Oktoberbrief 2010

Von einem bestimmten Zeitpunkt an ist auf der ganzen Welt, also auf dem Planeten Erde, gleichzeitig Oktober. Das dauert dann eine Weile an, bis es von einem bestimmten Zeitpunkt an nicht mehr so ist. Mußte mal gesagt werden.

Ein Wort zur Wissenschaft: wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, kein Ianer ist, hat es in unserer spezialspezifischen Zeit schwer. Natürlich sind Hegelianer (links, rechts oder mittig), Marxianer, Heideggianer und selbst Nietzschianer auch nicht mehr so wirklich up to date, doch gilt dies nicht für Bürohengstianer, die besonders im Wissenschaftsbetrieb weite Teile der Landschaft beherrschen, vor allem weil einige auch Drittmittelianer sind. Gerade letztere gehören, da sie zumeist auch noch mit einigem Recht Bürohumorianer genannt werden müssen, unbedingt zur Elite des Landes. Was das mit Wissenschaft zu tun hat? Fragen Sie die Politikianer!

Grundloses Unglück, wenn die Nase läuft und die Niesfrequenz hoch ist, obwohl der Pollenflugkalender keinen Pollenflug anzeigt. Das ist doch ungerecht! Ansonsten ist eben, vor nicht mal einer Stunde, eine Katze von einem Prenzlauer-Berger-Balkon auf eine Wie-heißen-die-Dinger-noch-mal, diese ausrollbaren Überhänge, wie soll man auch denken, wenn die Nase läuft und der Hals kratzt, von innen, gefallen, von da sprang sie auf den Gehweg und duckte sich zwischen parkenden, also geparkten, Autos weg. Ist sicher jetzt Panik angesagt, da oben, und heute Abend die Aushänge, Katze weg, Belohnung. So ist das Leben in der Großstadt, nur daß normalerweise keine Katzen sondern Kröten vom Himmel fallen.

Die Schere soll ja angeblich immer weiter auseinandergehen! Tja, muß sie ja wohl auch, bevor sie, schnipp, schnapp, ihren Zweck erfüllt. Sozialromantik spielt dabei sicher nicht die erste Geige, und wenn Menschen von ihrer Arbeit nicht menschenwürdig leben können, dann handelt es sich um Sklavenarbeit. So einfach ist das, da muß man nicht drumherumreden. So ist das eben, auch wenn es mich eigentlich gar nicht interessiert, doch die meisten leben ohnehin ganz prima von ihrer Arbeit, Straßenfeger ja noch eher als zum Beispiel Literaturübersetzer, was aber ganz natürlich ist, denn Übersetzer haben selbstverständlich ein Recht auf saubere Straßen, Straßenfeger aber keineswegs eines auf sauber übersetzte Bücher. Wichtige Arbeit wird eben richtig bezahlt, unwichtige Arbeit unrichtig! Mir wurde zum Beispiel in meiner Jugend oft genug gesagt, wenn Du so weitermachst, wirst Du noch Straßenfeger. Ja, flötepiff. Natürlich bin ich auch nicht Übersetzer geworden, sondern einfach nur Autor, und da man mit diesen Leuten nur Ärger hat, ihren Dreck wegmachen und womöglich ihre Texte übersetzen muß, darf so ein Autor nicht mehr verdienen als ein Straßenfeger. Logisch, oder? Das hat mit Schere nichts zu tun, das ist einfach nur gerecht.

Sich weigern ist wichtig, man darf es nur nicht zur Kunst erheben. Wer das gesagt hat, hat verfügt, es müsse ein Geheimnis bleiben, wer das gesagt hat, und dann bleibt es eben doch keins, denn ich weigere mich platterdings, der Verfügung nachzukommen. Der Satz ist von mir. So, jetzt ist es raus. War doch halb so schlimm, als ganz so schlimm nicht. Jau.

Der größte Club der Welt soll ja der der 29-jährigen Frauen sein! Da kann ich natürlich nichts zu sagen, denn Männer sind ja gerne Mitte, vielleicht nicht gerade Mitte 20, aber so Mitte 30, Mitte 40 … Ein Club ist das aber natürlich nicht.

