Stichproben ins Ungewisse – Ute Zscharnt mit Norbert W. Schlinkert (Ausstellung 3.–5. Juli 2026))

 

Ute Zscharnt: Stichproben ins Ungewisse #03

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Kleine Gedanken zum Lesen

Was wäre das Leben eines Schriftstellers ohne das Lesen. Ohne das Hinzufügen des Eigenen beim Lesevorgang, ohne das Inmittensein im fremden Text, ohne das Sich-zu-eigen-Machen der Texte anderer Schriftsteller, so unterschiedlich sie sind. Zurzeit lese ich Vilhelms Zimmer von Tove Ditlevsen und Leben der kleinen Toten von Pierre Michon, sehr unterschiedliche Texte, die aber thematisch dennoch zusammengehen, indem beide tatsächlich das „Kleine“ des menschlichen Lebens in den Blick nehmen, ohne die großen Bögen eines groß gedachten Weltgeschehens. Im zuvor gelesenen Roman Die Weiber am Brunnen von Knut Hamsun war alles Geschehen, wie in allen Texten Hamsuns, ebenso angelegt, beim Menschen selbst in all seiner Verlorenheit, seinem Streben, seiner „kleinen“ Einzigartigkeit. Die Großtuenden werden vom Leben zurechtgestutzt, wie man so sagt, nie ist jemand glücklich in all diesen Texten, nicht auf Dauer, nur für Momente, die gebrochen werden durch die eigenen Mittel des Menschen, Zweifel Angst, die allenfalls ein Fundament bilden für neue, spätere Momente des Sich-glücklich-Fühlens, was immerhin eine Art Daseinsvorsorge ist, ein Wechsel auf die eigene Zukunft. Und so funktioniert auch das Lesen, nämlich als Variation des eigenen Lebens, als ein lustvolles Durchspielen und Durchleiden und Genießen. That’s it, nicht mehr und nicht weniger.

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Nebensächliche Nebennotiz

Die autobiographisch angelegte Literatur boomt, jeder will alles sagen, jeder alles wissen. Autoren, die Geschichten ohne Bezug zu sich selbst und ohne Bezug zu ihrer Familie erzählen, haben es schwer. Gleichwohl kommt es immer ausschließlich auf die Qualität eines Textes an, unabhängig von Inhalt und Machart, der dann selbstverständlich insofern erzählenswert ist, wie er den Nerv trifft, ergo eine Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen kann. Jede menschliche Erfahrung findet ihren Widerhall in anderen Menschen, wenn auch inhaltlich niemals vollständig, jedoch bestenfalls in hohem Maße. Nur die phantastische Literatur ist geeignet, diesen menschlichen Bannkreis zu durch- und in gleichsam fremde Welten aufzubrechen, man denke nur an Wolpertinger oder Das Blau von Alban Nikolai Herbst. Ich selbst arbeite als Schriftsteller durchaus nicht in diesem Bereich, ich treibe meine Phantasie nicht über Grenzen hinaus, obgleich es manchen Lesern so erscheinen mag, man denke an Kein Mensch scheint ertrunken oder Tauge/Nichts, doch das täuscht. Nichts an meinen Texten ist phantastisch, alles ist selbsterlebt, nämlich im Großen und Ganzen in meiner Wirklichkeit und komprimiert und zugleich gesteigert im Schreibprozess. Wenn der Text seinen Inhalt überlebt, indem er sich an ihm buchstäblich aufrichtet, so hat er seine Berechtigung. Überlebt er es nicht, so ist er eine dumme Leiche und gehört vernichtet. Es kommt vor, dass ich meine Archivboxen aus dem Schrank nehme, um sie nach Textleichen zu durchsuchen. Nur die ausgedruckten Texte meiner Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! bleiben davon, da ja schließlich schon veröffentlicht, verschont, und es ist eben dieses Bedürfnis nach Vernichtung von schlechten Texten, das mich davon abhält, Teile meines Archivs als Vorlass in ein Archiv zu geben. (Wobei, so wurde mir mitgeteilt, dies so einfach nicht wäre, da das infrage kommende Archiv eher Vorlässe von Schriftstellerinnen annimmt, der Pari-Pari-Gerechtigkeit halber.) Insofern habe ich alle Zeit der Welt, weiter ins Risiko zu gehen, schlechte Texte zu produzieren, ohne dass diese dann zwingend der Nachwelt übergehäuft werden. Skrupellose Autoren wie beispielsweise Peter Handke haben hingegen ganz offensichtlich keine Bedenken, schlechte Texte und schlechtes Material in den Rachen der Archive zu werfen, und auch ich würde das wahrscheinlich tun, wenn man mir dafür buchstäblich ein Vermögen bezahlen würde. So charakterlos muss man schon sein, geschenkt wird einem schließlich nix. Da aber nun das genaue Gegenteil der Fall ist, man will es nicht und bezahlt es nicht, bin ich frei in allem, was ich literarisch tue. Ich kann essayistische Texte mit autobiographischen Elementen bereichern, die Textarten mischen, muss keinerlei Erwartungshaltung erfüllen, niemanden unterhalten, kein Füllmaterial in Geschichten einspeisen, um daraus einen Roman zu machen, und was der Vorteile mehr sind. Das Risiko am Text und im Text zu scheitern ist indes seit jeher groß, doch genau das ist für mich auf jeden Fall besser, als routiniert und der eigenen Norm folgend immer wieder Texte zu liefern. Nicht etwa das letzteres etwas Falsches oder per se schlechte Kunst ist, nur ist es eben nichts für mich, denn es würde mich langweilen und allenfalls zu mittelmäßigen, ergo überflüssigen Ergebnissen führen, für die kein Mensch gelobt werden will, oder jedenfalls ich nicht. Warum das alles aber so ist, frage ich mich seit meiner Jugendzeit, und die einfache Antwort liegt wohl in dem Umstand, mich an Lob für mein Tun ohnehin nie gewöhnt zu haben, weil es Lob für mein Tun sehr lange milieubedingt nicht gegeben hat. Da konnte ich machen, was ich wollte, es wurde geschwiegen oder geschimpft. Inzwischen aber fällt es mir immerhin (im letzten Moment) meist ein, Danke zu sagen, wenn es denn mal geschieht, dass da was gefällt. So, und nun Ende der nebensächlichen Nebennotiz, bevor es an diesem Ende noch langweilig wird.

