Dem Roman seine Überarbeitung X

Sehr erstaunlich, wie sehr ein zu Anfang nur als Nebenfigur gedachter Mensch in den Mittelpunkt geraten kann! Im weiteren Verlauf wird natürlich noch einiges geschehen, es werden, da es sich ja um einen echten Roman handelt, viele weitere Personen dazukommen, auch der ursprünglich als stärkste Figur konzipierte Mensch, der überdies ja bereits im ersten Kapitel ganz und gar lebendig ist, wird viel tun und erleiden müssen. Je länger ich, ein Fünftel ist geschafft, an der Überarbeitung sitze, desto klarer wird mir ohnehin, wie sehr das Eigenleben der Figuren den Autor fordert, wie sehr sie ihn bedrängen mit all ihren Gefühlen, Überlegungen, Missetaten und Fehlern, wie schwer es ist, allen zugleich gerecht zu werden. Es ist fast wie im richtigen Leben, vor allem da es der Autor selbst ja zudem mit seinen eigenen Gefühlen, Überlegungen, Missetaten und Fehlern zu tun hat, die im Roman naturgemäß ihren Niederschlag finden, wenn sie denn von den Figuren ausagiert werden, was sein kann, aber nicht sein muß. Das Schreiben eines Romans ist somit eine Art fortgesetzter Bewußtseinsspaltung und birgt die Gefahr, sich irgendwo zwischen den Zeilen zu verlieren. Ein gefährlicher Beruf, dieser Schreibberuf!

 

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