„Nur die Gegenwart ist frisch, das andere fahl und fahler.“

Freiwillig zurückblicken würde ich nie, es ist gefährlich. So meide ich jede Form von Jahresrückblicken, die die Medien offerieren, denn warum soll ich ohnmächtig Geschehnisse mir vorwiederholen lassen, die weder zu ändern sind noch eigentlich je wirklich zu wiederholen sein werden. Aus der Vergangenheit ist schließlich grundsätzlich nichts wieder herholbar (man lese nur etwa Kierkegaards Die Wiederholung), sie ist gleich der Unterwelt, aus der Orpheus seine Eurydike zurückholen wollte. Bekanntlich blickte sich Orpheus, dem es an Vertrauen mangelte, zu ihr um, zu seiner Eurydike, die er holen wollte aus eben dieser Unterwelt und die hinter ihm ging auf dem Weg in die Oberwelt, auf dem Weg voraus in die Gegenwart. Er wollte, mußte sich vergewissern, daß sie ihm folgte – und weg war sie, sie verschwand ihm, er blieb allein. Wäre er, im wahrsten Sinne des Wortes vorsichtig gewesen, sie hätten das gemeinsame Leben, aus dem der Tod Eurydike fortgerissen hatte, weiterleben können. So der Mythos, aus dem zu lernen niemandem einfällt heutzutage, denn die Zusammensetzung des Jetztmenschen aus Partikeln der Vergangenheit hat Hochkonjunktur, nicht wer man ganz und gar gegenwärtig ist, ist von Bedeutung, sondern wer man aufgrund seiner Vergangenheit zu sein hat – man sehe sich nur die Meriten an, die ein Jeder und eine Jede ins Karrieregeschäft einbringt, Merite an Merite sozusagen, lückenlos, widerspruchsfrei, ein sauberer Rückblick, bei dem nichts an ein Entschwinden gemahnt, so als sei es die leichteste Sache der Welt, das Vergangene und das daraus resultierende Zukünftige in die Gegenwart einzupressen, es als etwas Lebendiges zu nutzen und so klarzumachen, wie hervorragend man ist. Auch der eigene Kopf neigt dazu, Vergangenes hervorzuholen, es als noch formbar vorzustellen, und obgleich dies als eine Illusion leicht erkannt werden kann, fällt man noch leichter darauf herein und vergiftet sich die Gegenwart. Da hilft nur, denke ich, die gnadenlose Selbstverurteilung, die ich selbst grad übe, indem ich sage, dieses Jahr 2012 war (wie auch 2011 bereits) in vielerlei Hinsicht ein ganz und gar verlorenes Jahr, ein Jahr, in dem ich Schaden genommen habe und nicht wirklich weitergekommen bin, obgleich das ein oder andere durchaus geklappt hat und in der Meritenkiste liegt, mit der ich ins böse Spiel einzusteigen weiterhin verabsäume, nicht weil ich nicht könnte, sondern weil es nicht mein Spiel ist, was erkannt zu haben ich aber durchaus nicht dem Schaden zurechne, den ich erlitt, sondern dem kleinen Gewinn, von dem ich zehre. Wie sagt Hegel in seinen Vorlesungen über die Ästhetik (II, stw 614, S.238f.) ganz richtig: „Nur die Gegenwart ist frisch, das andere fahl und fahler“ – er sah das Vergangene als ausgesungen an und gemahnte den gegenwärtigen Künstler, gegenwärtig zu sein, denn alles Vergangene, ob Homer, Dante oder Shakespeare, erhalte ihre Kunstwahrheit nur als lebendige Gegenwärtigkeit. Da hat der Guteste wohl recht, denke ich, weil das Lebendig- und Gegenwärtigmachen allen Stoffes, jenseits der Meriterei, die eigentliche Kunst ist, auch im Leben selbst. Punktum.

 

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