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Be–Sein und so weiter: Die Lücke als Gedankenstrich, der Gedankenstrich als Lücke: Hauptsache–Sein

Das Besein an sich sagt noch nicht viel aus über was auch immer,  selbst wenn das Sein Alles ist. Es fehlt etwas in der Lücke, um aus dem Besein ein Bestimmtsein zu machen. Jörg Herold füllte diese Lücke mit Wurst, das war 1987 (Leipzig, Galerie EIGEN+ART), indem er eine Wurstmaschine in den Raum installierte und auch noch einen Film drehte. Eine Lücke ist, erst einmal gesehen und erkannt, immer zu füllen, und zwar mit Worten, die im besten Falle mit einem t enden, denn so ist für alle gesorgt, die es knallig haben wollen, Beklopptsein, Bescheuertsein, wenngleich auch Fließendes sinnreich einzufügen ist, Beflissensein, Besonnensein, Besoffensein, wobei gleich hier ein weiteres Sein aufzumachen ist, denn Manches, aber nicht Jedes passt auch wunderbar ins Versein, Verklopptsein, Versonnensein, Versoffensein, und was der Verseine mehr sind. Bleibt nur das Sein immer an seinem Platz, ist der Füllerei, das machen bereits diese wenigen Beispiele deutlich, kein Ende, allein das Sonnen ist schnell mal ein Gesonnensein, ein Zustand entpuppt sich als Zerklopptsein, als Zerfressensein, ja mitunter als ein Verkommensein, ganz zu schweigen vom Veräppeltsein, Verkohltsein, Verarschtsein und Verhohnepiepeltsein. Hauptsache Sein.

Seminarkritzelei I, Norbert W. Schlinkert

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Von Höcksken auf Stöcksken zu kommen und zugleich über Qualität nachzudenken, bedeutet beides zugleich zu tun

Zugegeben: kann ich nicht! Nämlich eine einmal als erfolgreich erkannte Machart immer wieder anwenden. Was in Handwerk, Handel, Gewerbe und in der Unterhaltung einer der Schlüssel zum Erfolg ist, ist mir in meiner Kunst eine Unmöglichkeit. Zu meinem Glück bin ich auch einfach zu faul und verfalle auch viel zu leicht in Langeweile, wenn ich auf welche Weise auch immer seriell arbeite. Aber das ist allein mein Bier und ich bewundere es durchaus in aller Ernsthaftigkeit, wenn etwa ein Schriftsteller beständig auf hohem Niveau Texte liefert, die ein Publikum finden. Manche Band hingegen, die (jahrzehntelang) Kinderpunk spielt oder Rockmusik in Schlagerästhetik, finde ich wegen der schlechten, auf Erfolgsmasche getrimmten Machart unhörbar, abgesehen von ein, zwei Ausreißertiteln, die auf ein eigentlich vorhandenes Potential hinzudeuten scheinen. Dabei ist es ja eben nicht falsch, mit künstlerischer Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn man dies denn will und kann, nur die Qualität muss stimmen, handwerklich wie letztlich auch inhaltlich. Ein musikalisch perfekter Song mit menschenverachtendem Inhalt hat in jedem Fall insgesamt keinerlei Qualität, und träte etwa die rassistische und antisemitische Lebenseinstellung eines Louis-Ferdinand Céline in seinen literarischen Werken in irgendeiner Form zutage, und sei es zwischen den Zeilen, so verlören diese Texte nicht nur ihre Strahlkraft, sondern ihre gesamte literarische Qualität. Bei Céline ist keine Masche, keine Methode zu finden, keine Anbiederung an ein Publikum oder die strikte Anwendung einer auf Erfolg ausgerichteten Strategie. Auch einem Gerhard Richter, mit dessen Werk ich nicht viel anfangen kann, ist es (gleichsam trotz seines immensen Erfolgs auf dem Kunstmarkt) über die Jahrzehnte immer wieder gelungen, Inhalt und Form auf höchstem Niveau neu zu bestimmen. Ein Anselm Kiefer, dem ja aus Teilen der Kunstwelt mitunter ein tiefes Misstrauen entgegenschlägt, vermag dieses Niveau hingegen nicht mehr zu halten, mit seinen neuen Bildern („Die Alchemistinnen“, Palazzo Reale in Mailand, 2026) kopiert er offensichtlich sich selbst und stößt mit seinen figürlichen Darstellungen an seine Grenzen, die nicht zu ignorieren ihm zuvor immer gelungen war. Aber natürlich traut sich aus betrieblichen Gründen kein Mensch zu sagen, dass der König nackt ist, zu sagen, dass hier eine Erwartungshaltung bedient wird. Aber selbst Knut Hamsun hat ja einen schlechten, völlig uninspirierten Roman geschrieben, was allerdings bereits mit dem ersten Satz klar ist, aber das ändert nichts an der Qualität der anderen Werke, und so soll es sein. Auch ein Günter Grass konnte ja mit seinen späteren Machwerken die Danziger Trilogie nicht wirklich beschädigen, was selbst ich unumwunden zugebe. Allerdings ist es künstlerisch immer besser, immer besser zu werden, auch wenn es zugleich einen Nachteil bedeutet, denn jünger wird man dabei nicht. Sowohl der Kulturbetrieb als auch der Kulturmarkt wollen schließlich immer nur junges Fleisch, sich größtmöglichst zu begeistern, so dass alte Böcke und Böckinnen zwingend auch mal öffentlich jung gewesen sein müssen. So sieht’s aus, so wird’s bleiben, da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Und Schluss.

Seminarkritzelei V, Norbert W. Schlinkert, 2000

 

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In mir ein Fluss

Der Literatur-Nobelpreisträger Jon Fosse schreibt viele seiner Texte zunächst mit dem Füllfederhalter, so las ich. Tue ich auch, phasenweise. In meinen Archivboxen sind einige Texte, die es nur handschriftlich gibt, ohne Recherche oder vorherige Idee in einem Fluss dahingeschrieben, nie überarbeitet, nie wieder gelesen. Heute schrieb ich folgendes in ein Schreibheft (Heft IV):

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Mit dem Aufschrauben des Füllfederhalters, Kaweco BRASS Sport in Messing, öffnet sich zugleich die Kreativabteilung meines Gehirns, lustvoll und schreibtoll fließt es mir in die Finger. Ist das so? Behaupten immerhin lässt es sich, also kann es nicht ganz falsch sein. Dasselbe passiert aber auch beim Öffnen eines Word-Dokuments, wenn die Umstände stimmen. Stimmen sie aber nicht, hier wie da, ist das Löschen am Rechner leicht und rückstandslos, während das Vernichten des Handschriftlichen brutal ist und sich wie eine Niederlage anfühlt, eine Versagen. Hatte ich etwa nichts zu sagen, zu erzählen? Natürlich nicht, denn das Erzählen übernehme ja nicht ich, sondern ein Fluss in mir. Es heißt ja schließlich auch Erzählfluss. Das also wäre geklärt: in mir ein Fluss.

