Jahresendlichkeits-Stimmungsdesaster

Allerorten ist Streß angesagt, Ängste bahnen sich ihren Weg aus den tiefsten Tiefen des Gemüts, nichts ist, wie es soll, und hoffentlich wird wenigstens Weihnachten schön, besinnlich, gemütlich, alle glücklich, entspannt, auf jeden Fall entspannt muß es sein, koste es, was es wolle, denn die Sau rauslassen kann man dann Silvester ja auch noch, krachen lassen, die Schwarte, aber richtig! So der Plan. Leider aber ist die Zeit zwischen den Jahren am allerwenigsten geeignet, Pläne zu schmieden und Gewissheiten zu pflegen, denn wie schrieb Max Dessoir ganz richtig, so als meine er tatsächlich eben diese paar Tage im Jahr: „Das Blut vieler Jahrtausende rinnt in unseren Adern. Sein Pulsschlag ist nicht immer regelmäßig, sondern wird manchmal arhythmisch, wie er einst gewesen war. Gerade wenn wir am weitesten in die Zukunft zu schauen meinen, sind wir am engsten mit der Vergangenheit verbunden. Das ist der unbestimmt gefühlte Zauber dieser Sphäre, daß sie die Gegensätze wirklich eint. Der Ekstatiker erlebt im Bilde kommender Vollendung die Wünsche des Primitiven, wie er die höchsten Strebungen in schmerzhaft schöner Verschmelzung mit fleischlichen Instinkten erlebt. Zwar scheint dies – in logischer Erstarrung – ein unerträglicher Widerspruch. Aber der wirkliche Mensch lebt da am intensivsten, wo er sich am stärksten widerspricht.“ [Max DessoirVom Jenseits der Seele. Die Geheimwissenschaften in kritischer Betrachtung. Dritte Auflage 1919, zuerst 1917. S.12.] Ganz normal leben kann man dann wieder von Neujahr an – schrecklich auch das, denn dann erhebt der Geist der Langeweile wieder Anspruch auf uns, auf daß wir ihm dienen im Weltenalltag – und wer dies nicht tut, jahraus, jahrein, der kriegt keine Rente. So einfach ist das.

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2 Kommentare zu Jahresendlichkeits-Stimmungsdesaster

  1. phyllis sagt:

    Fassung, Herr Schlinkert!
    Wir stehen das durch!

  2. Ich fasse mich ja, liebe Phyllis, und beteilige mich an der Bildung von Zweckgemeinschaften, auf daß wir leidlich betrunken dem Schlimmsten entgehen. Das Dessoir-Zitat erinnert mich inhaltlich übrigens, auch wenn der Kontext der der parapsychologischen Forschung ist, irgendwie an ANHs „Das bleibende Thier„, vor allem der Textzeile „Der Ekstatiker erlebt im Bilde kommender Vollendung die Wünsche des Primitiven, wie er die höchsten Strebungen in schmerzhaft schöner Verschmelzung mit fleischlichen Instinkten erlebt“ wegen – das paßt auch genau auf die Zeit zwischen den Jahren, finde ich.