Wie ausgestorben liegen sie da, die Prenzlauer Berge. Ein sanfter Wind streicht über unberührte, naturbelassene Stadtoasen, kaum einmal, daß das Grunzen eines Wildschweins oder das Blöken eines Schäfchens zu hören ist. Zugvögel ziehen gen Süden, traurig blicken die wenigen Daheimgebliebenen ihnen nach. Sicher wollen auch sie, die hoch droben kaum noch zu erkennen sind, zur Frankfurter Buchmesse, wo das Leben tobt, wo Autoren und Verleger und Agenten und Rechteinhaber und Zeitungsmenschen und Fernsehmenschen und Radiomenschen sich tummeln, sich die Hände schütteln, Ansteckungsgefahr hin oder her, das ist ein anderes Thema und bringt zur Zeit kein Geld, wo gegessen und getrunken und verhandelt wird, wo die Nächte kurz und die Tage lang sind, tja, man weiß nicht recht, wo es denn schöner ist. Der Wind lebt auf in den Prenzlauer Bergen, die Bäume schütteln sich, Kastanien knallen auf Köpfe und erzeugen ein Geräusch, hier und da huscht ein Tier über verwaiste Wege, und bald schon wird es regnen. Hier ist wenigstens kein Dach über der Welt. Ist ja auch was!

Runter ins Tal, ein paar Hügel, und schon war ich in Dahlem, wobei schon unschöner Quatsch ist. Warum kann man Straßen nicht von unten reparieren – ich dachte wir leben in der Zukunft. Über eine Stunde für zwanzig Kilometer, da ist es völlig egal, ob man mit dem Rad, dem Motorrad oder dem Schneemobil fährt. Ist jedenfalls nicht akzeptabel, und überhaupt ist es dort nicht so schön wie in den Prenzlauer Bergen. Es ist alles so satt dort, man hat das Gefühl, gleich rülpst die ganze Gegend. In den Prenzlauer Bergen kann das eher nicht passieren, trotz allem, dafür werden hier eher Bäuerchen gemacht, und davon ganz ganz viele.

Der Witz ist alt, so alt, daß er mindestens ein Tröpfchen Wahrheit enthalten muß, ich meine den mit Karajan, der den Beethoven so runtergedödelt hat, weil er, Karajan, unter einer schwachen Blase litt. Über Beethoven ist mir nichts bekannt in der Hinsicht, aber es ist doch absonderlich, daß Sony die Länge der CD als solcher anhand der karajanschen Neunten beethovschen Symphonie festgelegt hat, nämlich 75 Minuten, was nichts anderes bedeutet, als daß die Natur einen gehörigen Einfluß ausübt auf die Kultur, oder überhaupt auf das Leben, denn wäre Martin Luther Mönch geworden ohne jenes Gewitter und ohne jene naturgemäß aufkommende Angst um das eigene Leben des ja eigentlich Jurist werden wollenden jungen Mannes!? Und hätte Luther als Jurist den Katholizismus gerettet und so den Protestantismus erst möglich gemacht? Eher nicht. Mit den Prenzlauer Bergen hat das alles aber nichts zu tun, die sind einfach da.

Wenn Geister sich schreiben, statt sich zu scheiden, werden die Prenzlauer Berge auf globale Ausmaße aufgeblasen, ohne diese jedoch zum Platzen zu bringen. Das überlassen wir neidlos den Finanzblasianern. Allerdings ist es weiterhin möglich und wegen der Ruhe auch außerordentlich erholsam, in den Prenzlauer Bergen allein für sich Geist zu sein, an und für sich vor sich hinzubrabbeln, auf daß nur zufällig im Geäst oder hinter dem nächsten Hügel sich befindliche Gestalten dies vernehmen. Gelegentliche Entgegnungen sind so nicht ausgeschlossen, werden aber auch nicht provoziert. Die Dschungel(siehe dort im www.) ist anderswo, hier ist dann doch eher Nutzwald. Aber daß mir keiner da Schneisen reinschlägt, nicht in Die und nicht in Der, da werde ich sauer.

Viele sprühen ja nur so vor Wortwitz, da ist es kein Wunder, wenn alle naß werden. Das will ich nicht, also lenke ich meinen Witz nur in eine Richtung, und wer naß werden will, muß sich hineinstellen in den Strahl. Erfrischend, oder? Demzugrunde liegt natürlich die Frage, ob man nicht unerquiecklicherweise zur Fraktion bierernster Knalltüten gehört, die glauben, mit Witz sei überhaupt noch etwas zu erreichen. Der Unterschied zwischen dem Sprüher und dem Strahler ist aber eben derselbe wie zwischen dem, der wegen eines Pfefferminzplätzchens und demjenigen, der nur vor lauter Lachen platzt.

Nichts dürfte verfänglicher sein als in der ersten Reihe sitzend einzuschlafen. Passiert mir zum Glück selten, letztens erst nicht, als ich eine ältere und einige neue Geschichten des Alban Nikolai Herbstes hörte, vom Autor selbst, alle ohne Ausnahme wachhaltend, einfühlsam vorgetragen. Zwei Tage zuvor, ich nenne jetzt keinen Namen, wäre es fast um meine Reputation als guter Zuhörer geschehen gewesen, denn ich nickte fast weg, als ich, um besser zuhören zu können, wie ich dies oft tue, die Augen schloß, und sicher war es nur die Angst, schlafend zu sabbern, die mich wach hielt. Passierte alles in Mitte, weit fort von den Prenzlauer Bergen, doch heutzutage gehen die Zeitungen ja über Berg und Tal.