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Norbert W. Schlinkert. Erzählfluss

 

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Es werde Werk oder: 100 % Handwerk und ein Hauch von Was

Gestern, oder war es vorgestern, nein gestern, gestern war’s, gestern habe ich einen Text beendet. Die ältesten Teile des knapp 150 Seiten langen Werkes sind zehn Jahre alt. Das ist nicht weiter verwunderlich, solch eine zeitliche Spreizung entspricht meiner Arbeitsweise, denn ein Text muss wachsen und schwinden und wachsen und schwinden, pulsieren muss er und am Ende absolut ausgewachsen sein, nicht stur inhaltlich, sondern sowohl dies als auch in ästhetischer und gleichsam musikalischer Hinsicht, wie eine Symphonie. Zum Gelingen des besagten Textes hat zudem wesentlich beigetragen, dass ich Teile davon handschriftlich schrieb, wenn auch die finale Bearbeitung immer am Rechner stattfindet, und dies dann so lange, bis der Text perfekt ist. Mittelmäßige, nicht zur Perfektion getriebene Texte mögen da draußen in der Literaturszene- und branche preiswürdig sein und Umsatz und Gewinn generieren, Rücksicht auf das zahlende Publikum zahlt sich nicht selten aus, doch solche Texte kann nunmal jeder Angelernte schreiben. Schließlich, so ein Ferdinand von Schirach, der ja das Glück hat, aus einer literaturstoffreichen Hardcore-Nazifamilie zu stammen, bestehe das literarische Schreiben zu 90 % aus Handwerk, das man sich also durchaus beibringen lassen kann – statt es, füge ich mal en passant hinzu, sich selbst beizubringen, weil man es kann. Sicher, die Zeiten, in denen Oberschichtskinder sich von ihrer Familie vollkommen lösten, lösen mussten, um Kunst zu betreiben, sind vorbei. Heutigentags studiert man irgendwas Gängiges, BWL oder Jura, um sich dann mit Erfolg dem Schreibhandwerk hinzugeben. Meinen Segen haben die Leute, keine Frage, und gegen handwerklich gut Gemachtes habe ich nichts, aber auch gar nichts einzuwenden, wenngleich ich darauf bestehen muss, dass das literarische Schreiben zu 100 % aus Handwerk besteht, während alles andere weder bezifferbar ist noch sonst irgendwie greifbar, weswegen ja schließlich das eine durchaus offensichtlich gelehrt werden kann und das andere eben nicht. Die Antwort auf alle Fragen gibt ohnehin nur der Text, ob es sich nun um einen Zweizeiler handeln mag oder einen dickleibigen Roman, man also getrost alles beiseite lassen kann, könnte, was nicht im Text ist. Wenn aber nun besagter Ferdinand von Schirach, gegen den ich ja gar nichts habe, da soll mir mal kein falscher Eindruck entstehen, mittels einer Agentur für eine Lesung (laut eines Berichtes auf tageschau.de) 25.000 bis 50.000 Euro verlangt, also das doppelte bis vierfache meines Brotjobbruttojahreseinkommens, dann liegt ihm solch Tun sicher einerseits einfach im Blut, Erfolg ist eben sexy und macht sexy, während er andererseits aber auch der Sache der Literatur durchaus nicht schadet, denn solch Beträge beziffern ziemlich genau, was Literatur wert sein sollte, allein schon bezüglich eines adäquaten Stundenlohnes für uns Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Schon James Joyce verlangte seinerzeit von Großbritannien (vor der teilweisen Befreiung Irlands) ein Gehalt für sich als Schriftsteller, ohne Erfolg, was aber nicht heißen soll, dass solch ein Herstellen gemeinnütziger Texte nicht tatsächlich vom Gemeinwesen bezahlt werden sollte, zumindest dann, wenn der „Markt“ dies nicht zu leisten vermag. Bis es soweit ist, müssen wir aber natürlich kriegen, was wir bekommen können, beziehungsweise bekommen, was wir kriegen können, müssen Brot zu kaufen Brotjobs verrichten oder uns durchzuschlagen durchschlagen, und das alles ja nur, um nicht Messbares mittels unserer handwerklichen Befähigungen in unseren Texten unterzubringen, es in sie einzuschreiben, einzuflechten, ja in sie einzuhauchen, auf dass der dann entstandene Text lebendig und flügge in die Welt hinaus drängt, diese mit sich und aus sich zu bereichern. Ja, zu bereichern! [So. Und Schluss]

Norbert W. Schlinkert: Ohne Titel, ohne Jahr, kein Brot

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Vergessene Texte III: Wiederaufgefundene Anfänge von (na von) Was (wohl) oder: Zur Hälfte frei erfunden, zur anderen imaginiert (2019)

Das Ende habe ich mir immer ganz anders vorgestellt. Als Katastrophe mit Feuer und Wasser, mit Brünsten, Überschwemmungen, auch Erdrutschen und Lawinen. Ende Oktober aber, wenn die Kraniche und die Wildgänse ihre Formationen üben, in aller Ernsthaftigkeit, und abends in der Dämmerung viele tausend Tiere ostwärts fliegen zu ihren Schlafplätzen und ich staunend und plötzlich ganz glücklich auf dem Feld stehe, erkenne ich, begreife ich, dass nicht die Welt wird untergehen müssen, sondern nur diese seltsame Spezies, der ich selbst angehöre. Also keine Panik! Menschen, die Panik verbreiten, sind lächerlich, man kann Panik haben, das ja, aber warum zum Teufel sie auch noch verbreiten! Allerdings: Wer Panik verbreitet, ohne dass am Ende das prophezeite Ende steht, kann sich als Retter aufspielen, ohne mehr getan zu haben, als Panik zu verbreiten. Darüber denke ich in aller Ruhe nach. Den ganzen Tag über haben wir die Gänse rufen hören aus Richtung der Bundesstraße. Es ist ruhig hier, mitten in der Prignitz. Manchmal, wenn der Wind falsch steht, die Windräder mit diesem in den Körper eindringenden Wrummen, eine Vergewaltigung durch Lärm. Der Wind steht falsch, so sagt man dazu, wenn auch natürlich nicht der Wind, sondern der Windsack steht, nämlich quer in der Luft, oder ja auch nicht eigentlich steht, sondern liegt. Heute aber sind nur die Gänse zu hören, bleiben aber unsichtbar, wie auch die Kraniche. Der Bach träge in einer tiefen Rinne zwischen dem an den Hof anschließenden Feld, jetzt brach, und den dahinterliegenden Feuchtwiesen. Man käme nicht weit, es sei denn, man stakste durch das Wasser. Ich setze mich in den umgebauten Imkerwagen auf die Matratze, es ist warm, der Ofen bollert vor sich hin. Mag gut sein, schreibe ich auf, dass es die Erfindung der Schrift war, die das Ende der Menschheit einleitete, vorankündigte, denn die Sprache hat doch ganz und gar harmlos wie jede Verständigung unter den Geschöpfen zuvor schon bestanden und keine Notwendigkeit war gewesen, sie einzugraben in die Materie, in Holz oder Stein, sie hineinzulegen in Pergament oder Papier. Eitelkeit und Misstrauen sind die Eltern der Schrift. Und wie sehr muss es, denke ich, vor Zeiten schreib- und leseunkundige Menschen erstaunt haben, wenn ein hoher Herr oder eine hohe Dame ein Inschrift vorlas. Verblüfft haben. Ein Bluff. Ein die Macht des einen über den anderen manifestierende Sache. Erbaut im Jahre des Herrn … hiermit verfüge ich, vor Gott, für alle Zeit.

