Mann der Idiot! – in der Literatur (Essay)

Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende! So heißt es doch. Aber warum und wie und überhaupt? Sollen denn plötzlich all die Abenteuer vorbei sein, der errungene Prinz, die errungene Prinzessin gesichert und das Dasein ereignislos? Sören Kierkegaard etwa, Philosoph und durchaus beschlagen in der Theorie jeder Art von Verführung, spricht allen Wesen des Paradieses ein nur pflanzenhaftes Sein zu, so auch Adam und Eva, bis dann schließlich Eva der Schlange Gehör schenkt und Adam überredet, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Sicher, das war idiotisch von Adam, denn er hatte nicht die geringste Ahnung davon, was die Folgen sein würden, während Eva sicherlich wußte, wohin die Reise geht. Sie hatte etwas vor, denn konnte ein Mann langweiliger sein als Adam? Der hatte ja nicht einmal Angst vor dem Nichts. Dagegen mußte etwas unternommen werden. Oder war es doch Eva, die der Idiot war, während Adam wußte, was er tat, wenn er nichts tat? Aber dann hat er sich doch breitschlagen lassen. Rausgeschmissen jedenfalls wurden beide, und sie hatten ihr Päckchen zu tragen. Eva gebar, unter Schmerzen, versteht sich, eine Menge kleiner Idioten, die sich gegenseitig umbrachten und ihren Frauen Kinder machten, und dabei ist es bis heute geblieben. Doch abgesehen vom wirklichen, realen Leben dort draußen, stellt sich mir die Frage, ob denn der Idiot in der Literatur weiterhin sein Unwesen treibt, Adam ist ja gleichsam der erste Mann als literarisches Wesen, oder ob dieser Typus ausgestorben ist, gemeuchelt durch Nichtbeachtung.

Doch was ist überhaupt ein Idiot? Die einfachste Antwort darauf: der Laie, der Unwissende. Dennoch reicht diese Erkenntnis keineswegs aus, denn sie sagt weder etwas darüber aus, ob der Idiot sich seiner Unwissenheit bewußt ist, noch, welche Haltung er dem Leben gegenüber vertritt. Nikolaus von Kues, Theologe und Philosoph des 15. Jahrhunderts, sah im Laien einen Mitdiskutanten, der kraft seines Verstandes, oder genauer: seiner Vernunft teilhaben konnte an all den Fragen, die sich um Gott, Weisheit, Geist und Natur rankten; dennoch war er sich bewußt, daß ihm nur eine belehrte Unwissenheit zukommt, denn der absoluten Wahrheit konnte er sich nicht annähern, auch wenn seine Verstandesfortschritte durchaus seine Weisheit förderten. Hier galt der Idiot noch etwas, denn immerhin befand er sich auf Augenhöhe mit all jenen, die ihm Rede und Antwort standen, ja er war diesen Rednern und Philosophen, heutigentags gern als Fachidioten beschimpft, an Scharfsinn oft überlegen, so daß er mitunter derjenige war, der trefflich zu antworten wußte. Daß es sich bei diesen dialogischen Texten eindeutig auch um erzählende Literatur handelt wird deutlich durch eine in den Gesprächen häufig aufscheinende Grenzüberschreitung hin zum an sich Unbegreiflichen, das gleichsam unbegreifenderweise begriffen wird durch den emotionalen Nachvollzug, der sich trotz philosophisch anmutenden Diskussionsstoffes einstellt.

