen Fenster scheint die Sonne, vor dem anderen Fenster regnet es. Beides findet draußen statt. Das eine Fenster ist auf der Horizontalen zwei Meter vom anderen Fenster entfernt, und zwar in der selben nach Westen hin gelegenen Hauswand, hinter der sich meine Wohnung befindet, die auf der anderen Seite mit der nach Osten gelegenen Hauswand, die ebenfalls ein Fenster hat, begrenzt ist. Schnell schließe ich die Augen, ertaste die Türklinke der Wohnzimmertür und ziehe sie zu. Klack macht es. Ein drittes Wetter würde ich nicht ertragen. Man muss ja schließlich auf seine mentale Gesundheit achten, denke ich und wende mich wieder den beiden Fenstern zu. Das eine befindet sich im kleinen Zimmer, dort ist meine Bibliothek untergebracht, das andere, das genau genommen eine Balkontür ist, spendet der Küche Licht. Wenn auch im Augenblick trübes, denn es regnet ja, während das kleine Zimmer von Sonnenstrahlen geradezu geflutet ist. Träte ich nun aus dem Flur in die Küche und dann auf den Balkon, müsste ich also entweder eine scharfe Wetterscheide sehen oder einen unscharfen Übergang. Letzteres wäre, so wird mir plötzlich klar, aber dann doch ein drittes Wetter, von dem so oft die Rede ist in den alten Geschichten, die ich als Kind vollständig glaubte, bis mir in den Jahren der durchlittenen Pubertät im Kopf nach und nach graue Zweifel wuchsen. Ich stürze also ins Wohnzimmer, und tatsächlich erkenne ich sonniges Regenwetter, nicht das eine, nicht das andere, sondern beides, da draußen, worauf ich das Fenster aufreiße und mich ohne zu zögern ins Wetter werfe, um ein wenig hinauszuschwimmen. Die Gunst der Stunde, so denke ich, muss genutzt werden – die Mythen lügen schließlich nicht – ganz gleich, an welche Strände es mich nun wirft. Ja, so muss ich wohl gedacht haben, während ich bereits von der Hoftanne von einem Ast zum anderen sanft zu Boden gebracht werde. Wie hingepurzelt liege ich auf den Pflastersteinen. Mmh, denke ich, doch bevor ich mich überhaupt auch nur rühren, geschweige denn aufstehen kann, fährt mir plötzlich ein Kind mit seinem Bobby-Car voll in den Bauch. Aua, sage ich. Das Kind lacht. Ich stehe schnell auf und blicke auf das Kind hinunter und zu meiner Wohnung im vierten Stock hinauf. Weißt du, sage ich zu dem Kind, ich habe das dritte Wetter ausnutzen wollen, um ein wenig hinauszuschwimmen, aber nun kann ich mich an das Schwimmen gar nicht mehr erinnern. Stattdessen erinnere ich mich nur daran, der Tanne den Buckel hinuntergerutscht zu sein. Da lacht das Kind, wird dann aber ernst und sagt, das dritte Wetter reicht nicht, es muss auch noch der Vollmond scheinen und die Fledermäuse müssen fliegen, und du kannst von Glück sagen, dass die alte Tanne dich aufgefangen hat. Nicht wahr, alte Tanne, sagt das Kind, dreht sich dann aber mitsamt seinem Bobby-Car so schnell um und pest derartig fix davon, dass ich nichts mehr erwidern kann und allein im Hof stehe mit meinem Satz über altkluge Kinder, die der Teufel holen soll. Ich sehe mich um, die Tanne steht still, als sei nichts gewesen, niemand zu sehen, während sich die Dunkelheit langsam über dem Hof ausbreitet und hier und da einen Stern sehen lässt. Keine Sonne, kein Regen, keine einzige Fledermaus. Nur der Mond, und der wirft mir, als gäbe es kein Morgen, sein Alabasterlicht ins Gesicht, und so sehen wir uns eine Weile bleich an, bis der alte Knabe schließlich über die Brandmauer gleitet und verschwunden ist. Ich aber klettere, bevor die beginnende Morgendämmerung uns alle ereilt, flugs die Hauswand hoch in meine Wohnung. Vor allen Fenstern, das sehe ich sofort, ist das Wetter genau gleich, so als wäre es nie und niemals anders gewesen und als müsse es immer so sein, der Sonne, dem Mond, den Sternen und auch all den Fledermäusen zum Trotz. Regen wäre schön.

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Mit Weniger Weniger machen

Über 800 Blog-Einträge in meinen Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! bis dato, viele davon in einem bestimmten Stil, einem bestimmten Sound, von eigen-artiger Machart. Wie viele ich bei einer Blindverkostung als meine eigenen erkennen würde, sei aber mal dahingestellt. Mit der Veröffentlichung von Die Hoffnung stirbt immer am schönsten (Aisthesis Verlag, Bielefeld 2022) ist immerhin ein reeler und haptischer Beleg dieser langjährigen Arbeit der Welt vorgelegt worden, und wer möchte, kann ja zusätzlich nach wie vor im Netz in meinem Blog schmökern wie er und sie will und all das Viele entdecken, was nicht im Buche steht. Mir aber schwebt seit einer Weile vage etwas Anderes vor, etwas Neues, wobei der Begriff Schweben die Sachlage recht gut beschreibt, denn zwar bin ich mir sicher, dass ich nach wie vor mit Worten, dem Wort, arbeiten will, aber das ist dann auch schon alles. Von was ich mich leiten lassen soll und werde – ich weiß es nicht. Üppig, umfangreich oder weitschweifig soll es aber nicht werden, denke ich, denn von allzuviel Gequatsche und Gelaber und Podcasting ist die Welt ja nun wirklich übervoll. Mit Weniger Weniger machen, das wäre es!

Und wenn das hier Angesprochene, was durchaus möglich ist, nichts, aber auch gar nichts werden und keinerlei Ergebnis zeitigen sollte – ja dann betrachten Sie diesen Text hier doch bitte als voll und ganz gegenstandslos und absolut nicht der Rede wert.

Norbert W. Schlinkert – Poesie (1996 / 2024)

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Kopfsachen, Wundränder und Tagebuchartiges

Mein fortlaufend weitergeführter Text Wundrand oder: Eine Kopfsache muss die Leser wohl in einige Verwirrung stoßen, denn glaubten da manche, man könne aus einem tagebuchartigen Text immer Schlüsse ziehen oder etwas lernen über den Verfasser, so haben diese sich in diesem Falle getäuscht und täuschen sich noch immer. Ein gewisser Frisch hatte, fällt mir grad ein, einmal die Idee, die Öffentlichkeit als Partner für derartige Texte aufzurufen, worauf er sich, so sagen manche, vom Erlös dieser Idee einen Jaguar kaufte, er also fortan mit einem Auto in der Öffentlichkeit herumfuhr, das von eben dieser bezahlt worden war. Chapeau, mein lieber Max! Muss man erstmal hinbekommen. Mein Text hingegen sucht keine Partner, wird keine Fahrzeuge bezahlen und bleibt fortlaufend, ich möchte fast sagen: schrundig, bleibt zudem unverkäuflich, lässt Homogenität vermissen und sich letztlich nicht einmal dem Tagebuchartigen, schließlich fehlen Orts- und Datumsanzeigen, hinzurechnen. Er kommt aus dem Nichts und wird wieder im Nichts vergehen. C’est la vie.

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