Ich aber bleibe optimistisch, lege meinen Rechner zur Seite, trete aus dem Imkerwagen und sehe die aus dem Abendrot über dem nahen Wald aufsteigenden Kraniche, laut rufend, die in geringer Höhe gen Osten fliegen. Dann Wildgänse, eine Formation nach der anderen, in größerer Höhe. Kurz darauf vier, fünf Gänse, die eilig zurückfliegen. Sicher haben sie etwas vergessen, das passiert auch der besten Gans einmal. Bald darauf übernimmt die Milchstraße die Szenerie und lehrt uns wie nebenbei, wie nahe das Kleine am Nichts rührt und das Große an der Unendlichkeit.

Eine Meise und ein Sperling streiten sich in aller Herrgottsfrühe um die an der Robinie in einem Drahtbehältnis aufgehängten Meisenknödel. Der Sperling scheint die Oberhand zu gewinnen, aber dann picken beide zugleich an der üppigen Mahlzeit. Ein Plasteeimer voll Meisenknödel aus dem Baumarkt für Fünf Euro Fünfundneunzig, wir werden uns einen Vorrat anschaffen müssen für das Frühjahr, denn im Frühjahr und Sommer wird es diese Knödel in den Eimern nicht zu kaufen geben, obwohl die Vögel doch brüten werden wie jedes Jahr und eher noch als im Winter gefüttert werden sollten, denn was wäre die menschliche Welt ohne die Vögel, nichts wäre sie. Als ich hinaustrete rauschen die Wildgänse über mich hinweg, aberhunderte einzelner Individuen in noch unausgereifter Formation. Kurz darauf ist es bereits wieder dunkel, und als ich Stunden später des Nachts aufstehe und hinausgehe, erstreckt sich über mir die Milchstraße mit ihren Milliarden von Sternen, alles Sonnen, so ist zu vermuten, wie unsere Sonne, und so verlässt mich auch der letzte Rest an menschlicher Panik.         

Ich setze mich mit meinem Hintern auf mein vergangenes Leben. Das tut gut. Stellen Sie sich vor, so wird gesagt, dieser Stuhl ist Ihre Vergangenheit. Dann heißt es für knapp sechzig Minuten, mal nicht die Klappe zu halten oder nur zu reden wie alle anderen es tun, in Redewendungen und Stereotypen. Allerdings: Wenn ich aufstehe von diesem Stuhl, die Beine durchdrücke und mich erhebe, überkriecht es mich wieder, mein altes Leben. Überglupscht mich von unten bis oben. Aber das sage ich nicht, die Stunde ist vorüber und Überglupschen ist kein Fachbegriff. Ich reiche der Frau Doktor die Hand, die sie nimmt, als sei es die ihre, sie kurz und kräftig schüttelt und dann aber doch plötzlich fallen lässt, so dass sie mir auf den Oberschenkel klatscht. Auf dem Gang blendet mich der helle Kachelboden, schon als ich auf die Türe zugehe, die Frau Doktor im Rücken, sehe ich den hellen Lichtstreifen und weiß, die Sonne prallt schräg herein durch die Lücke zwischen Haus 3 und Haus 4, das war auch letzte Woche schon so, davor aber noch nie. Auf den Fensterscheiben sind die Wendungen als Streifen zu erkennen, die der Fensterputzer hinterlassen hat, und wenn man genau hinsieht, dann sieht man die Luft über den Heizkörpern ein wenig wabern. Der Anbau aus den Fünfzigern ist noch unsaniert, die Heizkörpern glühen, aber es bleibt kühl auf dem Gang. Von außen betrachtet ist der Anbau eine Art einstöckiger Seitenflügel, lehmverputzt und noch nicht mit Plaste und Plastefarbe verdorben und versaut. Hinter der Pendeltür trockene, warme Luft und links und rechts an den Wänden tote Menschen auf Stühlen, alte Männer und Frauen mit auch nicht mehr ganz jungen Töchtern und Söhnen, alle warten auf den Aufruf, Frau Krause, Kabine 3, ich aber stolziere zwischen ihnen hindurch zum Ausgang hin, ich, denke ich, ich bin nicht krank und alt und grau wie ihr, ich bin nur verrückt und gehe meiner Wege. Nächste Woche gleiche Stelle, gleiche Welle, jeden Mittwoch von 12 bis 13 Uhr, Guten Tag, Frau Doktor, Auf Wiedersehen, Frau Doktor. In Wirklichkeit sage ich nie Frau Doktor, ich sage nur Guten Tag.

Um einmal ganz tief in die Trickkiste zu greifen, bedarf es keiner besonderen Motivation. Rücksichten zu nehmen ist mir aber keineswegs fremd. Gestern zum Beispiel dachte ich daran, wie sehr es meinen ohnehin durch meine Lebensentscheidungen gekränkten Vater gekränkt hätte zu wissen, dass ich nicht über den Tag hinaus zu planen bereit bin. Nach wie vor nicht. Wo bliebe denn da das Abenteuer des Seins, wenn ich jetzt bereits zu wissen glaubte, zu wissen vorgäbe, wie ich mir mein Leben etwa zu finanzieren hätte in, sagen wir mal, zehn Jahren. Das hat nichts mit Leichtsinn zu tun. Als mein Vater vor einigen Jahren starb und die Asche an einem heißen Spätsommertag in die Erde kam in dieser Urne, die wir ausgesucht hatten in der ehemaligen Sparkasse, die jetzt ein Begräbnis- oder Beerdigungshaus ist, ein Bau aus den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, war mir als sicher Einzigem der Trauergemeinde bewusst, dass hier ein lebenslanges Gekränktsein zu Asche verbrannt worden war. Aber ich will hier nicht referieren über mein Leben, das niemanden etwas angeht, letztlich, auch wenn es eine schöne Beerdigung war im an diesem Tage noch immer drückend heißen Ruhrtal. Die Suppe läuft einem am Arsch runter, so hätte es mein Vater gesagt. Wie denn nur konnte, durfte es so dermaßen heiß noch sein, so spät noch im Jahr! In der Kapelle fragte ich meine Mutter, ob ich das Jackett ausziehen dürfe, ein teures Teil, billig erstanden, während die Pastorin, ich nenne sie Pastorin, obwohl es bei den Katholiken keine gibt, ihre Ansprache leise begann, da soll doch die Kirche, dachte ich, froh sein, wenn sie statt der depressiven alten Männer junge Frauen bekommt, die nicht ihren Text einfach mal so runterleiern bei einer solchen Begräbniszeremonie, sondern wirklich sprechen. Seltsam aber die Urne. Statt eines Sargs. Nicht etwa, dass der einbalsamierte und aufgebahrte Tote noch etwas mit dem Menschen gemein gehabt hätte, der er gewesen ist. Wer leblose Materie sehen möchte, betrachte nicht Steine, sondern Leichname.

