Zeitendehnung

An viele Begebenheiten kann ich mich erinnern, doch sie sind nicht ausgeschrieben, es gibt nur Versatzstücke, Bilder, nachgefühltes Lebendigfühlen. Es muß mutmaßlich der zweite Weihnachtstag 1984 gewesen sein, als ich zusammen mit einem Freund von der Autobahnraststätte Lichtendorf bei Schwerte nach Paris getrampt bin. Abends waren wir da, ganz und gar wirklich in Paris, dem Paris. Gibt es das heute noch? Für mich nicht, denn damals ist es ein graues Paris gewesen in einem anderen Leben, auf einem anderen Planeten, in einer anderen Welt. Mir ist, als hätte ich seit dieser Zeit gleich mehrere Leben gelebt, manchmal überschwemmen mich all die Eindrücke der sogenannten Vergangenheit unwillkürlich und tun mir weh. Die Vergangenheit ruht also keineswegs, und natürlich staune ich manchmal, was ich alles so getan habe, einmal eine Rückreise von Dublin nach Dortmund per Propellerflugzeug bis Liverpool, dann erinnere ich mich an eine kurze Zugfahrt, dann trampte ich bis Leeds, wo ich bei mir bis dahin unbekannten Freunden meiner damaligen Freundin in Chapeltown übernachte, und von da muß ich dann irgendwie nach Hull gekommen und von dort per Fähre nach Rotterdam geschippert sein, wo ich schließlich den Zug nach Dortmund nahm. Mir wird ganz anders, wenn ich daran denke, jetzt, wo die Welt fast überall gleich aussieht und man so vieles einfach buchen kann, all inclusive. Gestern Abend, auch das schon eine Erinnerung, war ich bei einbrechender Dunkelheit spazieren im ein wenig zu bunten Prenzlauer Berg, doch ich habe mir eine Brille mit gelben Gläsern aufgesetzt, und als mir dann wie zur Belohnung ein Citroën DS in einer Seitenstraße entgegenkam, mit gelben Scheinwerfern, da habe ich unwillkürlich aufgeseufzt. Kann sich noch jemand an Frankreich erinnern, bei Nacht, mit all diesen gelben, hin und her flitzenden Pünktchen? Ich schon!

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