Oje, Willi Winkler erklärt mich und viele andere zu armen Tröpfen

Da lese ich mit großem Interesse Willi Winklers Nachruf auf den Komponisten Hans Werner Henze (Süddeutsche Zeitung, 29. Oktober 2012, S.11, Printausgabe) und erfahre von seiner ob revolutionären Überschwanges unternommenen Reise nach Kuba. Wundert mich nicht, denke ich, denn in den 1960er und -70er Jahren scharrten sich ja viele Künstler hinter roten Fahnen und übersahen großzügig, daß sie naiv den allerschlimmsten Verbrechern folgten, so wie ihre Eltern Verbrechern gefolgt waren, voller Begeisterung. Dieses Treiben der 60er und 70er scheint heute den meisten Menschen von Verstand ziemlich unverständlich, weil es so dumm ist und weil diese Menschen, die Hồ Chí Minh oder Mao Zedong oder auch Fidel Castro folgten, nicht dumm waren, eigentlich. Heute sitzen viele derer, die die Namen dieser Verbrecher des Kalibers Hitler und Stalin skandierten und die Revolution wollten, entweder noch vereinzelt in der extrem rechten oder linken Ecke, oder aber, sie haben es sich im Establishment, als Speck oder Made, so richtig schön bequem gemacht – die Letzteren verklären die schöne alte Zeit gerne als doch recht harmlos, denn was gehen uns die Millionen fremder Opfer an, die machen ja nur unsere Träume kaputt und bringen den gelungenen Marsch durch die Institutionen in Mißkredit, ja sie gefährden überhaupt den schönen Mythos. Willi Winkler weiß also, was er zu schreiben hat. Er schließt den Nachruf mit den Worten „Und doch war dieser Revolutionstourismus mehr als ein schöner Traum, es war die phantastische Vorstellung, die Kunst könnte die Welt verändern, zum Besseren womöglich. Vielfach diskreditiert ist dieser Traum – darin besteht zu großen Teilen die Geschichte des 20. Jahrhunderts –, aber wer ihn nie geträumt hat, der ist ein armer Tropf.“ Tja, lieber Herr Winkler, da bin ich aber doch lieber ein armer Tropf als der Hofnarr beim grade angesagten Herrn Diktator aus dem fernen Märchenland! Ganz ehrlich! [Hoffentlich liest das hier keiner von denen, die diese herrliche Zeit damals mitgemacht haben, das kann richtig Ärger geben!]

 

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3 Responses to Oje, Willi Winkler erklärt mich und viele andere zu armen Tröpfen

  1. phyllis sagt:

    Ich war zwar damals nicht dabei, zieh‘ Ihnen aber, wenn Sie möchten, gerne stellvertetend eins über, um Ihre Erwartungshaltung nicht zu enttäuschen ; )

  2. phyllis sagt:

    (Sorry. Bin übermütig heute.)

  3. Danke, liebe Phyllis, ist nicht nötig 😉 Auf’s direkte Überziehen wird ja ohnehin heutzutage verzichtet, da das ja nun wirklich keiner mehr nötig hat, vor allem die nicht, die sich zu jeder Feierlichkeit im Hause Springer einladen lassen. Aber das ist schon wieder (fast) ein anderes Thema.