Rückwärts einsprechen

Immer wieder gerne wird die Mann-Frau- bzw. Frau-Mann-Diskussion geführt. Da werden die Bänder der Videoüberwachung eines Parkplatzes analysiert mit dem Ergebnis, daß Frauen besser einparken können. Voraussetzung dafür ist auch, daß die Überwacher die Fahrzeuglenker und Fahrzeuglenkerinnen eindeutig erkennen können, dem Geschlecht nach. Eine andere, ganz ähnliche Analyse andernorts kommt dann zu dem Ergebnis, daß Männer besser einparken können. Da stehen also am Ende Zahlen gegen Zahlen – Unfälle, Lackkratzer, schief oder gerade eingeparkt und so weiter. Was aber auf jeden Fall klar ist und bleibt, Männer und Frauen parken auf gar keinen Fall gleich ein, denn mit einer fehlenden Abweichung könnte kein Mensch leben. Das gilt übrigens auch für alle anderen Bereiche des Lebens, nicht zuletzt für die Literatur, wenn auch hier leider noch belastbare Daten fehlen – doch das ist nur eine Frage der Zeit, denn etwas auszuwerten gibt es natürlich immer, zum Beispiel dann, wenn die Frage gestellt wird, Autor oder Autorin? Frau oder Mann? Fehlt nur noch wer, der aus dem Buchstabensalat eine Statistik macht.

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12 Responses to Rückwärts einsprechen

  1. FrauWunder sagt:

    hm? am besten parke ich wärend meiner fruchtbaren tage ein, da fahre ich eh besser auto. während meiner menstruation bin ich besser darin englische texte zu übersetzen. tja so isses alles biochemie….

  2. Ganz so einfach, wie der Scherz es haben will, ist die Sache nicht. Denn weder stimmen die gängigen Stereotype, mit denen die Differenz beschrieben wird (über Einparken oder literarische Werke), noch gilt deshalb, dass es Differenz nicht gibt. Das „Gleichheitspostulat“ der Aufklärung und der nordamerikanischen Revolution, das emanzipatorisch wirken sollte (und es auch tat), war zugleich und unlösbar damit verbunden von ungemein normativer Gewalt gegen alles und alle, die nicht dem entsprachen, was der „weiße Mann“ (als Menschennorm) war und weiter ist. Diese Differenz aussprechen und sichtbar machen, kann Literatur, wenn sie gut ist. Männliche Autoren und ihre Werke interessieren mich inzwischen aus diesem Grund nurmehr dann, wenn sie sich mit „Männlichkeit“ (nicht als Stereotyp, sondern z.B. als Mythos) auseinandersetzen. Wo sie schreiben wollen, was über „den Menschen“ (im Spätkapitalismus oder so) allgemein gesagt werden kann, wende ich mich ab. Denn ich weiß dann, dass ich nicht gemeint bin und nur mitreden darf, wenn ich mich verleugne. Dieser Forderung der Selbstverleugnung als Frau (vor allem im akademischen Betrieb, aber auch in anderen beruflichen Zusammenhängen) bin ich viel zu viele Jahre nachgekommen, als dass ich ihr jetzt, im fortgeschrittenen Alter, nur noch ein einziges Mal oder nur für kurze Zeit folgen möchte. Ein uns beiden bekannter Autor schrieb mir im Zusammenhang mit der Geschlechtsidentität mal, man sei doch zuerst Mensch und dann erst Mann oder Frau. Das konnte tatsächlich nur ein Mann schreiben, was er gerade bestreiten wollte. Wir haben sehr gelacht über diesen Satz beim Treffen der „GOWs“ (Girls on Web).