Und damit hat es sich auch. Nach Cusanus haftet dem Idioten immer etwas Pejoratives an, etwa dezidiert Abwertendes. Tun wir nun auf der Suche nach dem Mann als Idioten in der Literatur einen großen Sprung, setzen über den Simplicius Grimmelshausens hinweg, der es im 17. Jahrhundert immerhin zu Selbst- und Welterkenntnis hat bringen wollen, dann allerdings mit Weltklugheit vorlieb hat nehmen müssen, hin zu der bereits modernen literarischen Form des Idioten. Man hat es sich fast gedacht: dieser erscheint überwiegend als verliebter Idiot. Ende des 18. Jahrhunderts betritt nun eine Fachfrau für Liebe und Literatur die Bühne der Öffentlichkeit, Sophie Mereau-Brentano, die die Erkenntnis männlicher Idiotie gleichsam bereits in den beiden durch Heirat erworbenen Nachnamen trägt. Doch nicht nur das. Sie schildert in ihrem 1794 erschienenen Roman Das Blüthenalter der Empfindung die lebensentscheidenden Abenteuer Alberts aus dessen Sicht, nachdem er sich heillos in die junge, intelligente und tatkräftige Nanette verliebt hat. Ein romantischer Idiot, wie er im Buche steht, ähnlich dem Heinrich von Ofterdingen des Novalis, von Goethes Werther mal ganz zu schweigen. Wir wollen uns hier aber nur einen der Kandidaten zu Gemüte führen, und da im Blüthenalter eine Frau das Wagnis eingeht, aus Sicht des im Nachhinein berichtenden, aus der Idiotie herausgewachsenen und dann quasi idealen Mannes zu schreiben und sich selbst gleichsam als Ziel seiner Begierde mit in den Text hineinzuweben, fällt die Wahl nicht schwer. Der mereausche Text ist in jedem Fall außerordentlich lehrreich, und das nicht nur, weil hier eines der nicht sehr häufigen Beispiele zu finden ist, in dem das weibliche Bewußtsein Form, Inhalt und Sichtweise einer literarischen Schrift bestimmt, die überdies auch noch gelesen wurde. Es geht also um Albert, eines sich auf der väterlich verordneten Bildungsreise befindlichen Mamasöhnchens, dessen Entwicklungsstand der Vater richtig einschätzt. Der zu Weisheit und Reife gekommene Sohn schreibt so retrospektiv (oder, ganz wie man will: Sophie Mereau-Brentano läßt Albert folgendes von sich geben): „Mein Vater wünschte mich vor Einseitigkeit gesichert zu wissen, er wollte meine Kenntnisse vervielfältigen, meine Begriffe berichtigen, und meiner Urteilskraft eine freiere und festere Richtung geben.“ Mit anderen Worten, der Junge war zu nichts zu gebrauchen. Dementsprechend wurde er erstmal gen Italien geschickt. Doch er wird durchaus nicht zum Casanova, sondern bleibt harmlos wie sein Nachfahre, Adalbert Stifters Heinrich Drendorf aus dem Nachsommer. Auch als Albert Nanette endlich kennenlernt, ist sie die Agierende, während er romatisch-verklärt nur reagieren kann und immer wieder als verliebter Depp dasteht, während sie ernsthaften Bedrohungen entfliehen muß. Was soll eine Frau, die einem ränke- und rachsüchtigen Bruder zu entfliehen und einem anderen selbstmordgefährdeten Bruder beizustehen versucht, mit einem Idioten vom Schlage Alberts anfangen? Genau, nichts! Dennoch taucht sie, blitzartig wie bei einer Epiphanie, immer wieder mehr oder weniger zufällig in seinem Leben auf, bis sie sich an ihn gewöhnt und sich verliebt, zunächst nur platonisch, was Albert dann aber nicht reicht, denn so ein großer Idiot ist er dann doch nicht. Und am Ende, nachdem er den Selbstmord von Nanettens Bruder nicht hat verhindern können und im Schmerz zu Reife und auch Vernunft kommt, ist er es sogar, der die entscheidende Idee einbringt. Da Albert und Nanette von unterschiedlicher Konfession sind und eine zwanghafte Trennung wahrscheinlich ist, schlägt er vor, nach Amerika auszuwandern, denn dort, so ist er überzeugt, „wohnt ein freies Volk, dort freut der Genius der Menschheit sich wieder seiner Rechte, dort lassen die neuen glücklichen Verhältnisse eines jugendlichen Staates noch lange keine widrige Reform befürchten“. Und tatsächlich, so idiotisch war das damals gar nicht! Und so lebten sie glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage!

