Selbstüberwältigung

Von einem Werk überwältigt zu sein heißt nicht, in Untätigkeit zu verfallen. Wohl aber, sich der notwendigen Demut bewußt zu sein. Es erfordert einigen Mut, es ernsthaft selbst zu versuchen einen Roman zu schreiben, ein wissenschaftliches Buch, einen Gedichtband und so weiter, mal ganz abgesehen davon, daß es viel Arbeit ist und Nerven kostet. Doch ist das gut, was ich da mache? Hält es stand? Bin ich nur Teil des Niedergangs der Literatur? Eine zukünftige Fußnote, wenn überhaupt? Viele Literaten fühlen sich mitunter so, wie dies Kafka in einem Brief an Felice beschreibt, doch es hilft nichts: Aufgeben gilt nicht! (Oder wie wir als Kinder sagten: Aufgeben gildet nicht.) In Bälde werde ich mich an die Überarbeitung meines Romans machen, gute 400 Seiten, und ja, natürlich, ich habe Muffensausen. Jahrelange Arbeit, die jetzt auf meinen Prüfstand kommt, bevor es auf anderer Leuts Prüfstand darf. Wie schon des öfteren gesagt, lese ich im Moment Ein Porträt des Künstlers als junger Mann von James Joyce, und nicht nur kann ich die Übersetzung Friedhelm Rathjens nicht genug loben, der Roman beeindruckt mich auch außerordentlich stark. Warum lese ich nicht einfach irgendetwas „Normales“, etwas Mittelmäßiges – würde mir das nicht gut tun, angesichts des zu überarbeitenden eigenen Textes? Nein!!! Natürlich nicht! Michael Lentz schreibt an einer Stelle in Textleben, Lesen heiße sich ernähren, sich anspornen, sensibel bleiben, den Faden fortspinnen; Lesen und Schreiben seien eine Tateinheit. (S.53) So ist es! Mit anderen Wort heißt das natürlich auch, schreiben zu müssen, doch eben das war mir schon immer klar, daß es nämlich durchaus nicht freiwillig sein kann, was ich tue. Irgendwie ist Schreiben Selbstüberwältigung, denke ich manchmal, ein immerwährender Ringkampf mit sich selbst. Nicht mehr und nicht weniger.    

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