Junibrief 2010

Köhler: Kaum ist er zurückgetreten, wird er verbal aber sowas von verprügelt, daß man sich fragt, warum man das nicht schon vorher gemacht hat, denn dann wäre er auf jeden Fall zurückgetreten. Daß das sogenannte Volk ihn mochte, wird jetzt ja immer wieder herausgestellt, und man fragt sich schon, wie die Menschen im Lande so ticken. Tritt der Horst doch einfach zurück, weil er gekränkt ist! Muß man sich aber auch leisten können, doch wenn es sich jemand leisten kann, dann der erste Mensch im Staat, sein Kohle kriegt er ja bis zum Lebensende, naja gut, der zweite, dritte, vierte, fünfte, sechste, siebte, achte, neunte, zehnte, elfte, zwölfte, dreizehnte (noch genauer brauchen wir’s nicht) kann sich das auch noch leisten, aber sagen wir mal der vierundsechzigmillionste dreihunderttausend und einhundertelfte, kann der sich das noch leisten? Wohl kaum! Und eben deswegen hat ihn das Volk so geliebt, unseren Horst!

Die verschlafensten Berge sind die prenzlauer, habe ich heute erfahren müssen, so eine Art Hochebene, auf der Fuchs und Hase sich nicht mal gute Nacht sagen können, weil sie zu weit auseinander wohnen. Doch das sind Petitessen, nicht zu verwechseln mit Politessen, die über den Zustand der Prenzlauer Berge nicht wirklich etwas aussagen, geschweige denn über den des Landes oder gar den der Fußballnationalmannschaft. Apropos Fußball und Fußballweltmeisterschaft: böähhjjööjöäöjäööööiöiöiöi dschödschödschö äöäöäöäöäöäöä öäöäöäöäöäöä, und das 90 Minuten lang, und wer weiß, ob sich das überhaupt kommerziell nutzen läßt, so wie ein ordentliches Oooolé, oh Leo, Leo, Leeeeee! Was, wenn nicht? Da bricht doch alles zusammen, und wer weiß, wer noch mit.

Begeisterungsfähigkeit ist ja die Fähigkeit, sich begeistern zu lassen. Ganz ähnlich gelagert ist die Betrunkenheitsfähigkeit, also die Fähigkeit, sich von Alkohol betrunken machen zu lassen. Beides hat etwas Passives an sich, denn ist der Auslöser einmal vorhanden und stärker als man selbst, muß man – sehr wichtig – nur noch jeden Widerstand aufgeben. Und dann gehts los, und ab, oft auch bergab, im übertragenen Sinne zumeist, bis dann der Kater einsetzt, die Scham und die Schande, denn wer gestern noch Satyr war, ist heute ein einziges Elend. Dagegen hilft dann nur noch ein Schluck aus der Pulle, so viel Begeisterung muß sein.

Die Reichen werden immer reicher und der Teufel scheißt immer auf den dicksten Haufen. So könnte man die Zeiten zusammenfassen. Seltsam ist nur, daß die Reichen immer noch eine Minderheit darstellen, die aus eigener Kraft niemanden an die Macht bringen können, jedenfalls nicht durch Wahlen, bei denen aber dann doch immer wieder Menschen in die Parlamente gewählt werden, die den Teufel animieren, wieder einmal auf den … ach, Sie wissen schon, was ich meine, das Ganze ist ja ungeheuer kompliziert. Der gemeine Bürger muß hingegen bei einer Wahl ja nur so einige wenige Kreuzchen machen, nichts leichter als das, und dann darf er sich wieder den wichtigen Dingen im Leben zuwenden, Einkaufen, Fußball, Essen, Saufen, Urlaub und (angeblich) Sex – und wenn das Geld dafür noch reicht, ist man ja wenigstens in Sichtweite dieses Haufens, auf den der Teufel … Naja, so lange in den Prenzlauer Bergen die Müllabfuhr funktioniert, ist das Leben gerade noch so erträglich, möchte man meinen.

© und alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert 2010

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