Märzbrief/1 (2012)

Das lange 19. Jahrhundert endete mit dem Beginn des ersten Weltkriegs, wahlweise auch mit dessen Ende. Wann endet das 20. Jahrhundert? Muß es dafür einen Krieg geben, im sogenannten Nahen Osten, oder einen zwischen Rußland und China? Oder gar einen Weltkrieg? Wohl doch hoffentlich nicht, auch wenn es der Kunst und besonders der Literatur des „Westens“ wohl nützen könnte, hat doch immerhin die „Zeitenwende 14/18“ vor hundert Jahren so wunderbare Romane wie Thomas Manns Zauberberg und Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften hervorgebracht, um nur diese beiden zu nennen. Die Psychologie und die Frage, was denn die Zeit als solche überhaupt sei, spielt in beiden Romanen eine große Rolle, desweiteren geht es um den Sinn von Massenbewegungen, um die Frage der Schuldfähigkeit des Einzelnen, um das Militär, um Erotik natürlich, auch um die Frage, wie finanziell Unabhängige ihr Leben gestalten und füllen, und nicht zuletzt ist die Überlegung, wie Technik, Medizin und überhaupt Wissenschaft das Leben prägen, eine wichtiger Punkt und allerhand Überlegungen wert. Der Unterschied zu heute mag sein, daß Europa seiner Führungsposition in fast allen Gebieten immer weiter verlustig geht und die US-Amerikaner nicht einmal daran denken, mit ihren Lieblingsfeinden, den Deutschen (und den Kommunisten), Krieg zu führen, geschweige denn die Europäer untereinander. Stattdessen führen alle westlichen Nationen „ein bißchen“ Krieg (die Amerikaner natürlich ein bißchen mehr) und haben sich bereits daran gewöhnt, weil das kein großer Umbruch ist. Irgendeiner der letzten Bundespräsidenten hatte ja mal aus Versehen die Wahrheit über das bißchen Krieg angedeutet und war dann zurückgetreten. Tja, alles kein Stoff für große Romane, und vielleicht geht der Weg wieder mal nach innen, weil da die reichere Welt ist, nicht unbedingt immer die schönere mit der Blauen Blume, immerhin aber eine persönliche, deren Thematik mit etwas Glück genau paßt zum Buchmarkt, wie ihn sich die großen Verlage zurechtgezimmert haben. Also, was tun? Manch einer würde sicher sagen, das 20. Jahrhundert sei doch das kürzere gewesen, weil es schon 1989 endete, und da sei doch das Thema, aus dem die großen Romane hätten entstehen können. Tja, hätten! Nunja, vielleicht müssen wir einfach noch ein wenig Geduld haben, denn so schnell die Zeiten auch geworden sind, die Kunst braucht Weile.

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