Die Hände meines Vaters waren immer schon das sichtbare Zeichen seiner kühlen Haltung den Menschen gegenüber. Undenkbar, eine Fotografie zu entdecken, aus den 50ern, den 60ern, den 70ern, auf der er Arm in Arm zu sehen ist, die Hand auf der Schulter, dem Oberarm eines Mitschülers, einer guten Freundin oder seiner Frau, meiner Mutter. Kein Fotograf der Welt konnte so ein Foto aufnehmen. Jemanden aber statt in den Arm auf den Arm zu nehmen, über andere zu lachen, das war möglich, eine oft praktizierte Übung. Tröstend oder lobend den kleinen Kerl mal zu packen, war nicht drin, herzliche Anwandlungen ein Ding der Unmöglichkeit. Eine kalte Distanz war das Maß aller Dinge, da half auch der Katholizismus nicht.

Ich war als Kind umgeben von herzensguten und herzensschlechten Menschen, denen allen ich leidlich gleichgültig war im damals gültigen Sinne, dem der grauen 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Diese Gleichgültigkeit fiel ab, stieß man einen Wischeimer um, störte man den großväterlichen Mittagsschlaf, und was der Verfehlungen mehr sind, während die selbe Gleichgültigkeit eine Freiheit bedeutete, zu allen Tageszeiten, die nicht den Mahlzeiten gewidmet waren, tun und lassen zu können, was man wollte. Eine diktatorische Komplettüberwachung der Kinder hatte kaum jemand im Sinn, von den herzensschlechten Menschen einmal abgesehen.

Das Schreiben gesunder Literatur bedarf eines ungesunden Geistes. Das Gegenteil ist ebenso richtig. Aber was ist schon gesunde Literatur oder ungesunde, was ist Geist? Die Straße, in der ich seit über zwanzig Jahren wohne, hat etwas Schmuddeliges behalten. Das ist nicht überall in Berlin so, nicht wenige Orte der Stadt sind neutralisiert, sterilisiert, kastriert worden und schmecken nach Düsseldorf, München oder Mailand. Schreib doch mal darüber, sagt man mir. Ja, sage ich, aber ein Satz reicht. Mehr lohnt nicht, wer Augen hat, der sehe. Und sieht. Aber eine Lügengeschichte will ich demnächst gerne mal auftischen. Ich selbst bin sehr gespannt, denn ich schreibe schließlich auch über mich, aber nicht referierend, wie das nun mal Mode ist seit einer Weile, sondern so, als gäbe es mich nicht, als kennte ich mich nicht und auch sonst niemand. Alles neu. Alles auf Null, dem Schein nach. Alles, was ich jetzt noch weiß ist der Nebel und die Nacht. Nichts macht eine Nacht undurchsichtiger als Nebel. Zugleich aber auch hell, perlweinweiß und zugleich dreckig fehlfarben, wie ein Brautkleid hängen die Lichtfetzen an den Straßenlaternen. Oder wie alte Gardinen. Es riecht nach Braunkohle, denke ich. Brautkleid ist falsch, Kleid reicht. Oder: Unterkleid.

Eine glatte Oberfläche kann sehr schön sein, so etwa Abdrücke von heißen Tee- und Kaffeetassen tunlichst zu vermeiden sind. Auch schlafen kann schön sein. Daran ist nichts Spießiges, weder an dem einen noch an dem anderen. In Folge dieser Erkenntnis gehe ich in Gedanken durch die Straßen meines Berliner Kiezes. Jahrelang hat man hier daran gearbeitet, die letzten aus dem Weltkrieg stammenden Einschusslöcher in den Backsteinwänden wegzuretuschieren. Man schlage alle Spießer zu Brei oder zerhacke sie kunstvoll und treibe zuletzt eine Horde Hausschweine durch die Straßen. Ich mag Schweine und finde es nur gerecht, wenn auch sie einmal ein Festmahl haben. Ist doch wahr!

Statt der Frau Doktor kümmert sich nun eine Nachwuchskraft um mich. Warum das so ist, erfahre ich nicht, aber bereits in der ersten Sitzung mit der Neuen bedauere ich es, nicht mehr zu den gewaltigen Tränensäcken oder notfalls zu dem doppelten Doppelkinn sprechen zu können. Die Neue trägt eine aufgeschminkte Maske und ein graues Kostüm aus so einer Art Tweedstoff, für das sie viel zu jung ist. Gut möglich, dass die Frau Doktor es ihr geschenkt hat, ich habe da noch, meine Liebe, einige schöne Dinge im Kleiderschrank hängen, die nun wieder modern sind. So wird sie gesagt haben. Da konnte die Neue, die übrigens Dämer-Kottenhoff heißt, Frau Doktor Dämer-Kottenhoff, nicht Nein sagen. Dazu fleischfarbene Strumpfhosen und auberginefarbene Pumps mit flachem Absatz. Ich beschließe, der Frau nur Lügen zu erzählen, nichts als Lügen. Ich beginne damit, ihr zu berichten, wie außerordentlich gerührt ich gewesen sei gestern, sie schaut auf, mich an, aber den Grund, so fahre ich fort, könne ich nicht preisgeben, der sei privat, ja intim, was ich ihr aber sagen müsse sei, dass ich unten im hinteren Raum gesessen habe beim Frühstück, als ich so derart gerührt gewesen war, und grad wollte ich eben dies sagen, gestern, wie sehr gerührt, den Tränen nah, doch da nämlich fiel, sage ich, mein Blick in der selben Sekunde auf die Packung Frischkäse, die ich mir vom Buffet gemopst hatte, Exquisa, und da stünde doch auf der Packung tatsächlich Besonders CREMIG GERÜHRT, und ob sie’s glauben oder nicht, Frau Dämer-Kottenhoff, da musste ich urplötzlich richtiggehend weinen, und lachen natürlich, CREMIG GERÜHRT, wo ich mir doch grad habe eingestehen müssen, wie sehr ich gerührt war, weil doch die Annegret mir Blümchen aus dem Garten geschenkt hat, ach, jetzt habe ich es doch verraten, aber Tatsache ist, so ein Frischkäse mag cremig gerührt sein können, aber ein Mensch, Frau Dämer-Kottenhoff, der doch nicht, und die Annegret hat’s dann wahrscheinlich irgendwie falsch verstanden, dass ich so habe lachen müssen, weggelaufen ist sie, während ich mich geradezu ausschüttete, lachend und weinend zugleich. Die Dämer-Kottenhoff macht sich Notizen. Das wäre der echten Frau Doktor nicht eingefallen, nie.