Doch nicht alle kommen so gut weg, nicht jeder Idiot hat Glück. Der bereits erwähnte, überaus empfindsame Werther sieht am Ende nur die Möglichkeit, entweder vor dem Altar verheiratet und glücklich zu sein, oder aber auf dem Altar einen Opfertod zu sterben und mit herausgeschossenem Gehirn der Geliebten das Restleben zu vergällen. Nicht mal ordentlich umbringen konnte der sich. Besser erging es da dem Kater Murr E.T.A. Hoffmanns, dessen biedermeierliches Glück schließlich gemacht ist, nicht trotz, sondern wegen seiner bildungsbürgerlichen Begriffsstutzigkeit. Überhaupt macht dann das Biedermeierliche den Idioten zur prägenden Figur ihrer Zeit, ein zylinderlich grüßendes und schwatzendes, in Frieden und Glückseligkeit wunderbar gedeihendes Wesen mit buntem Gehrock und Kleinbürgergemüt. Doch wie wir alle wissen, unter der Oberfläche grummelte es, und wer nach der 1848er Revolution nicht tot oder geflohen war, der blieb – als Idiot zurück. Insofern ist Stifters umfangreiche Erzählung Der Nachsommer zwar als Utopie zu begreifen, die dem unbefriedigenden Ergebnis der Revolution etwas entgegenzusetzen versucht, eine ästhetische Utopie, wenn man so will, doch das ändert nichts an der Tatsache, daß mit dem bis kurz vor Ende namenlosen Heinrich Drendorf ein Protagonist und Ich-Erzähler zu Wort kommt, der als ein durch und durch normiertes bürgerliches Wesen und als Gutmensch schlechthin erscheint, nicht als Unwissender, mitnichten, nein, eher als eine Art Untoter: der gute Vampir sozusagen, der allein Wissen aufsaugt, um sein Sein mit Fakten und Gewißheiten zu beleben und in der Welt zu verankern. Probleme der einsetzenden Industrialisierung, politische oder ethische Fragen werden von Heinrich nicht berührt. Der Idiot erkennt sich in der vorgegebenen Ordnung wieder und wird Teil von ihr, ohne jemals zu rebellieren, nicht einmal gegen sich selbst. Nur die ältere Generation in Gestalt Risachs stellt Fragen der angesprochenen Art und sagt bahnbrechende Veränderungen voraus, schließt sie zugleich aber aus dem eigenen Leben aus, das er als seinen persönlichen Nachsommer lebt. Daß Stifters Werk nicht trotz sondern wegen der inhaltlichen Ausrichtung und des weitgehenden Verzichts auf poetische Ichs eine eigentümliche Schönheit besitzt, zeigt allerdings einmal mehr die Möglichkeiten von Literatur auf.

Doch Idiot bleibt Idiot, und auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts taucht er in der (deutschsprachigen) Literatur auf, selten als fröhliches Bürschchen, meist als Jammerlappen oder verbiesterter Eigenbrötler. Doch was ist, wer ist das jetzt eigentlich, der Idiot? Nun, ein Idiot, so würde ein heutiger Kant es vielleicht formulieren, kann entweder nicht oder aber nur vollständig angemessen auf Umstände reagieren, denen er ausgesetzt ist; er ist also nicht in der Lage,  festverknüpfte und vorgegebene Bedingt- und Abhängigkeiten von Person und Kontext selbständig infrage zu stellen und etwaige Erkentnisse zielgericht umzusetzen. Das kann in der Realität sicher jedem passieren, doch hier und da als Idiot dazustehen, macht ja bekanntlich ein dickes Fell. Allerdings kann von einem Hier und Da in der Literatur meist keine Rede sein.