  3. Ich denke, Literatur macht Differenzen sichtbar, weil es in einer Erzählung naturgemäß und absolut zwingend Auseinander-Setzungen geben muß, die man dann lesend in Ruhe betrachten und beschnuppern kann. Ob ich mich gemeint fühle von einem Text, hängt aber nicht allein davon ab, ob der Autor oder die Autorin mich überhaupt hat meinen können oder wollen, als Mann oder Weißer oder als Fahrradfahrer, sondern ganz wesentlich von meinem Interesse, meiner Lust, mich hineinzuwagen. (Ich greife mir ja die Texte in freier Wildbahn, um sie mir einzuverleiben – oder greifen die Texte nach mir? Beides wahrscheinlich!) Dann wird es eine Zwiesprache über die Zeiten und über Grenzen hinweg.
    Was die Mensch-Mann-Frau-Sache betrifft, so schreibe ich natürlich als Mensch-Mann, habe aber keineswegs eher Männer als Frauen als lesende Menschen im Sinn, denn ich will den Text nach Fertigstellung schließlich freigeben, damit er sich seine Leser oder Leserinnen sucht, die ja wiederum auf der Suche nach Texten sind.

  4. Kennen Sie die Szene aus dem Coen-Brüder-Film „Fargo“, wo einer auf einem riesigen leeren, schneebedeckten Parkplatz herumfährt und nicht weiß, wo er parken soll? Irgendwann parkt er einfach schief in der Gegend. D a s nenne ich Einparken!

  5. Ein uns beiden bekannter Autor
    ICH WAR DAS N I C H T.

  6. phyllis sagt:

    Ich frage mich nicht selten, ob eine immer weiter vorangetriebene Fähigkeit zur Ausdifferenzierung die Genußfähigkeit beeinträchtigt. Beim Parken, Lesen und Schreiben gleichermaßen. Doch dies nur nebenbei ; )

  7. @ NWS Es ging mir ja nicht um die Adressaten des „Werkes“, sondern um seinen Gehalt – wenn der so „allgemeingültig“ daher kommt, also die Protagonisten entweder Typen sind oder die Hauptfigur eben f ü r eine allgemeingültig genommenen Position steht oder philosophische Exkurse eingebaut sind, die solche Positionen enthalten, dann bin ich genervt. Und lege beiseite. Eigentlich könnte man auch sagen, dass ich eine gewisse Aversion gegen den Symbolismus entwickelt habe. Das trifft es vielleicht. Die Allegorie, bei der der Graben aufgerissen werden kann, zwischen Bild und Bedeutung, die ist mir lieber. Weil sie eben Differenz spürbar macht, Nicht-Identität und Überschreitung.

  8. @Melusine
    Natürlich geht es um den Gehalt des Werkes und darum, daß die Protagonisten lebendig sind, daß sie dem Leser entgegentreten wie Menschen aus Fleisch und Blut, die eine dem Leser nachvollziehbare und somit erlebbare Entwicklung durchmachen! Ich glaube, in diesem Punkt sind wir einer Meinung. Romane, deren Protagonisten eher den normativen Ichs zugerechnet werden können, lese ich selten – d i e Ausnahme ist Adalbert Stifters „Der Nachsommer“, und da hat das auch seine Berechtigung. Zur Entwicklung des poetischen Ich habe ich ja ein wenig geschrieben, darauf verweise ich mal in aller Bescheidenheit.
    (Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich)

  9. @ANH
    Hätte mich auch gewundert! Vielleicht meint Melusine ja auch eine Autorin! Aber natürlich nicht die:

  10. @Phyllis
    Also meine Genußfähigkeit ist ohnehin schon beeinträchtigt, und zwar durch jahrelanges Ausdifferenzieren. Wäre ich mal bei der Kunst geblieben! 😉

  11. War der Kommentar von ANH? Na klar war der das nicht. Den nähme ich gern mal mit zu einem GoW-Treffen, wo er dann – wie gewohnt – ganz männlich und kein bisschen mädchenhaft auftreten würde. Das würde sicher lustig. Der käme ja nie im Leben drauf, sich als Neutrum zu inszenieren. Da seien die Bamberger Elegien vor! (nur zum Beispiel). Nee, der war das nicht.

  12. Sag ich ja! Aber wenn ANH mit darf zum GoW-Treffen, dann will ich auch mit! Ich bin auch gar nicht brav!