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Ich will ein Kinderbuch schreiben. Es heißt:

Der Herr Professor Pumpernickel und die Frau Professorin Knäckebrot

Es beginnt folgendermaßen:

Herr Professor Pumpernickel saugt zärtlich an seiner Pfeife, die wie durch Zauberhand immer mit wohlriechendem Tabak gestopft ist. Über ihm blinkt das Rauchen-verboten-Schild, dessen Sensoren jede Art Tabaksrauch sicher zu erkennen vermochten, ganz und gar hilflos seine Botschaft in die Welt. Professor Pumpernickel tut grundsätzlich, was er tun zu müssen glaubt. Jetzt bläst er Rauchringe in die Luft und ärgert sich, dass der kleinere der beiden partout nicht durch den größeren hindurch will. „Verdammte Impertinenz“, murmelt er und vernichtet beide Ringe mit einer ungefügten Wolke Rauchs, nimmt einen Schluck Whisky und schüttelt sich kurz. Auch sein Publikum, das an diesem Abend im Kaffeehaus fünf Personen umfasst, schüttelt sich, ebenso kurz und auffallend synchron. Professor Pumpernickel ist ihr Held, der einzige Mensch, der noch tat, was er wollte. „Zumindest in diesem Teil der Welt“, sagt der Professor, „andernorts finden Sie, wollten Sie denn heutigentags überhaupt noch reisen wollen, die berühmte Frau Professorin Knäckebrot, die raucht Zigarre.“ Er klopft seine Pfeife an der eben erst frisch renovierten Kaffeehauswand aus und steckt sie in die Brusttasche seines Tweetjacketts, aus der sie bald schon wieder gestopft herausgezogen werden würde, wie alle Anwesenden sicher wussten. Man zwinkert sich wohlwissend zu.

Zur gleichen Zeit schmaucht Frau Professorin Knäckbrot schmatzend an ihrer Zigarre aus der Dominikanischen Republik, bläst Rauchringe in die Luft und ärgert sich, als der größere der beiden die untere Spitze des mächtigen Kronleuchters um Haaresbreite verfehlt, um stattdessen an den unzähligen Glastropfen ganz sinnlos zu vergehen. Der kleinere tut es ihm gleich. „Knapp vorbei ist auch daneben“, sagt sie mit ärgerlichem Ton und nickt langsam ihr Publikum ab, die alle fünf nacheinander ins Nicken einstimmen und alle zugleich wieder damit aufhören, als die Knäckebrot damit aufhört. „Auch die Rauchringe des Herrn Professor Pumpernickel“, fügt sie hinzu, „den sollten sie kennen, tun oft nicht, was sie sollen.“ Alle nicken wieder, während die Knäckebrot das knallrot angelaufene Rauchen-verboten-Schild an der Wand über ihr zärtlich mit dem Handrücken streichelt, bis es endlich grün ist. „Man muss nett zu den Dingen sein“, sagt sie, legt sie Zigarre in den Kristallglasaschenbecher, zieht eine neue aus der Brusttasche ihres Leinenjacketts und entzündet sie mit einem übergroßen Zündholz. Auch der nächste Rauchring geht fehl. Alle ärgern sich und stampfen mit den Füßen auf. Es ist, als ob überböse Soldaten in eine Stadt einmarschierten, sie stampfen und stampfen.

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Ich behaupte, einen Roman zu schreiben, einen Satz zu schreiben, bestehend aus unendlich vielen, dennoch notfalls zu zählenden Sätzen. Ich sage, mit jedem Tag, den man lebt, wird die Wahrscheinlichkeit zu sterben geringer, zugleich aber nähert man sich dem eigenen Tod zeitlich an bis zur Deckungsgleichheit. Das mag krude gedacht sein, aber ich sage es. Zu wem aber? Ein Roman lebt von seiner Komplexität, ich benötige mindestens ein Gegenüber, eine literarische Figur mit der Lebendigkeit einer real lebenden Figur. Aber was ist schon real, frage ich, ist nicht ein auch Roman real, ein Besen, unsere Galaxie und die Olivenseife aus Italien? Die Geburt einer literarischen Figur kann jedenfalls durchaus, der Lebendigkeit halber, etwas zu tun haben mit jenem blutigen und schleimigen Vorgang, durch den wir alle in die Welt gelangt sind. Nichts einfacher als eine solche Szene zu erschaffen, meinethalben auch mit dem hilflosen Vater auf seinem Stühlchen im Kreissaal, dem womöglich für alle Zeiten jeder Gedanke an Sex abhanden zu kommen droht, aber das hätte er sich eben früher überlegen müssen, der Dimpel, statt Sklave des Zeitgeistes zu sein. Meistens aber tritt eine literarische Figur einfach auf und behauptet sich. Sie ist unbeirrbar sie selbst. Jean Paul, jener große, im Goethewahn fast vergessene Schriftsteller, schrieb bereits Anfang des 19. Jahrhunderts im § 57 seiner Ästhetik der Vorschule ganz richtig folgendes: „Der Charakter selber muß lebendig vor euch in der begeisterten Stunde fest thronen, ihr müsset ihn hören, nicht bloß sehen; er muß euch – wie ja im Traume geschieht – eingeben, nicht ihr ihm, und das so sehr, daß ihr in der kalten Stunde vorher zwar ungefähr das Was, aber nicht das Wie voraussagen könntet. Ein Dichter, der überlegen muß, ob er einen Charakter in einem gegebenen Falle Ja oder Nein sagen zu lassen habe, werf’ ihn weg, es ist eine dumme Leiche.“