Ein gutes Beispiel, und das macht einen Idioten ja aus, nämlich ein gutes Beispiel für etwas Schlechtes zu sein, ist der namenlose junge Mann in Sören Kierkegaards Die Wiederholung. Zunächst läßt er sich für ein Experiment angeln, es geht um die Wieder-Holung verlorener Augenblicke wie dem des Verliebtseins, von dem er wenig begreift und bei dem er flüchtend die Geliebte an einen anderen verliert. Am Ende muß er dann Vorlieb nehmen mit einer seinem Schöpfer abgerungenen Existenz, die er briefeschreibend zu sichern sucht. Er hängt immer noch wie eine Marionette an den Fäden seines Schöpfers Constantin Constantius, ein eigenständig-poetisches Pseudonym Kierkegaards. Im Grunde beklagt der junge Mann aber den Mangel an poetischer Existenz und klammert sich an die biblische Figur des Hiob, der zwar zum Idioten hätte werden können durch die Wette von Gott und Teufel betreffs seines unbedingten Glaubens, sich aber gegen alle Widerstände an seinen Schöpfer wendet und Recht und Genugtuung bekommt. Nicht so der junge Mann. Zwar wendet auch er sich an seinen Schöpfer, doch dieser hat die Idee der Wiederholung und damit sein Geschöpf aufgegeben, er faulenzt, so wie Gott am siebten Tag. Das Leiden des jungen Mannes nimmt er zur Kenntnis, während er zugleich in jedem einzelnen Leser seiner Schrift per direkter Ansprache ein neues poetisches Ich sucht. Für den jungen Mann, den jungen Idioten hat er nur noch leisen Spott übrig, der aber ausreicht, ihn, den er gleichsam in die Existenz gezwungen hat, abzustempeln als das, was er ist. „Hier sieht man wieder“, schreibt er, „daß er Dichter ist. Ein Dichter ist gleichsam dazu geboren, den Mädchen zum Narren zu gereichen“. Für Constantius ist der junge Mann ein Narr, zugleich aber auch, als Dichter, ein höheres Wesen. Auf diese Stufe, das weiß er, wird er nie gelangen.

Der Idiot leidet. An seiner Unfähigkeit, den Lauf der Dinge zu ändern, an seinem immer wieder lebendig werdenden Glauben, eben dies sei eben doch möglich, dann wieder an der folgenden neuerlichen Erkenntnis der Unmöglichkeit. Und so fort. Das Perpetuum mobile der Idiotie. So ein Idiot eben wie der berühmte Fürst Mýschkin aus Dostojewskis Roman, der zudem noch bedingungslos an das Gute im Menschen glaubt. Ohne diesen Glauben und mit mehr Einsicht in den Lauf der Welt ist, und da hätten wir mal einen weiblichen Idioten, jene Natascha in Die Erniedrigten und Beleidigten angelegt, die dem Fürstensohn Aljoscha verfällt und sich wahrhaft idiotisch verhält, bevor sie am Ende in ihr altes Leben zurückstürzt. Bei Dostojewski ist an Idioten ohnehin kein Mangel, doch sind sie kaum einmal allein aus sich selbst heraus, gleichsam gemütsbedingt idiotisch, sondern meist aufgrund bedrückender Umstände. Dies gilt sicherlich auch für Samuel Becketts Wladimir und Estragon, deren Warten auf Godot ein durch und durch idiotisches Verhalten zur Folge hat, auch wenn sie nicht verliebt sind, es sei denn in Godot. Und als dieser partout nicht auftauchen will, erscheint Pozzo mit seinem Knecht, ausgerechnet Lucky mit Namen, der allen wie ein Idiot erscheinen muß, ein geknechteter Idiot mithin, dem jede Art von primitiver Rache zuzutrauen ist.

Und überhaupt, hat nicht das Dienende und damit der Diener in der Literatur etwas ausgesprochen Idiotisches an sich? Der Verstand, der Geist von Mr. Knotts Diener Watt in Becketts Roman bewegt sich jedenfalls oft genug sogar derart langsam, „daß er sich überhaupt nicht zu bewegen, sondern stillzustehen“ scheint. Der Diener also als Idiot, die auf einen Befehl seines Herrn, seiner Herrin wartende Gestalt, den geistlos-aufmerksamen Blick ins Leere gerichtet, ins Nichts, obgleich der Verstand unaufhörlich Widerstreitendes ersinnt oder wenigstens ersinnen müßte? Doch das sind, anders als Watt, dann doch Nebenfiguren in der Literatur, zu Idioten abgestempelte Wesen. Denn nicht jeder Diener, der hier sein Unwesen treibt, ist ein uneinsichtiger Idiot, nein, es gibt durchaus den Typus des einsichtigen. Jakob von Gunten, Protagonist in Robert Walsers gleichnamigem Roman, der den vollkommen sinnfreien Unterricht in Benjamenta’s Knabenschule beschreibt, weiß sogar das Eine ganz bestimmt: „Ich werde eine reizende kugelrunde Null im späteren Leben sein. Ich werde als alter Mann junge, selbstbewußte, schlecht erzogene Grobiane bedienen müssen, oder ich werde betteln, oder ich werde zugrunde gehen.“ Wenn das mal keine Aussichten sind. Hegel hätte daran sicher Gefallen gefunden, denn die Lust an der absoluten Unfreiheit, die Unterwerfung aus Selbstsucht, die Stärkung des knechtischen Selbstbewußtsein durch aufgezwungene Arbeit, all dies zeigt den Geist eines wahrhaften Dieners. Und tatsächlich, gleich zu Beginn des Romans ist sich der Protagonist bereits zum Rätsel geworden, er kennt sich selbst nicht; da ist doch die Aussicht, eine kugelrunde Null zu werden, in der alles Widersprüchliche des menschlichen Seins sicher eingeschlossen und neutralisiert ist, geradezu die Rettung. Jakob von Gunten ist Idiot aus Einsicht und entspricht so ganz seiner eigenen Idee – daran hätte wiederum Immanuel Kant seine helle Freude gehabt.