Ein Hauch von Nordkorea weht durch die abendlichen Prenzlauer Berge! Allüberall schleichen weibliche wie männliche uniformierte und damit wichtige Ordnungsamtmenschen (oder sinds Politessen) herum, ja sie tänzeln gekonnt um Autos, werfen einen wohlwollenden Blick auf die meist in tiefer Dunkelheit stehenden Parkscheinautomaten, tippen geheimnisvolle, dem ZK zu übermittelnde Ziffern- und Zeichenfolgen in seltsame Apparaturen, erobern Straße um Straße …

Es gibt sie noch, die alten Prenzlauer Berge, wenn auch nicht flächendeckend. Um genau zu sein, die Fläche dürfte in Quadratmetern vielleicht zwei oder drei betragen. Immerhin. Es handelt sich um einen Foto-Automaten und einen Photo-Automaten in der Kastanienallee, direkt nebeneinander stehend, gegenüber dem Prater. Da blitzt es allabendlich in die Welt hinaus, gemeinhin begleitet von fröhlichem Quieken glücklicher Mädchen. Was willste mehr!

Jeijeijei, die Welt geht unter! Totgequatscht, einfach so. Wegfotografiert, auch einfach so. Natürlich, ein Jeder und eine Jede kann Hände schütteln und Bäume umarmen, täglich die Stehrümchen abstauben oder die Prenzlauer Berge bewundern. Alles wie immer und fühlt sich auch an wie immer, wie echt. Isses aber nicht mehr, denn da ist jetzt permanent ein Kommentar, eine Meinung, eine Zustimmung oder Ablehnung, immer quatscht da einer rein, so eine WWW-Stimme, immer hat da einer schon mal ein Foto gemacht und reingestellt, das sieht genau so aus wie meine eigene Erinnerung, immer hat da einer schon mal seine Meinung gepostet, die auch die meine ist, glaube ich jedenfalls, und auch das Gegenteil ist ja immer auch Teil von dem, was so toll ist, daß es geknipst und besprochen und überhaupt in die Welt gestellt werden muß. Und nu‘ is‘ sie voll, die Welt. Das haben wir jetzt davon, wir ollen Quatschköppe. Eijajei.

Wie schön, denkt man sich, während die Gethsemanekirche mal wieder ordentlich Lärm macht, daß es noch das gute alte Buch gibt. Also nicht die Bibel, sondern das Buch als solches. Da steht einiges drin, manchesmal auch etwas Handschriftliches, etwas gleichsam privat Gedachtes und Hineingeschriebenes. Aber kann Denken privat sein? Natürlich nicht! In eine Taschenbuchausgabe von Die Orgelpfeifen von Flandern des Alban Nikolai Herbst hat ein gewisser E. Käßmann aus Hannover etwas hineingeschrieben und dies mittels eines Pfeils auf das Motto der Novelle bezogen, ein Bibelzitat (2. Könige 9, 35). Der Käßmann, evangelischer Pfarrer seines Zeichens, schreibt: „Wieso hat jemand, der nichts mit Kirche und Glauben zu tun hat, gleich am Anfang ein BIBELZITAT?“ – – – Ja aber hallo, Herr Käßmann, gehört die Bibel denn der Kirche? Sie scheinen ja richtig empört gewesen zu sein! Unser Buch, zitiert von einem JEMAND, der nicht zu uns gehört! Abér! Abgesehen davon, daß die Bibel nicht einmal der Katholischen Kirche gehört, freuen Sie sich doch, wenn JEMAND mal einen Blick hineinwirft in das Buch der Bücher – vielleicht pinselt er ja auch einmal eine Bemerkung an eine Kirchenwand.

Wenn schon Elfmeterschießen Nervensache sein soll, was ist dann Literatur? Glück? Nicht in den Prenzlauer Bergen! Außerdem muß das Ding ja nicht unhaltbar sein, sondern – Hauptsache! – einfach nur drin. Übrigens ist Fußball und Prenzlauer Berge, trotz der „Schwalbe“, nicht recht kompatibel, dafür leben hier zu viele wunderbarweicheundgrünliberale Menschen (jaja, die mit den Kindern!), und da ist die Ästhetik des Spiels von vornherein reduziert auf Sandkasten. Hauptsache, Mutti ist glücklich (denkt Vati)! Oder?

© und alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert 2010

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