Von manchen Menschen, Autoren, Wissenschaftlern und so weiter, erfahre ich erst etwas, wenn es diese Nachrufe gibt in den Zeitungen. Dann wird die Herkunft hergesagt, der Krieg erwähnt, erste Erfolge und Förderer, Preise, Abstürze, Scheidungen, Kinder, Wohnorte, nach langer, nach kurzer Krankheit, niemand stirbt einfach so, es gibt nur die lange und die kurze Krankheit, manche rauchen sich einfach zu Tode, während sie mit aller Ernsthaftigkeit und Kunstfertigkeit Kunst produzieren, Pina Bausch, Frank Zappa, Jacques Brel, wenn ich mich recht erinnere, doch das sind allerdings Figuren, die mir vor ihrem Tod bereits bekannt waren, Christoph Schlingensief besiegte den Krebs und unterlag ihm schließlich, in dieser legendären Videothek in der Danziger Straße steckte seine Karteikarte direkt vor meiner, jaja, die guten alten Zeiten, die jetzt auch gestorben sind, nach langer Krankheit.

Ich schlage vor, die Menschenrechte zu erweitern auf digitale Geräte. Ich weiß noch keinen Grund anzugeben und warte erst einmal, bis das dumme Glotzen der anderen erlischt. Schon radieren sie in ihrem Gedächtnis herum, diesen Satz und diesen Moment zu löschen, das ist doch wirklich zu dumm und nicht einmal witzig, denken sie. Peinlich. Dann aber sage ich, oder auf Tiere, das ist wahrscheinlich sinnvoller. Die Tram kommt, alle steigen ein, ich aber nicht, ich bleibe im letzten Moment zurück. So, die wäre ich los, denke ich und überquere die Straße an eben der Stelle, an der vor Jahren während der Berlinale-Zeit im Februar 2004 Julie Delpy die Straße überquert hat, elegant über eine Rosenthaler Pfütze springend. Wie alle Schauspieler und Schauspielerinnen ist sie viel kleiner als im Kino, es gibt eben deutlich mehr Zwerge als Riesen im Kinogeschäft.

Was wäre noch zu sagen? Vielleicht: Wer optimistisch ist lebt länger und kann jedweden Niedergang länger beobachten. Oder: Man sollte mal einen dieser toten US-Amerikaner sezieren um herauszubekommen, warum die durch die Nase sprechen. Und: Fotos habe ich nicht oder nur sehr wenige gemacht damals in Paris, jeder musste ja damals sein Paris haben, London oder Madrid galt nicht so viel und Berlin war nur die drei Damen vom Grill und Pfitzmann und Juhncke und Gaslaternen, da musste man nicht hin. Und Ostberlin existierte schon mal überhaupt nicht.

Eine zweite, eine dritte Person muss her, keine Frage. Gehandelt werden muss! Auch keine Frage.

Ein Versuch:

– Ich schreibe ein Buch.

– Einen Roman?

– Einen Roman-Ersatz!

– Ah!

– Oder eigentlich einen Roman-Satz. Auf der ersten Seite dieses Romans findest du dazu eine Fußnote.

– Das muss ich gleich mal nachschlagen.

– Tu das.

(Sie blättert einige Seiten zurück, findet die erste Seite des Romans ganz am Anfang, liest die Fußnote, sieht auf, blinzelt mich an und sagt noch einmal Ah! [Ende der Szene])

Flugs kaufe ich alles ein, was auf dem Einkaufszettel steht. Ich hatte den Namen dieser Frucht vergessen und X-Frucht aufgeschrieben, es ist die Kaki. Von der Elfenbeinküste. Ich hätte lieber Obst aus Deutschland, Polen oder Tschechien gehabt, aber die bei diesem Bio-Markt kaufen lieber auswärts. Das schlechte Gewissen überlasse ich denen. Ist mir wumpe. An der Kasse zahle ich und die Kassiererin wünscht mir einen schönen Nachmittag. (Eigentlich einen schön’n Nammitach, was die Gute als Westdeutsche ausweist und so sieht sie auch aus, etwas schwammig im Gesicht, ganz ohne Kanten. Selbst die Brille könnte nicht runder sein. Der Versuch, über unscharfe Personen Anekdoten zu erzählen, muss scheitern.) Der Frau, die als nächstes bezahlt, abkassiert wird, wünscht die Kassiererin einen schönen Tag (Tach), so höre ich, also mehr, als sie mir wünschte. Ich nehme das zur Kenntnis, knalle die Kakis in meinen Rucksack und gehe. Da stehe ich doch drüber, denke ich.

Edgar Allan Poe hat in vielen seiner Texte seine Feinde gemartert und lebendig eingemauert, sie müssen ihm viel bedeutet haben. Mir ist selbst der Satz, meine Feinde bedeuten mir nichts, zu viel des Guten oder Bösen, ich streiche ihn durch. Allerdings ist so eine Durchstreichung eine sinnwidrige Betonung, eine Erhöhung, so ich also „meine Feinde bedeuten mir nichts“ noch einmal aufschreibe und es dabei belasse. Ich hätte auch einfach nichts dazu schreiben können oder behaupten, ich hätte überhaupt keine Feinde.

Preußen ist ausgestorben, aufgelöst, Bayern hat seine Rolle übernommen. Es ist ordentlich und sauber, jede Art Wildheit ausgelöscht oder nur gespielt und vermarktet, die Menschen sind einfach und fleißig und oft freundlich, sie haben eine Artverwandtheit mit den Menschen im Ruhrgebiet, ehemals preußisch, wo es aber leider immer noch oft dreckig ist und kaputt, obwohl die Menschen dort einfach, fleißig und freundlich sind. Wahrscheinlich liegt’s am Gelde, schätze ich.

Frau Doktor Dämer-Kottenhoff gibt mir zu verstehen, dass die Sitzungen so lange von der Krankenkasse bezahlt werden, wie ich im erwerbsfähigen Alter bin. Beziehungsweise, fügt sie an, meine Erwerbsfähigkeit nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden könne. Sie trägt auch heute dieses graue Kostüm, dieses mal aber matt pinkfarbene Strumpfhosen, nicht ganz blickdicht, so dass ich die Haare an ihren Schienbeinen sehen kann, die nach allen Seiten plattgedrückt sind. Dazu flache Slipper mit Lederschleifchen in einheitlich dunkelbraun. Einmal schlägt sie die Beine übereinander und der rechte Schuh rutscht von der Ferse ab ins Leere, was unvermeidlich in mir Gewaltphantasien auslöst. Ich atme schwer. In meiner Not sage ich, ich möchte mir so gerne mal das Oberstübchen rasieren, worauf die Frau Doktor nickt und notiert. In diesem Augenblick geht die gepolsterte Doppeltür auf und jemand, den ich nicht kenne, ein Mann, sagt SV 138, worauf Dämer-Kottenhoff aufspringt, die Ferse in den Schuh zwängt und hinausläuft. Der Mann schließt die Tür und ich bin allein. Ich kenne die internen Codes fast alle, sie sind allzu leicht zu erkennen, Suizidversuch auf Zimmer 138, das ist so ein Dicker, wenn mich nicht alles täuscht, mit Schnapsnase und Knopfäuglein. Viele der Stationären sind dick, mindestens mopsig oder schwammig. Drahtig ist hier keiner, nicht einmal die Ärzte. Ich diagnostiziere Wohlstandsverwahrlosung, warte still auf das Ende meiner Therapiestunde, Frau Dämer-Kottenhoff aber bleibt aus.

