Geld in Büchern

Die Diskussion geht weiter. Die Frage, wie das Lesen von Texten für alle ein Gewinn sein kann, ganz gleich, wie und wo sie erscheinen, bleibt aktuell. Auf den ‚Berliner Buchtagen‘ hat sich Sibylle Lewitscharoff offensichtlich für die Praxis eingesetzt, vierzehnjährige Kinderzimmer-Downloader anwaltlich abzumahnen. Andere sollen den kommenden Lesergenerationen „Schwarmdummheit“ (Imre Török) vorgeworfen oder ihnen eine „Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ (Michael Krüger) attestiert haben. Das schreibt heute in der Süddeutschen Zeitung Felix Stephan in seinem Beitrag zu besagten Tagen („Das gab es früher nicht. Berliner Buchtage: Die Branche kämpft mit der Digitalisierung, weil sie an die falschen Fronten glaubt.“ SZ, 23./ 24.06. 2012). Hört sich fast an, als stellten Opfer eine Kollektivschuld fest für alle, die womöglich ein paar Dinge im Leben anders machen (wollen oder müssen) oder anders sehen. Was soll man dazu sagen?

Ich jedenfalls habe mir gestern Ein Porträt des Künstlers als junger Mann von James Joyce bestellt, und zwar in der Neuübersetzung durch Friedhelm Rathjen. Da eine Textprobe des neuen Textes im Netz zu finden war, nahm ich ganz neugierig die ältere Übersetzung von Klaus Reichert aus dem Regal, um den Anfang zu vergleichen. Und was passiert? – es fällt ein 5-D-Mark-Schein aus dem Buch, denn die habe ich früher ebenso wie irische Geldscheine gerne als Lesezeichen genommen. Damals steckte also noch Geld in den Büchern. Warum dann heute nicht mehr – angeblich? Da muß sich doch etwas machen lassen, denke ich, etwas Schlaues, das über die Leserbeschimpfung hinausgeht. Vielleicht die Installierung legaler Möglichkeiten, jede Art digitalisierbarer Kunst zu kaufen, auch in Deutschland! Das schlägt Herr Stephan vor. Wäre ja was, würde ich mal sagen, doch eigentlich habe ich gar keine Lust zu diskutieren, denn ich hab ja noch so viel zu lesen und zu schreiben, hier wie dort. Geld darf dabei natürlich gerne rausfallen.

 

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2 Responses to Geld in Büchern

  1. ANH sagt:

    Kafka hat, er meinte das Telefon, auf die Vorschläge Lewitscharoffs, sofern das nicht nur üble Nachrede ist, eine deutliche Antwort gewußt: „Das sind Erfindungen, die bereits im Absturz gemacht werden“, schreibt er an Milena. Wiederum Wilhelm II., der sich deshalb mit Abstürzen gut anfreunden mußte, rief: „Ich glaube an das Pferd! Das Automobil hat keine Zukunft.“ So viel zu den Tierfreunden.

  2. Immerhin gibt es heutigentags das Automobil und trotzdem noch Pferde. Ob die Pferde allerdings Fortschrittsgewinner sind, das wurde schon an anderer Stelle sowohl behauptet als auch bezweifelt, nämlich hier!