Im 20. Jahrhundert schreiben endlich die Verrückten über Verrückte, die Herausgerückten über Abgestürzte – es ist alles eine Frage, auf welchen Höllenkreis es einen verschlagen hat. Zwar gibt es, etwa bei Italo Svevo, immer noch den verliebten Idioten, oft ein liebenswertes Wesen, ganz im Sinne einer kugelrunden, einer walserschen Null, und dort gibt es eben keine Extreme. Sie ist unendlich klein und unbedeutend, sie hat keine Mitte und der Durchmesser entspricht dem Umfang, und die Null weiß das. Auch Becketts Watt kommt um solche Fragen nicht herum. Bei der Betrachtung eines Gemäldes mit einem unterbrochenen Kreis und einem Punkt fragt er sich, was der Künstler habe darstellen wollen: einen Kreis und seine Mitte auf der Suche nacheinander, oder einen Kreis und seine Mitte auf der Suche nach einer Mitte beziehungsweise einem Kreis oder einen Kreis und seine Mitte auf der Suche nach seiner Mitte …? Schließlich kommt ihm der Gedanke, daß dies hier ein Kreis und eine Mitte sei, die nicht seine Mitte wäre, auf der Suche nach einer Mitte beziehungsweise seinem Kreis, in grenzenlosem Raum und unendlicher Zeit. Er bricht in Tränen aus ob dieses Gedankens, und sie, die Tränen, nicht die Gedanken, rennen hemmungslos seine ausgekehlten Wangen hinab, „in einem unablässigen, höchst erquicklichen Strom“. Watt hat sich selbst zum Idioten gemacht, zum Unwissenden angesichts der Unendlichkeit von Raum und Zeit, doch er ist nicht unglücklich dabei, denn das Denken ist mit ihm.

Doch wer die Unendlichkeiten meist meidet, wer, wie Jean Paul dies ausdrückte, seine eigenen Teufel und Engel gebiert als die äußersten Pole, der bewegt sich und läuft immer Gefahr, sich zum Idioten zu machen. Im Roman Liebeserklärung von Michael Lentz ist das Ich, oder ist es der Ich fichtischer Provinienz?, auch mal auf dem kurzen Weg von Z nach A, meist jedoch schwankt es zwischen A und Z. Mal steht der Verstand still, das Ich kommt von Sinnen, mal ist es verzweifelt und rasend vor Zorn. Und alles nur wegen einer Frau, einer verlorenen Ehe. Also doch wieder die Liebe, wenn auch eine bereits verflossene. Idiot aus Leidenschaft, die kein Gegenüber mehr findet? Jean Pauls Siebenkäs, Armenadvokat und Schriftsteller, entzog sich der kleinbürgerlichen Enge in Ehe und Kuhschnappel durch seinen Scheintod, befreite sich und andere und bewies, wie der Idiotie zu entfliehen ist. Doch ist ein Schlaumeier in der Literatur noch interessant? Wer ist beliebter: Mickey Mouse oder Donald Duck? So lebte Siebenkäs glücklich und zufrieden bis an sein Lebensende – fast jedenfalls, denn ein Teil seiner selbst starb durch ihn selbst, als er seinem Zwilling im Geiste, Leibgeber bzw. Schoppe, als der Ich erschien und ihn so umbrachte. Der Idiot hat sich selbst für möglich gehalten.

© Alle denkbaren Rechte weltweit bei Norbert W. Schlinkert

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