(Und aus)

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Unterbelichtete Überschärfe

Ich geb es ja zu, dass ich mich insofern konservativ verhalte, als dass ich fast ausschließlich Texte höchster Qualität lese, deren Erschaffer längst das Zeitliche gesegnet haben, und zwar lange bevor Texte durch Copy & Paste zu Patchworkgebilden wurden oder gar zu solchen, die die sogenannte Künstliche Intelligenz auf knappe Aufforderung hin in meinem Stil verfasst, ich also guten Gewissens meinen Namen drunter und drüber zu setzen mich berechtigt fühle. Alles klar!? Aber sicher doch, und zwar durchaus an allen digitalen Orten und in einer solchen Überdeutlichkeit, einer Überschärfe, einer gestochenen Schärfe, wie sie etwa in der Digitalfotografie gang und gäbe ist, seit unterbelichtete Pseudokünstler dort ihr Unwesen treiben. Zum Glück gibt es jedoch immer noch Ausnahmen, und es bleibt zu hoffen, dass diese in der zunehmenden digitalen Umweltverschmutzung sichtbar bleiben und erkannt werden. In Bezug auf Texte hingegen ist zu vermelden, dass hier die Eindeutigkeit des Uneindeutigen beziehungsweise die Uneindeutigkeit des Eindeutigen einer ähnlichen Überschärfe zum Opfer zu fallen droht wie dies in der Fotografie der Fall ist und dass die Poesie demzufolge geradezu im Dreck versinken könnte, so man denn nicht gehörig aufpasst. Anleitungen für eindeutiges Schreiben finden sich im Netz zuhauf und behandeln etwa die Frage, „wie du in deinem Roman gendern kannst, ohne Menschen abzuschrecken“, wobei die Frage natürlich Kokolores ist, weil die Menschen natürlich nicht gemeint sind, sondern nur solche, die ohnehin der eigenen Blase angehören, einer Kulturblase nämlich, in der der Herr:innenmenschengestus des Genderns die selbe Funktion innehat wie andernorts Handzeichen oder Tätowierungen. Wer einmal den bösen Blick abbekommen hat, wenn er sich nichtgendernd äußerte, weiß sicher, was ich meine. Ich selbst habe auf meiner Website in vielen Texten, die am ehesten als Glossen zu bezeichnen sind, das Gendern ausprobiert, und hier und da geht das im Textfluss durchaus, auch wenn dadurch kein Mehrwert entsteht, aber eben auch kein Schaden. Poetische Texte hingegen vertragen einiges nicht, da ist das Gendern in der dritten Person nur ein Punkt unter vielen. Wer begrenzen und belehren will, der handelt autoritär und durchwirkt einen vermeintlich erzählenden Text mit eindeutigen Botschaften. Nicht etwa, dass eine handelnde Person in einem Roman nicht gendern dürfte, denn das entscheidet diese Person in einem in sich funktionierenden Text selbst. Wer jedoch mehr will als das, der soll sich gefälligst theoretisch äußern, wenn’s denn angesichts des Allesschongesagten unbedingt sein muss. Nun gut, ich verbleibe hier passgenau an eben dieser Verknüpfung von Inhalten in besagter Eindeutigkeit des Uneindeutigen. Zudem gelobe ich, auch weiterhin keine Hilfe zum Verfassen von Texten in Anspruch, mir aber auch fürderhin herauszunehmen, mich soviel in meinen eigenen Gedanken zu verheddern, wie ich es für angebracht erachte. So! Jetzt aber Schluss und kein Wort mehr.

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Re-Vision

Ich habe vier Archivboxen gekauft, ist gar nicht lange her. Ganz voll sind sie noch nicht, doch zum einen ist in den Regalen noch zu Archivierendes zu finden, zum anderen kommen nach und nach neue handschriftlich verfasste Texte hinzu, so es also nur eine Frage der Zeit ist, bis nichts mehr hineinpasst. Falsch! Ganz falsch! Denn ich werde den Teufel tun und alles so lassen, wie es ist! Einiges wird wohl wieder rausmüssen aus den Kisten, da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Ausgedruckte Texte der Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen, die nicht in Die Hoffnung stirbt immer am schönsten veröffentlicht sind, bleiben aber drin in der Kiste, das ist sicher, auch die besagten Manuskript-Hefte. Altes, mitunter schlechtes Zeugs aus grauer Vorzeit aber werde ich sicher bald schon prüfen und womöglich vernichten. Was soll die Nachwelt, so die Frage, mit schlechten Texten, die zwar die Vorstufe sind für spätere gute, als solche aber kein Lesevergnügen bereiten und kaum Erkenntnisgewinn bringen können, es sei denn, man zielt darauf ab, dass das Spätere aus jahrelangem Ringen entstanden und dem Autor das Schreiben durchaus nicht in die Wiege gelegt worden ist. Außerdem ist doch die Hauptfrage die, ob in Jahrzehnten überhaupt jemand in diese Archivboxen hineinblicken, ja ob überhaupt jemals ein Interesse bestehen wird, in meiner Schriftstellerbiografie herumzuwühlen. Unwahrscheinlich. Sehr unwahrscheinlich. Zudem müssen die Kisten auch erst einmal in einem Archiv landen. Wer weiß schon, nach welchen Kriterien gesammelt und archiviert werden wird, ob nicht eine Quote oder die Lostrommel entscheidet, was bleibt und was nicht. Ein weiterer Aspekt ist der, dass mir durchaus, und da unterscheide ich mich wohl vom Gros der Schriftsteller, einiges peinlich ist von dem, was ich da mal zu Papier gebracht habe. Is‘ so. Gut möglich also, dass ich die bald anstehenden Rauhnächte dazu nutze, aus innerer Notwendigkeit und durchaus auch mit Vergnügen eine Revision zu machen. Das dazu.

Norbert W. Schlinkert. Straßenfeger.

 

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